Konservator
Er sucht hartnäckig nach verlorenen Aargauer Möbeln

Leidenschaftlich sucht und sammelt Peter Brack für das Museum Aargau Möbel aus aargauischer Fabrikation. Was kaum bekannt ist: Diese haben die Schweizer Wohnkultur des 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt.

Jörg Meier
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Konservator Peter Brack im Sammlungsdepot in Egliswil – morgen Sonntag werden dort alte Möbel aus Aargauer Produktion gezeigt.

Konservator Peter Brack im Sammlungsdepot in Egliswil – morgen Sonntag werden dort alte Möbel aus Aargauer Produktion gezeigt.

Sandra Ardizzone

Peter Brack muss sich beeilen. Seit zehn Jahren jagt er im Dienste des Museums Aargau Möbel aus Aargauer Produktion, vorwiegend aus dem 20. Jahrhundert. Doch die Objekte seiner Suche verschwinden zunehmend aus dem Alltag. Sie landen im besten Falle im Brockenhaus, im schlechtesten in der Kehrichtverbrennung.

Aber Konservator Brack ist ein hartnäckiger Möbelsucher. Er durchstöbert Brockenhäuser, er achtet auf Nachlässe und Auktionen, weiss, was Händler anbieten und manchmal hilft auch Kommissar Zufall mit.

Der Geschichtsspeicher von Egliswil

Lange war der Standort des Sammlungsdepots von Museum Aargau geheim und wurde aus Sicherheitsgründen gehütet wie ein militärisches Geheimnis. Erst seit 2009 wird das Depot der Öffentlichkeit in Form von thematischen Führungen zugänglich gemacht.

Das Depot befindet sich in einer Lagerhalle in der Industriezone von Egliswil. Das genügt. Auch auf eine Beschriftung oder Beschilderung wird bisher verzichtet. Aus Sicherheitsgründen, wie Roland Velhagen, der Leiter der historischen Sammlung Museum Aargau bestätigt. «Im Depot lagern Schätze, von denen man im Aargau kaum weiss», sagt er. Dabei meint er aber nicht in erster Linie den materiellen Wert der eingelagerten Objekte. «Die Sammlung ist ein einzigartiger Geschichtsspeicher, der identitätsstiftend für den Kanton wirken kann», erklärt Velhagen. Auch wenn die 1999 erworbene Halle in Egliswil als Depot und nicht für Führungen und Ausstellungen konzipiert ist, sollen in Zukunft vermehrt auch einzelne Sammlungsbereiche gezeigt werden. So wie das dieses und nächstes Wochenende mit den Aargauer Möbeln geschieht. (jm)

Führungen im Sammlungsdepot Egliswil: Sonntag, 7. Juni , 14 Uhr / Dienstag, 9. Juni, 18 Uhr und Sonntag, 14. Juni, 14 Uhr.

Anmeldung: 0848 871 200, reservation.lenzburg@ag.ch

Eintritt frei, Dauer ca. 90 Minuten

Oft geht Brack auch den direkten Weg und nimmt aktiv Kontakt mit Besitzern auf. Weil Brack keinen Original-Thut-Schrank finden konnte, gelangte er an den Erfinder Kurt Thut. Und dieser überliess dem Museum Aargau tatsächlich sein privates Exemplar, das er noch zur Aufbewahrung von Konfitüren genutzt hatte.

Spanplatte: im Aargau erfunden

«Der Aargau hat die Wohnkultur in der Schweiz im 20. Jahrhundert massgeblich geprägt», sagt Peter Brack und verweist auf zahlreiche bedeutenden Möbelfirmen wie De Sede, Müller-Faes, Nyffeler & Jordi, Simmen, Stoll-Giroflex, Ströbel, Team, Thut, Vogel, Woodtly, Woog und andere. Aber auch Erfindungen wie die Spanplatte oder der Kellco-Belag in den 60er-Jahren stammen aus dem Aargau.

Einige dieser Firmen geniessen noch heute einen internationalen Ruf – andere sind verschwunden. So wie die Möbelwerkstätten Simmen & Co. in Brugg, die 1914 von sich reden machten, als sie an der Landesausstellung in Bern den 1. Preis für ihre Möbelpräsentation erhielten. Dieser Preis führte dazu, dass Simmen Departementsbüros im Bundeshaus einrichten konnte.

Oder die Firma Ströbel in Frick, die einst 130 Mitarbeitende beschäftigte und in den Sechzigerjahren mit den ersten Möbeln aus Exotenhölzern, darunter Palisander Rio, für Aufsehen sorgte; selbstverständlich hat Brack das erste Möbelstück aus Palisander aufgestöbert und es gehört nun zur Sammlung genauso wie die ersten Woog-Objekte.

Mehr als nur Möbel gefunden

Brack hat nicht nur die Möbel gefunden, sondern häufig auch weitere Dokumente dazu: Prospekte, Skizzen, Rechnungen oder auch Informationen über die ehemaligen Besitzer.

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Sandra Ardizzone

Diese Einbettung in einen konkreten Kontext bietet neue Erkenntnisse: In den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts kostete eine Aussteuer rund 9000 Franken, klar mehr als ein durchschnittliches Jahressalär. Häufig finanzierte der Brautvater den Erwerb der Möbel. Und es war klar, dass diese einzeln gefertigten Möbel ein Leben lang halten sollten.

Brack ist überzeugt, dass es noch viele historisch wertvolle Möbel aus Aargauer Produktion gibt, die irgendwo unbeachtet und ungenutzt herumstehen und eines Tages entsorgt werden, weil die Besitzer gar nicht wissen, dass sie ein bedeutendes Möbelstück besitzen. «Ich wäre natürlich froh, wenn mich die Leute im Zweifelsfalle kontaktieren würden, unsere Sammlung ist noch längst nicht komplett» sagt Brack.

Die Akquisition von Möbeln siedelt sich in einem Sammlungskonzept an, dessen Schwerpunkt die Industriegeschichte ist. «Der Aargau ist nicht nur der Kanton der Schlösser, er ist auch Industriekanton. Da gibt es zum Beispiel die Maschinen- und Blechverarbeitungsindustrie, die Tabakindustrie, die Strohindustrie – und eben die Möbel», erklärt Rudolf Velhagen, Leiter Historische Sammlung Museum Aargau.

Deshalb möchte man noch stärker Zeugnisse der Industriegeschichte sammeln. Die Möbel, die im Sammlungs-depot von Museum Aargau in Egliswil eingelagert sind, waren erst ein Anfang.