Der Mordfall von Gränichen gab den Richtern diese Woche Rätsel auf: keine Tatwaffe, keine Geständnisse. Alfi Moor hingegen bereitete der Prozess keine Mühe. Ein einziges Blatt reichte ihm, um die Szenerie festzuhalten. In einem Anlauf skizzierte und kolorierte er die beiden Angeklagten, die Anwälte, die Richter. Super sei es gelaufen, sagt der Gerichtszeichner aus Zofingen.

Dabei ist Moors Aufgabe vor Gericht keine leichte, die Porträtierten drehen den Kopf, ändern die Sitzposition, wechseln den Gesichtsausdruck. Entsprechend aufmerksam beobachtet er die Angeklagten, jedes Detail kann wichtig sein. «Nicht alle Leute sind gleich leicht zu zeichnen.» Am liebsten porträtiert er Menschen mit prägnanten Gesichtern, auffälligen Merkmalen. Rossschwanz, Bart, Ohrring – mit einem Selbstporträt täte sich Moor wohl nicht besonders schwer. Gibt es bei einer Person auf den ersten Blick nichts, was hervorsticht, schaut er noch genauer hin – bis er auch in einem Allerweltsgesicht das Besondere entdeckt. «Es gehört dazu, dass man als Gerichtszeichner Sachen sieht, die nicht alle sehen.» Erkennt er auch, wenn ein Angeklagter vor Gericht lügt? Alfi Moor lacht und winkt ab.

«Aber ich beobachte gezwungenermassen sehr genau, wie sich die Angeklagten vor Gericht verhalten.» Am Prozess diese Woche entging ihm nicht, unter welchem Druck der Hauptangeklagte stand, der zu Prozessende wegen Mordes verurteilt wurde. Im Gesicht, in der Gestik sei dessen Nervosität zu erkennen gewesen. Die Anspannung des Mannes versuchte er in der Zeichnung sichtbar zu machen. Arbeitet er vor Gericht, setzt er sich zum Ziel, das Geschehen möglichst präzise darzustellen. Seine Werke sollen Zeitungslesern und Fernsehzuschauern einen Einblick in die Gerichtssäle ermöglichen.

Alfi Moor ist einer von wenigen Gerichtszeichnern der Schweiz. Von vier anderen wisse er noch, sagt er. Anders als etwa in den USA sind in der Schweiz Foto- und Filmaufnahmen in den Gerichtssälen verboten. Medien sind deshalb auf die Zeichner angewiesen, wollen sie sich nicht mit Symbolbildern oder der Aufnahme von leeren Gerichtssälen begnügen.

Sie kommen dann zum Einsatz, wenn ein Prozess das Interesse der Öffentlichkeit weckt. Der Schenkkreismord, der Prozess von Carl Hirschmann, ein Banküberfall in Baden oder der Mord an der 16-jährigen Lucie – Moors Gerichtspremiere. Damals verfolgte nicht nur er, sondern das ganze Land den Prozess. «Ich war extrem aufgeregt, habe fast gezittert», erinnert sich Moor. Die Aufgabe hat er trotzdem gemeistert, seine Bilder erschienen in verschiedenen Medien. Dabei geholfen hat ihm seine Erfahrung als Künstler. Schon sein ganzes Leben lang malt und zeichnet er. Als Kind auch schon mal auf Wände, Böden, Möbel.

Heute arbeitet Alfi Moor meist mit Acryl auf Leinwände. Die bemalten Exemplare stapeln sich im Atelier, das vorübergehend im Zofinger Einfamilienhaus untergebracht ist, in dem er mit seiner Frau und den beiden Töchtern lebt. Im umfunktionierten Büro im oberen Stock arbeitet Alfi Moor an seinen Werken.

Mit Vorliebe porträtiert er prominente Menschen. Im Atelier ist neben Fussballstar Franck Ribéry und Regisseur Alfred Hitchcock auch die Politprominenz des Landes versammelt: Christoph Blocher, Ulrich Giezendanner, Alain Berset, Geri Müller – sie alle hat er schon gezeichnet. Es werden weitere Porträts von Prominenten, Kriminellen, vielleicht gar von prominenten Kriminellen folgen. Denn, so sagt Moor: «Ein Leben ohne Kunst ist für mich undenkbar.»