Christoph Blocher
Er verwandelte die Bärenmatte in einen Schützengraben: «Mir befehled do und ihr befehled det!»

In Suhr feierte man im Bärenmattsaal 25 Jahre Nein zum EWR. Die Jubiläumsfeier war eine Art «Weisch-no-Festival». Ein Stimmungsbericht.

Mario Fuchs
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Keine Parodie, sondern todernst: Christoph Blocher vor der Broschüre von 1992.
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Alt Bundesrat Chrsistoph Blocher (SVP) referiert auf Einladung von Perspektive CH
Blocher spricht über das Thema "25 Jahre nach dem EWR-Nein - wo stehen wir heute?"
Organisator Otto H. Suhner bei seiner Begrüssungsansprache.
Organisator Otto H. Suhner bedankt sich bei Silvia und Christoph Blocher.
Blocher in Buchs (24.10.2017)

Keine Parodie, sondern todernst: Christoph Blocher vor der Broschüre von 1992.

Mario Fuchs

Der Mann begeistert und erzürnt Menschen, und er braucht dafür nur zwei Dinge: eine Bühne und ein Mikrofon. An diesem Dienstagabend ist es die Bühne des Bärenmattsaals in Suhr, die «Herr Dr. Christoph Blocher, ehemaliger Nationalrat und Bundesrat», betritt.

Familie Blocher: Mutter Silvia, Markus, Miriam, Rahel, Vater Christoph und Magdalena (Im Uhrzeigersinn).
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Christoph Blocher: Unternehmer, alt Bundesrat, SVP-Vordenker, Populist Christoph Blocher – geboren am 11. Oktober 1940 in Schaffhausen – ist eines von elf Kindern der Pfarrersfamilie Wolfram und Ida Blocher.
Silvia Blocher (*1945) Mit der geborenen Silvia Kaiser hat Christoph Blocher vier Kinder: die Töchter Magdalena, Miriam und Rahel sowie Sohn Markus. Blochers wohnen in Herrliberg und auf Schloss Rhäzüns.
2003 Christoph und Silvia Blocher freuen sich über den Wahlsieg der SVP. Im selben Jahr wird er Bundesrat (bis 2007).
Tochter Magdalena Blocher (*1969) Sie leitet die Ems-Chemie (seit 2002) und sitzt für die SVP Graubünden im Nationalrat (seit 2015).
Tochter Miriam Blocher (*1975) Miriam Blocher ist seit 2007 alleinige Chefin des Baselbieter Läckerli-Huus.
Tochter Rahel Blocher (*1977) Um Rahel Blocher ist es relativ still. Doch sie ist in das Firmengeflecht und die Geschäfte der Familie involviert.
Sohn Markus Blocher (*1972) Markus Blocher ist Chef, Präsident und Mehrheitsaktionär der Feinchemikalienfirma in Dottikon AG.
Bruder Gerhard Blocher (1934 bis 2016) war Pfarrer. Schweizweit bekannt wurde er wegen kritischen Äusserungen: Die Gegner seines Bruders Christoph ging er am TV wiederholt verbal an.
Bekannt ist auch Christoph Blochers Schwester Judith Giovannelli-Blocher Die Sozialarbeiterin und Buchautorin lebt in Bonstetten ZH. Politisch am linken Spektrum angesiedelt, kritisierte Judith ihren Bruder wiederholt. Auch während der Verschärfung des Asylrechts 2006. Bekannt ist auch die verstorbene Schwester Sophie Blocher (1935 bis 2002), die Pfarrerin in Basel und auch in der Basler Mission tätig war.
Nach einer politischen Veranstaltung nimmt am 25. September 1992 der Redner und Nationalrat Christoph Blocher die Gratulationen seiner Mutter Ida Blocher entgegen.

Familie Blocher: Mutter Silvia, Markus, Miriam, Rahel, Vater Christoph und Magdalena (Im Uhrzeigersinn).

Marc Wetli - 13 Photo

Eine Zeit lang bildet der Hellraumprojektor hinter ihm das Deckblatt einer Broschüre ab, die 1992 vor der Abstimmung über den Beitritt zum europäischen Wirtschaftsraum am Kiosk verkauft wurde. Titel: «EWR – Der falsche Weg für die Schweiz». Verfasst von Silvia Blocher, die zu ihrem Gatten gesagt hatte: «Du erzählst ja immer das Gleiche. Wir sollten das einmal aufschreiben.»

Das Cover zeigt den 52-jährigen Blocher in einer Schwarz-Weiss-Fotografie, Brille auf der Nasenspitze, scharfer Blick, sprechende Hände. Wie der 77-jährige Blocher so vor seinem Porträt steht und zu «25 Jahre nach dem EWR-Nein – wo stehen wir heute?» gestikulierend referiert, wirkt es einen Moment lang fast wie eine gelungene Parodie auf sich selber. Wäre der Inhalt nicht todernst. Aber dazu später.

«Aargau hä, sitzed alle hine!»

Am Halleneingang drückt ein freundlicher Mann den Besuchern Infomaterial in die Hände: Die «Schweizerzeit» und «Zahlen und Fakten zur Ausländerpolitik». Auf den Tischen liegen Flyer des «Komitees gegen den schleichenden EU-Beitritt» und von «Perspective CH – Forum für Weltoffenheit und Souveränität».

Bevor ein Wort gesagt ist, ist klar: Die Bärenmatte ist an diesem Abend der Schützengraben der Verteidiger der eigenständigen Schweiz. Und Otto H. Suhner so etwas wie ihr Kommandant. Der umtriebige Perspective-Präsident hat den Anlass organisiert, sagt: «Was mich ganz besonders freut, Christoph: Dass du deine liebe Frau Silvia begeistern konntest, zu uns in den Untertanenkanton zu kommen.»

Das Paar, das vor anderthalb Wochen sein Goldenes Hochzeit feiern konnte, lacht und applaudiert, und die Zuhörerschaft tut es ihm gleich. Sie sitzt gut verteilt im Saal, der vor allem in den vorderen Reihen einige leere Plätze aufweist. Organisator Suhner nimmt es gelassen, kokettiert: «Das erste, was Christoph beim Hereinkommen gesagt hat: ‹Ah, Aargau hä, sitzed alle hine!›»

Auf den Tischen stehen Knutwiler, Shorley, Rivella rot. Und Suppenteller. Allerdings nicht, um mit Essen gefüllt zu werden, sondern «für Beiträge nach Ihrem eigenen Ermessen». Die Message ist auch hier eindeutig: Das Fleisch am Knochen wird vom Rednerpult aus serviert. Die Vorspeisen von der Blaskapelle Eigenamt sowie Suhrs Gemeindepräsident Beat Rüetschi. Er stellt sein Dorf vorwiegend in Zahlen vor, bis hin zum Ausländeranteil von 32 Prozent. «Läck», sagt der Sitznachbar, «hui», kommentiert der Gast neben ihm.

Bis zum letzten Flugblatt

Dann beginnt der eigentliche Teil des Programms. Es ist eine Jubiläumsfeier, oder man könnte auch sagen: eine Art Weisch-no-Festival. «Perspective CH» wurde zwar erst 1993 gegründet, also im Jahr danach, aber entstanden war der Verein 1992, um sich gegen das «Trainingslager für den EU-Beitritt» zu wehren.

Und weil runde Geburtstage immer eine gute Gelegenheit sind, um von früher zu schwärmen, sind die alten Kampfkameraden alle gekommen: Luzi Stamm, Ernst Hasler, und natürlich Suhner selber. Sie erzählen, wie sie den Herbst 1992 erlebt hatten. Wie man sich gegen alle, aber gegen wirklich alle zur Wehr setzen musste, bis zum letzten Flugblatt, Zeitungsinserat, Parteiversammlungsauftritt.

Luzi Stamm sagt: «Wahrscheinlich wird es im 22. Jahrhundert, wenn es noch Geschichtsbücher geben sollte, heissen: Am Ende des letzten Jahrtausends gab es eine Person, die Gegensteuer gab, die Schweiz vor dem EU-Beitritt bewahrte, die direkte Demokratie rettete. Ganz herzlichen Dank, Christoph Blocher!»

Keine Angst um den Aargau

Das war sein Stichwort. «Gschätzti Aargauerinne und Aargauer, getreui liebi Mitlandslüt us de übrige Schwiiz, liebi Fraue und Manne.» Blocher ergänzt die Episoden seiner Vorredner um eine gute Stunde. Man erfährt, dass das in die Zange genommene Schweizerkreuz, das man als Emblem im «zugegebenermassen amateurhaft geführten Abstimmungskampf» genutzt hatte, nicht von einem PR-Büro stammte, sondern von einem Innerschweizer Handwerker.

Man erhält verdeutlicht, was die Folgen der Abstimmung waren: «Wir sind nicht EU-Mitglied. Das ist das Wertvolle.» Er könne zwar nicht sagen, man werde es nie, weil er nicht wisse, «was da noch alles läuft und ob wir stark genug sind. Aber bis jetzt sind wir es nicht.»

Leider habe sich die Classe politique bis heute nie mit dem Abstimmungsresultat vom 6. Dezember 1992 abgefunden. «Das ist unschweizerisch!» Die Wahlen müssten deshalb wieder zu einer Abrechnung werden: Wer nicht mache, was das Volk entschieden habe, müsse weg. «Höred uf mit däre Schönheitskonkurrenz!» Lieber ein Unsympathischer, der zur Schweiz stehe, als ein Sympathischer, der sie verrate.

Sein Fazit: «Mir müend nöd is Usland go meine mir chöned die überzüge. Mir müend säge: Mir wänds eso. Mir sind en unabhängige Staat. Mir befehled do und ihr befehled det.» Es ist die Stimme eines Kämpfers, der das Schlachtfeld seines Lebens noch nicht verlassen kann. Ein bisschen älter ist er geworden, aber kein bisschen müde.

Nach einer 40-minütigen Fragerunde nimmt er sich Zeit für Gespräche, ein Selfie mit einem jungen Fan, einen Schwatz mit dem AZ-Reporter. Er sagt: «Ich komme immer gern in den Aargau. Um euch muss ich keine Angst haben.» Jetzt müsse er aber heim, denn er sei ja noch «werktätig». Dann lässt sich Christoph mit Silvia nach Hause chauffieren. An diesem Abend hat er niemanden im Publikum verärgert.