Heute ist der letzte Tag von Werner Augstburger als Chef der Finanzkontrolle des Kantons Aargau. Die Übergabe an seine Nachfolgerin Karin Eugster – seine bisherige Stellvertreterin – ist erfolgt. Ab 1. September ist er Rentner. Nach 33 Jahren im Dienste des Kantons. Befällt ihn da Wehmut, oder ist er froh, dass er in der Verwaltung nicht mehr der «Böse» sein muss? «Weder noch», lacht Augstburger: «Ich habe diese Arbeit gern gemacht, weil ich ständig in Kontakt mit Menschen bin, weil sie so abwechslungsreich ist und weil man viel bewirken kann, wenn man es richtig anstellt.»

Dass er jemals diese Funktion ausüben würde, hätte er sich bestimmt nicht gedacht, als er einst in der Tabakindustrie in Reinach – wo er zusammen mit seiner Frau heute noch wohnt – eine KV-Lehre absolvierte. Später studierte er an der Fachhochschule erfolgreich Betriebsökonomie und Marketing. Er fand eine Stelle in der damaligen SBG (heute UBS), wechselte später zweimal den Arbeitgeber.

Ein Freund aus der SBG-Zeit machte ihn auf die Stelle des Chefs bei der aargauischen Finanzkontrolle aufmerksam. Augstburger bewarb sich und ging nach dem Vorstellungsgespräch beim damaligen Finanzdirektor Kurt Lareida mit gutem Gefühl nach Hause. Doch danach hörte er nichts mehr. Schliesslich fragte er nach. Die Gegenfrage am Telefon lautete: «Ja hat Ihnen das denn niemand gesagt? Der Regierungsrat hat Sie längst gewählt!»

Alle Rechnungen gingen über seine Dienststelle

So trat Augstburger seine neue Stelle als Sektionsleiter Finanzkontrolle am 1. November 1986 an. Anfänglich bestand seine Haupttätigkeit im Rahmen der Finanzkontrolle darin, alle Rechnungen aus der Kantonsverwaltung und den Staatsinstituten, also auch der Strafanstalt Lenzburg und der Kantonsspitäler, zu kontrollieren und zu stempeln. Eine ungeheure Menge Papier. Und es wurde immer mehr. Augstburger wurde klar: Das kann es nicht sein. Natürlich fanden er und seine Leute immer wieder Fehler. Er fügt aber gleich an, «dass damals wie heute die weitaus meisten korrekt arbeiten». Dass er jahrelang buchstäblich alle Rechnungen sah, gab ihm einen tiefen Einblick: «Wir wussten bald, wer wie arbeitete, welche Rechnungen wir vertieft prüfen mussten und welche wir – abgesehen von Stichproben – abstempeln konnten. Dennoch musste eine effizientere Lösung her.»

1995 wurde unter dem damaligen Finanzdirektor Ulrich Siegrist das Amt für Finanzkontrolle geschaffen. Augstburger sagt: «Seither üben wir die Funktionen aus, die man landläufig unter einer Finanzkontrolle versteht.» Das heisst, dass nicht mehr nur die Korrektheit einer Rechnung, sondern auch die Einnahmen geprüft werden. Im Jahr 2004 wurde mit einem eigenen Gesetz die heutige Finanzkontrolle begründet– ausgestattet mit grösstmöglicher Unabhängigkeit. Augstburgers Leute können heute bei allem, was dem Kanton gehört, Prüfungen durchführen – auch bei Firmen, die Geld vom Kanton bekommen.

Kamen ihm Parteimitgliedschaft und Tätigkeit in der SVP, anfänglich auch als Vizeammann von Reinach, nie in die Quere? Augstburger verneint: «Ich mischte mich in meiner Funktion nie in die Politik ein. Ich wollte mich nicht dem Vorwurf aussetzen, ein Entscheid sei auch nur im Ansatz politisch gefärbt. Und mir war es sehr wichtig, mit allen reden zu können. Das gelang, egal, in welcher Partei jemand ist.»

Reut es ihn, dass er die Sonderprüfung zur Chefarztaffäre im Kantonsspital nicht mehr selber führen kann? Augstburger sagt lächelnd: «Meine Nachfolgerin macht das sehr gut, da braucht es mich nicht mehr. Sie überprüft aber aus Gründen der Gleichbehandlung alle drei Kantonsspitäler.»

Ist das Ganze nicht Sisyphusarbeit, muss man nicht immer wieder dasselbe beanstanden? Das erlebt Augstburger anders: «Wir gehen vorurteilslos an jede Aufgabe heran, gehen anständig mit den Leuten um. Das zahlt sich aus. Wir haben zwar kein Weisungsrecht und können nur Empfehlungen aussprechen. Doch die werden beherzigt. Niemand will zweimal mit demselben Fehler im Bericht auftauchen.»

Es seien heute weniger Mängel festzustellen als früher. Das führt er auch auf die Professionalisierung in der Verwaltung zurück. Ihm ist bewusst, «dass auch wir Kontrolleure Fehler machen können. Dann ist es ganz wichtig, dazu zu stehen und sie zu korrigieren.» Noch etwas liegt ihm am Herzen. Ihm tut es weh, wenn Kantonsangestellte hingestellt werden, als würden sie sich ein schönes Leben machen: «Dieses Bild ist falsch. Die Menschen hier arbeiten sehr gewissenhaft und erbringen eine hohe Leistung. Ich habe früher in der Privatwirtschaft gearbeitet, ich kann das beurteilen.»

Künftig Fokus auch auf Wirtschaftlichkeit

Doch auch die Finanzkontrolle darf nicht stehen bleiben. Augstburger ist überzeugt, dass sie künftig vermehrt auch die Wirtschaftlichkeit und Wirksamkeit von Ausgaben beurteilen müsse, «und nicht bloss, ob die Zahlen stimmen». Inwieweit hilft ihm die Digitalisierung? Papier werde es noch lange brauchen, ist Augstburger überzeugt. Dank Digitalisierung könne man heute aber viel gezielter nach Fehlern suchen: «Wenn wir zum Beispiel früher alle Rechnungen einer bestimmten Firma an kanto-nale Stellen anschauen wollten, war das eine Riesenarbeit. Heute geben wir das Stichwort ein und alles liegt vor uns.»

Was macht Augstburger jetzt? Eine grosse Reise zusammen mit seiner Frau? Er winkt ab. Bei einem Unfall hat er sich eine Rippe gebrochen, da liegen keine grossen Sprünge drin. Eine Woche Ferien gönnt er sich aber schon. Dann muss er wieder hier sein, und im Schiesssport zu unterrichten. Er bleibt Vize-Verwaltungsrats-Präsident des regionalen Energieunternehmens EWS. Und er lernt grillieren.

Sagts und packt die Blei-stifte ein, die ihm SVP-Grossrat Pascal Furer zur Pensionierung geschenkt hat. Warum denn Bleistifte? Als Augstburger vor 33 Jahren anfing, war die verwaltungsinterne Beschaffung von Schreibmaterial so aufwendig, dass er dieses entnervt im nächsten Laden auf eigene Rechnung beschaffte. Das wäre heute bestimmt nicht mehr notwendig, oder?