Familiendrama von Oberrohrdorf
Er überlebte, weil er aufwachte: «Innerhalb von Sekunden hatte ich meine ganze Familie verloren»

Nur weil er aufwachte, als sein Vater auch ihn töten wollte, lebt er heute noch. Der 40-jährige A.C. spricht mit der az erstmals über die Tragödie, weshalb er noch im gleichen Haus wohnt und wem sein Dank gilt.

Martin Rupf
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A. C. blickt auf dem Balkon seines Hauses ins Reusstal. Er lebt mit seiner Familie in dem Haus, wo sich vor 20 Jahren das Familiendrama ereignete.

A. C. blickt auf dem Balkon seines Hauses ins Reusstal. Er lebt mit seiner Familie in dem Haus, wo sich vor 20 Jahren das Familiendrama ereignete.

Sandra Ardizzone

Schmucke Häuser, gepflegte Gärten, herrlicher Blick ins Reusstal. Mitte Juni 1996 wurde dieses Quartier – ja das ganze Dorf - aus der Idylle gerissen, als ein Familienvater seine Frau und seinen jüngeren Sohn ermordete. Auch den älteren Sohn wollte er ums Leben bringen.

Doch es kam nicht so weit. Jetzt, 20 Jahre später, spricht der heute 40-jährige A.C. (Name der Redaktion bekannt) zum ersten Mal über die Tat, wie er trotzdem seinen Lebensmut nicht verloren hat und was mit seinem Vater passierte. Zum Gespräch empfängt er den Journalisten in dem Haus, wo sich die Tragödie damals abspielte. Während des ganzen Gesprächs wirkt er gefasst und ruhig.

 Am 14. Juni 1996 kam es in Oberrohrdorf zu einem Familiendrama, das weit über die Region Bestürzung auslöste. Ein Familienvater (60) und anerkanntes Mitglied der Gemeinde erschoss seine Ehefrau (58) und seinen jüngeren Sohn (18). Auch den älteren Sohn (20) wollte er umbringen, tat es dann aber doch nicht. Als Tatmotiv gab der verzweifelte Vater an, er habe seiner Familie den finanziellen Ruin ersparen wollen. Die az widmet der Tragödie eine dreiteilige Serie. In der ersten Folge erinnerte sich Hans Jörg Schweizer, der damalige Klassenlehrer des Opfers, an die Geschehnisse (az vom 14. Juni). In der zweiten Folge (az vom 15. Juni) erinnerte sich alt Gemeindeammann Toni Merki an die Tat und sprach darüber, dass er dem Vater eine solche Tat nie zugetraut hätte, war dieser doch ein Kollege von Merki. (mru)

Am 14. Juni 1996 kam es in Oberrohrdorf zu einem Familiendrama, das weit über die Region Bestürzung auslöste. Ein Familienvater (60) und anerkanntes Mitglied der Gemeinde erschoss seine Ehefrau (58) und seinen jüngeren Sohn (18). Auch den älteren Sohn (20) wollte er umbringen, tat es dann aber doch nicht. Als Tatmotiv gab der verzweifelte Vater an, er habe seiner Familie den finanziellen Ruin ersparen wollen. Die az widmet der Tragödie eine dreiteilige Serie. In der ersten Folge erinnerte sich Hans Jörg Schweizer, der damalige Klassenlehrer des Opfers, an die Geschehnisse (az vom 14. Juni). In der zweiten Folge (az vom 15. Juni) erinnerte sich alt Gemeindeammann Toni Merki an die Tat und sprach darüber, dass er dem Vater eine solche Tat nie zugetraut hätte, war dieser doch ein Kollege von Merki. (mru)

Herr C., wir führen dieses Gespräch bei Ihnen zu Hause. Im gleichen Haus, wo Ihr Vater vor 20 Jahren die schreckliche Tat beging. Welche Erinnerungen haben Sie an jenes verhängnisvolle Wochenende?

A. C. Ich muss vorausschicken, dass mich die Erinnerungen an die Tat zum Glück nicht täglich begleiten. Aber jeweils zum Jahrestag und natürlich auch jetzt, wo wir über damals sprechen, kommt alles wieder hoch.

Erzählen Sie.

Mein Vater beging die Tat an einem Freitagmorgen. Am Abend bin ich von meiner Arbeit – ich hatte damals schon die Kanti abgeschlossen und verdiente mir bei der Post einen Extrabatzen für die Ferien – nach Hause gekommen, wo ich meinen Vater antraf ...

... Ihr Vater war im Haus? Haben Sie ihm gar nichts angemerkt?

Man muss wissen, dass ich zu meinem Vater zu dieser Zeit ein eher angespanntes Verhältnis hatte. Das war darauf zurückzuführen, dass er über mein Leben und insbesondere über meinen beruflichen und auch militärischen Werdegang bestimmen wollte. Ich wollte eigentlich die Polizeischule machen, er hätte mich gerne an der Uni Jura studieren gesehen. Wegen der angespannten Beziehung interessierte ich mich zu dieser Zeit nicht sonderlich dafür, wie es ihm ging, und hätte deshalb auch gar nicht bemerkt, wenn er komisch drauf gewesen wäre.

Sie haben sich nicht gewundert, wo Ihre Mutter und Ihr Bruder waren?

Nein. Meine Eltern waren zu jener Zeit viel unterwegs und mein Bruder sowieso – entweder in der Pfadi oder dann war er bei der Freundin.

Ihr Vater wollte auch Sie umbringen, wie man später aus den Medien erfahren konnte. Wieso kam es nicht dazu?

Es tönt verrückt, aber wahrscheinlich hatte er nicht zuletzt wegen der bereits erwähnten Konflikte einen zu grossen Respekt vor mir. Ich vermute, das war mit ein Grund, weshalb er meine Mutter und meinen Bruder bereits am Freitagmorgen getötet hatte. Er wusste, ich bin dann nicht zu Hause; für ihn stellte ich wohl ein Sicherheitsrisiko dar ...

... weshalb er Sie schliesslich im Schlaf zu erschiessen versuchte ...

... richtig. Wir haben am Samstagabend noch zusammen zu Abend gegessen und später sogar noch gemeinsam einen Film geschaut. Schon verrückt, wenn man bedenkt, dass zu dieser Zeit die toten Körper meiner Mutter und meines Bruders im Keller lagen.

Es beschlich Sie noch immer kein komisches Gefühl, weil Sie die beiden nun schon 24 Stunden lang nicht gesehen hatten?

Ich habe meinen Vater sehr wohl gefragt, wo sie seien. Doch er sagte nur, mein Bruder sei bei der Freundin und Mutter schlafe schon oben. Ich hatte keine Veranlassung, dies nicht zu glauben. Irgendwann ging ich selber schlafen.

Was passierte dann?

Plötzlich wachte ich auf; es muss wohl so gegen zwei Uhr morgens gewesen sein (nachdenklich). Vielleicht sorgten meine tote Mutter und mein toter Bruder als Schutzengel dafür, dass ich in diesem Moment aufgewacht bin. Im Raum erkannte ich eine Person. Zuerst dachte ich an einen Einbrecher, doch dann erkannte ich anhand der Atmung meinen Vater. Ich machte das Licht an und fragte ihn, was er in meinem Zimmer zu suchen habe. Er stand einfach nur da und hatte eine Taschenlampe in der Hand. Die andere Hand war hinter dem Rücken. Er sagte etwas, wonach er meinen Bruder gehört habe, dieser aber nicht im Haus sei. Ich war ziemlich sauer und meinte nur, dass mein Bruder wohl wieder zu seiner Freundin gegangen sei. Er solle mich jetzt schlafen lassen.

Sie hatten gar kein komisches Gefühl?

Doch. Als ich mich wieder ins Bett legte, wurde ich den Gedanken einfach nicht los, dass da wirklich etwas faul an der Sache war. Ich fühlte mich unwohl, weshalb ich sicherheitshalber die Zimmertüre abschloss. Irgendwann bin ich eingeschlafen.

Ihr Vater wollte auch Sie umbringen. Haben Sie eine Erklärung, weshalb er es in jener Nacht nicht tat?

Er sagte später aus, dass ihn der Mut verlassen habe, als ich aufgewacht sei und ihm in die Augen sah.

Wie ging es am Sonntag weiter?

Vor meinem Zimmer lag ein Zettel von meinem Vater. Er und meine Mutter seien am Kirchenfest. Zu diesem Zeitpunkt waren meine unguten Gefühle von letzter Nacht schon wieder verflogen.

Wann änderte sich das?

Es war interessanterweise die Mutter der damaligen Freundin meines Bruders, die mich anrief und meinte, es sei etwas nicht in Ordnung. So sei mein Bruder unter anderem nicht zur Pfadiübung am Samstag erschienen, obwohl er diese organisiert hatte. Die Freundin und Kollegen meines Bruders seien schon am Samstagabend, ich war nicht zu Hause, bei uns vorbeigekommen und hätten gefragt, was los sei. Mein Vater habe ihnen gesagt, dass mein Bruder in Zürich einen schlimmen Unfall hatte, im Spital liege und meine Mutter bei ihm sei. Aufgrund dieser Information fing ich an, alle infrage kommenden Spitäler und die Polizei zu kontaktieren, ob sie etwas von meinem Bruder wüssten – jedoch ergebnislos.

Und dann?

Wenig später rief mein Vater an.

... und gestand die Tat, wie man später lesen konnte?

Nicht direkt. Er sprach sehr wirr und erzählte mir irgendetwas, wonach meine Mutter freiwillig aus dem Leben hätte gehen wollen und er es dann für sie getan habe. Dabei sei auch meinem Bruder etwas zugestossen. Doch in diesem Moment wusste ich, dass er mich anlügt. Ich forderte ihn auf, mir zu sagen, wo sich meine Mutter und mein Bruder befinden. Darauf sagte er mir, ich würde ihre toten Körper unten im Keller in der Sauna finden.

Was geschah mit Ihnen in diesem Moment?

Es war verrückt. Obwohl ich aufgrund meiner unguten Gefühle gespürt habe, dass etwas faul war, sagte mir mein Verstand: Das kann einfach nicht sein.

Was haben Sie danach getan?

Ich rief einen guten Freund an, der Polizist war, schilderte ihm kurz, was passiert war, und bat ihn, hierherzukommen. Danach habe ich mich auf die Treppe vor dem Haus gesetzt. Noch nie im Leben habe ich mich so einsam gefühlt. Innerhalb von Sekunden hatte ich meine ganze Familie verloren.

Sind Sie dann mit den Polizisten in den Keller?

In den Keller ja, aber nicht in den Raum mit der Sauna. Ich habe den Polizisten nur gezeigt, wo sich der Raum befand. Als diese dann im ersten Moment nichts fanden – die Sauna war schon lange nicht mehr in Betrieb, wir nutzten sie als Abstellkammer –, keimte bei mir ganz kurz Hoffnung auf, das Schlimmste könnte vielleicht doch nicht eingetreten sein. Doch als die Polizisten den Raum genauer untersuchten, entdeckten sie die beiden Leichen. Ich bin froh, dass ich die leblosen Körper nie gesehen habe und auch nicht identifizieren musste. So konnte ich meine Mutter und meinen Bruder in Erinnerung behalten, wie ich sie zu Lebzeiten noch kannte.

Ihr Vater stellte sich schliesslich. Was haben Sie für Erinnerungen an diese Stunden?

Genau weiss ich das nicht mehr. Das Telefon klingelte die ganze Zeit, Polizisten und Untersuchungsbehörde gingen ein und aus; die ganze Quartierstrasse war zugeparkt. Mein Vater hat nochmals angerufen. Ich habe ihm gesagt, er solle sich der Polizei stellen. Darin haben mich der ebenfalls anwesende Polizeikommandant und der Bezirksamtmann unterstützt, die ebenfalls mit meinem Vater gesprochen haben.

Das tönt alles sehr gefasst und rational. Sie hatten überhaupt keine Gefühlsausbrüche wie Wut oder Verzweiflung?

In diesen Minuten und Stunden war mein einziger Gedanke: Mein Vater muss zuerst in Gewahrsam sein, damit er sich und anderen nichts antun kann. Danach sehen wir weiter.

Ihr Vater hat sich dann schliesslich selber gestellt.

Ja. Vereinbart war, dass ich ihn am Bahnhof Baden abhole. Natürlich waren Polizisten in Zivil dabei. Doch als mein Vater einfach nicht erschien, wurde ich ziemlich nervös. Schliesslich kam ein Polizist herbeigeeilt und teilte mir mit, mein Vater habe sich soeben auf dem Posten der Kapo in Baden gestellt.

Sie gingen auch auf den Posten?

Ja. Ich wurde befragt und sah am Schluss auch kurz meinen Vater. Doch ich merkte schnell, dass an ein vernünftiges Gespräch mit ihm nicht zu denken war. Er befand sich bereits in seinem Rechtfertigungsmuster.

Sie verspürten gar keinen Zorn oder Rachegefühle?

Nicht im klassischen Sinn. Er sollte schon seine Strafe erhalten. Aber ich hätte ihm nie etwas angetan, das war es mir einfach nicht wert.

Was passierte in den folgenden Tagen?

Ich war – wohl zum Glück, weil es mich abgelenkt hat – voll darauf fokussiert, das ganze Chaos ins Reine zu bringen, das mein Vater hinterlassen hatte. Ich war damals der festen Überzeugung, dass ich das meiner Mutter und meinem Bruder schuldig war.

Sie fielen überhaupt nicht in ein Loch?

Irgendwie habe ich in dieser Zeit einfach funktioniert. Prägend war auch ein Gespräch mit dem befreundeten Polizisten. Er hat mir deutlich gesagt, dass ich jetzt zwei Möglichkeiten habe. Entweder nach vorne zu schauen und zu versuchen, mein eigenes Leben in den Griff zu bekommen. Oder in der Vergangenheit zu leben und mich von der Tragödie auffressen zu lassen und an dieser ebenfalls zugrunde zu gehen.

Sie entschieden sich offensichtlich für Ersteres.

Ja, ich war schon immer ein positiver Mensch. Zudem gab es in der Anfangszeit sehr viel zu organisieren, was mich ablenkte. Nachdem ich alle dringenden Formalitäten erledigt hatte, fuhr ich mit meiner Freundin in die geplanten Ferien. Das können vielleicht viele Aussenstehende nicht verstehen, aber mir tat diese Ablenkung sehr gut. Es half, Abstand zu gewinnen.

Und nach Ihrer Rückkehr?

Lebte ich drei Monate bei den Eltern meiner Partnerin. Ihre Familie war mir in dieser Phase eine grosse Unterstützung; quasi meine Ersatzfamilie.

Haben Sie sich in dieser Zeit nie gefragt, ob es Anzeichen für die Tat gegeben hatte? Offenbar waren es ja finanzielle Probleme, die Ihren Vater zu dieser Verzweiflungstat trieben.

Die finanzielle Lage war gar nicht so bedrohlich und dramatisch, wie mein Vater damals wohl meinte. Meine Mutter verdiente zu dieser Zeit gut. Das hätte sicher gereicht, um das Gröbste wieder ins Reine zu bringen. Offensichtlich haben meine Eltern zu wenig über das Finanzielle gesprochen. Weil auch unsere Hausbank nur die Zahlen meines Vaters kannte, sah sie sich gezwungen, die Hypothek zu kündigen. Der Gedanke, aus dem Haus rauszumüssen, war für meinen Vater wohl unerträglich, war ihm das Ansehen und die Reputation in der Gemeinde doch besonders wichtig. Vor allem die letztgenannten Umstände waren schliesslich ausschlaggebend für die Tat.

Sie sind dann wieder in dieses Haus zurückgekehrt, wo alles passierte. Heute leben Sie mit Ihrer Familie hier. Viele Aussenstehende können dies wohl kaum nachvollziehen.

Das kann ich verstehen. Zwei Gründe waren für mich ausschlaggebend – ein rationaler und ein emotionaler. Der Vater meiner damaligen Freundin war Banker. Er hat mir ganz sachlich die Situation aufgezeigt. Auf dem Markt gab es damals eher zu viele Häuser und aufgrund der Tat hätte ich dieses Haus weit unter Wert verkaufen müssen. Und mit meinem Verdienst – ich stand am Anfang meiner Polizeiausbildung – hätte ich mir nicht annähernd ein ähnliches Wohnobjekt leisten können.

Und der emotionale Grund?

Fakt ist, ich verknüpfe mit diesem Haus, abgesehen von dieser schrecklichen Tat, eigentlich nur positive Erinnerungen. Ich hatte eine schöne Kindheit hier. Kommt hinzu, dass ich meine Mutter und meinen Bruder nie tot im Haus gesehen habe. Ich bin überzeugt, sie hätten es auch so gewollt. Für mich leben hier meine Erinnerungen an sie zusammen mit meiner Familie weiter.

Sie haben zwei Kinder. Wissen sie, was in diesem Haus passiert ist?

Ja, wir haben immer offen darüber gesprochen. Aber die Details haben sie nie interessiert. Auch für mich spielt die Tat im Alltag keine grosse Rolle mehr.

Blenden wir nochmals zurück: Was passierte mit Ihrem Vater, und wie gestaltete sich Ihre Beziehung, wenn man von einer solchen überhaupt sprechen kann?

Ich habe meinen Vater in den folgenden Monaten einige Male im Gefängnis besucht. Dabei drehte es sich in erster Linie darum, dass ich von meinem Vater Informationen brauchte, wo ich welche Unterlagen finden konnte. Er hatte auch diesbezüglich ein riesiges Chaos hinterlassen.

Gar keine persönlichen, emotionalen Gespräche?

Nein, ich habe schnell gemerkt, dass das keinen Sinn gemacht hätte. Mein Vater war zu sehr im Verteidigungsmodus. Er meinte immer nur, ich würde es ja doch nicht verstehen. Vielmehr versuchte er sich mir gegenüber mit, meiner Meinung nach, weit hergeholten psychologischen Argumenten zu rechtfertigen. Ich habe ihm dann jeweils klar zu verstehen gegeben, dass ich sehr wohl wusste, weshalb er es getan hat. Einmal habe ich ihm einen offenen Brief geschrieben.

Was stand darin?

Dass ich seine Tat zutiefst verurteile. Ich schrieb ihm auch, dass ich genau wisse, dass letztlich das verlorene Ansehen nach aussen der eigentliche Grund war. Offenbar sah das die Staatsanwältin auch so, denn diese Sätze zitierte sie am Schluss ihres Plädoyers. Und ich war auch extrem sauer auf ihn. Denn so makaber das jetzt tönen mag: Aus seiner Sicht hatte sich die Tat offenbar gelohnt; all seine finanziellen Probleme waren auf einen Schlag gelöst, weil ich mit dem Haus auch all seine Schulden übernehmen musste. Ich hingegen – nebst der Tatsache, dass ich meine Mutter und meinen Bruder verloren hatte – blieb mit einem riesigen Chaos zurück.

Hat sich Ihr Vater jemals entschuldigt für das, was er Ihnen und Ihrer Familie angetan hat?

Nein. Ich musste bald einsehen und akzeptieren, dass ich von ihm nie eine Entschuldigung erhalten werde. Er hat sich bei meinem zweiten Besuch bei mir für die Umstände entschuldigt, die er mir gemacht hat. Mehr nicht.

Es dauerte dann drei Jahre bis zum erstinstanzlichen Prozess. Weshalb so lange?

Mein Vater war geständig, weshalb der Fall eigentlich klar war. Und weil es ein klarer Fall war und es dringendere, komplexere Fälle gab, wurde das Verfahren einfach immer weiter nach hinten verschoben.

Schliesslich wurde Ihr Vater vom Bezirksgericht zu 12 Jahren verurteilt. Die Verteidigung zog das Urteil weiter, worauf das Obergericht 2001 eine Gefängnisstrafe von 10 Jahren aussprach. Genug aus Ihrer Sicht?

Nein. Wäre es nach mir gegangen, hätte er auch die Höchststrafe erhalten können. Doch juristisch gab es am Urteil nichts zu beanstanden.

Bereits 2003 kam Ihr Vater wieder auf freien Fuss, da er schon seit 1996 sass und zwei Drittel seiner zehnjährigen Haftstrafe abgesessen hatte. Wie haben Sie sich auf diesen Moment vorbereitet?

Ich habe meinem Vater klargemacht, dass ich ihn nie wieder in Oberrohrdorf antreffen möchte.

Wo lebte Ihr Vater nach der Haftentlassung?

Im Kanton Solothurn.

Hatte er Kontakt mit Ihren Kindern?

Nein, das wollte ich nicht. Ich habe ihm untersagt, Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Es war mir aber immer klar, dass meine Kinder das selber hätten entscheiden können, wenn sie alt genug sind. So weit kam es aber nicht. Mein Vater starb vor etwas mehr als zehn Jahren eines natürlichen Todes.

Ihr Vater wurde hier in Oberrohrdorf beerdigt, auf dem gleichen Friedhof wie Ihre Mutter und Ihr Bruder. Weshalb?

Das war in der Tat ein schwieriger Entscheid. Das Familiengrab, in dem meine Mutter und mein Bruder liegen, kam für mich nicht infrage. Trotzdem wollte ich, dass meine Familie wenigstens im Tod auf dem gleichen Friedhof beieinander ist. Denn er ist trotz der schrecklichen Tat mein Vater geblieben.

Nur wenige Menschen kamen an die Beerdigung. Hatte Ihr Vater sich am letzten Wohnort überhaupt ein neues Umfeld aufgebaut?

Ja, nach der Entlassung hatte er offenbar ein paar wenige Menschen besser kennen gelernt, sie aber über sein Vorleben falsch informiert. Sie waren ziemlich schockiert, als sie von der Tat erfuhren.

Sie sprechen gefasst und ruhig über all das Geschehene. Es gab nie eine grosse Krise; Sie fielen nie in ein Loch?

Zum Glück gab es vor allem in der ersten Zeit nach der Tat sehr viel zu tun, sodass ich abgelenkt war. Danach sagte ich mir, es bringt nichts, wenn ich hadere und mich nach dem «Warum» und dem «Warum gerade ich» frage. Denn ich werde darauf nie eine Antwort erhalten. Ich habe mir gesagt, dass mein Leben trotz dieser schrecklichen Tat weitergehen muss, ich mir durch diese Tat nicht auch mein Leben kaputtmachen lasse. Aber natürlich gibt es immer wieder Momente, in denen in mir Traurigkeit aufkommt. Denn meine Mutter und mein Bruder fehlen mir sehr. Mein Bruder und ich hatten ausgemacht, dass wir jeweils Götti des ältesten Kindes des anderen werden. Ich bin überzeugt, dass meine Kinder mit meinem Bruder sehr gut ausgekommen wären.

Die Tat hat also keine bleibenden Spuren bei Ihnen hinterlassen?

Doch, aber die trage ich nicht nach aussen, um es mal so zu formulieren.

Kann man umgekehrt sagen, die Tragödie und deren Verarbeitung haben Sie stärker gemacht?

Ja, ich denke schon. Wenn man so etwas erlebt und durchgemacht hat, sieht man vieles anders und geht an vieles lockerer heran. Gerade in meinem Beruf als Polizist habe ich immer wieder mit herausfordernden Situationen zu tun, wo es mir vielleicht leichter fällt, mit schwierigsten Situationen umzugehen.

Knapp ein Jahr nach der Tragödie haben Sie die Ausbildung zum Polizisten begonnen. War Ihre Geschichte nie ein Hinderungsgrund, überhaupt Polizist werden zu können?

Ich erinnere mich, wie ich auf dem Anmeldeformular für die Polizeischule in der Rubrik «Familienverhältnisse» geschrieben habe: «Hat sich rasch, schnell verändert.» Das musste ich dann natürlich etwas genauer erklären. Ich hatte mich damals an zwei Orten für die Ausbildung interessiert. Tatsächlich riet man mir an einem Ort davon ab.

Herr C., ich danke Ihnen für dieses offene und packende Gespräch ...

... ich möchte an dieser Stelle etwas sagen, das mir sehr wichtig ist: Ich will all jenen Menschen Danke sagen, die mir, auf welche Art auch immer, damals geholfen haben und es mir so ermöglichten, normal weiterzuleben. Ohne diese Hilfe hätte ich es nicht geschafft. Ich erinnere mich noch, als ich drei Monate nach der Tat wieder ins Haus zurückgekehrt bin und eine Nachbarin mir gesagt hat, wie unglaublich froh sie sei, dass im Haus nun endlich wieder Licht brennt. Auch deshalb bin ich hiergeblieben. Um zu zeigen: Das Leben geht weiter.