27 Jahre seines Lebens arbeitete Peter Reimann für die Finanzverwaltung des Kantons Aargau, 20 Jahre davon als deren Leiter. Aber nur noch bis am 30. Juni. Da wird er 65-jährig pensioniert. Das interne Abschiedsfest im Finanzdepartement hat er schon etwas früher ausgerichtet. Im Nachhinein ein Glück. Der am 12. Juni plötzlich verstorbene langjährige frühere Chef Reimanns, Roland Brogli (CVP), war nämlich zusammen mit den anderen früheren Finanzdirektoren, Stéphanie Mörikofer (FDP) und Ueli Siegrist (SVP), am Abschiedsfest dabei. Ebenso die Regierung in corpore, allen voran Landammann Stephan Attiger und der jetzige Finanzdirektor Markus Dieth. Wenn die ganze Regierung zur Verabschiedung kommt, dann muss dieser Mann einen wirklich guten Job gemacht haben.

Roland Brogli habe am Fest viel Lebensfreude ausgestrahlt, erinnert sich Reimann. Er erzählte begeistert von der grossen Costa-Rica-Reise, die er sich zur Pensionierung gegönnt hatte. Reimann: «Es ist für mich jetzt noch nicht fassbar, dass Roland Brogli nicht mehr da ist.» Sein verschmitztes Lächeln werde er nie vergessen, sinniert er: «Wenn Roland so lächelte, wusste ich, jetzt überlegt er sich was, das ich nicht richtig durchschaue.»

2003 erstmals schwarze Zahlen

Brogli war seit 2001 Regierungsrat. 2003 konnte er mit Reimann zusammen – der zuvor lange Defizitjahre erlebt hatte – erstmals wieder schwarze Zahlen präsentieren. Und das zehn Jahre lang. Dann brachen wieder schlechte Zeiten an. Reimann: «Die 90er-Jahre waren Jahre der wirtschaftlichen Stagnation, die Zahlen des Kantons tiefrot. Die ersten zehn Jahre des neuen Jahrhunderts verliefen trotz Internetbörsenblase und später der weltweiten Bankenkrise überraschend gut.» Jetzt kämpfen der neue Finanzdirektor Markus Dieth und Reimanns Nachfolger als Chef der Finanzverwaltung, Christian Moser, mit roten Zahlen.

Von Uni-Vorlesungen ...

Reimann, verheiratet und Vater einer Tochter, arbeitete vor seinem Eintritt ins Finanzdepartement neun Jahre in der Privatwirtschaft auf dem Finanzplatz Zürich. Beim Wechsel zum Kanton habe er damals gestaunt «über die fundierte und intensive Arbeit, die in der Verwaltung geleistet wurde», sagt er rückblickend. So lange beim Kanton geblieben ist er, weil er – ohne den Arbeitsplatz zu wechseln – für vier «Firmen» gearbeitet habe, sagt Reimann. Wie ist das zu verstehen? Er meint die vier Chefs. Beim ersten Chef Ueli Siegrist fühlte er sich an den Rapporten wie an einer Uni-Vorlesung. Siegrists Ausführungen zu staats- und finanzpolitischen Fragen seien sehr tiefschürfend gewesen und hätten sein Staatsverständnis geprägt, sagt Reimann.

... zum 20-Sekunden-Statement

Bei Siegrists Nachfolgerin Stéphanie Mörikofer waren die Sitzungen kurz und knapp: «Damals lernte ich, wie Aufträge knapp und klar formuliert werden können.» Roland Brogli schliesslich habe ihm beigebracht, dass gut Ding oft Weile haben muss und dass man Staats- und Finanzpolitik unbedingt gesamthaft angehen muss. Mit Markus Dieth erhielt er erstmals einen Chef, der jünger ist als er selbst. Hier lernte er, mit einer speziellen Vortragstechnik ein Statement in 20 Sekunden hinüberzubringen. Eine Herausforderung sei es schon gewesen, sagt Reimann diplomatisch, sich an den unterschiedlichen Führungsstil und die Persönlichkeit seiner vier Chefs anzupassen. Bereut hat er es aber nie, zum Kanton gewechselt zu haben: «Ich kann mir keine vielfältigere Arbeit vorstellen als die, die ich machen durfte. Sie betrifft nicht nur eine Firma, sondern alle Menschen im ganzen Kanton.»

Lieber im Hintergrund

Reimann hat sich enorm viel Finanzwissen angeeignet. Reizte es ihn nie, in die Politik zu wechseln und sein Wissen und seine Ideen selbst unter die Leute zu bringen? Reimann, dessen Fricktaler Onkel Robert Reimann viele Jahre Aargauer Gross-, National- und Ständerat war, schüttelt energisch den Kopf: «Mir gefällt es, im Hintergrund Entscheidungsgrundlagen so gut und verständlich zu erarbeiten und auf den Punkt zu bringen, dass mein Chef diese anschaulich vorbringen und die Menschen überzeugen kann.»

Ab 1. Juli hat Reimann viel Zeit. Was macht er damit? Zum einen will er etwas Neues anpacken. Es sei aber noch nicht reif, um den Inhalt zu verkünden. Zum anderen nimmt er sich Zeit für Herausforderungen im Bereich der Freiwilligenarbeit. Er ist beispielsweise im Vorstand des Hospizes von Brugg. Und drittens will er Freizeit mit seiner Frau verbringen.

Schon über den Tourmalet

Als Erstes flogen die beiden (Reimann hat noch letzte Freitage bezogen) bereits nach Bilbao im Baskenland. Derzeit fährt er allein mit dem Velo zurück in den Aargau. Warum allein? Reimann: «Wenn mehrere Männer miteinander unterwegs sind, wird daraus irgendwann ein Wettbewerb. Ich mag aber nicht hetzen, zudem will ich mein Tempo selbst bestimmen.»

Da geht es über die Pyrenäen und da auch über den aus den Tour-de-FranceRennen berühmten Col du Tourmalet. Den hat er inzwischen bezwungen. Wie gross ist sein Respekt vor der Riesenstrecke? Reimann: «Der ist da, es ist ja auch meine bisher längste Radtour. Aber mir gefällt das. Ich gehe rasch weg aus der Schweiz und komme dann langsam zurück. Darauf freu ich mich.»