Prozess

Er streichelte seine Nichten: 2 Jahre bedingt – «keine Zeit» für Therapie

Oft ging Peter* zu seinen Nichten, wenn sie im Kinderzimmer spielten und verging sich an ihnen.

Oft ging Peter* zu seinen Nichten, wenn sie im Kinderzimmer spielten und verging sich an ihnen.

Heute sagt Peter*: «Was genau passierte, kann ich nicht mehr sagen.» Für das Gericht ist klar: Vor 15 Jahren streichelte er zwei Nichten. Überall, über und unter den Kleidern, immer wieder. Jetzt muss er Genugtuung zahlen, aber nicht ins Gefängnis.

Dass die Arbeitsteilung zwischen den Bezirksgerichten im Aargau funktioniert, hat am Dienstag eine Verhandlung vor dem Bezirksgericht Brugg gezeigt.

Eigentlich hätte sie in Zofingen stattfinden sollen, doch «wegen der Gerichtslast» hatte das Obergericht den Fall «ausserordentlich» den Brugger Kollegen übertragen, wie Gerichtspräsidentin Gabriele Kerkhoven erklärte.

Mit «übertragen» wählte sie den richtigen Begriff. Denn: Übertragen kann einem auch etwas werden, das man sich nicht unbedingt wünscht. Hier: Der Fall eines 54-jährigen Aargauer Familienvaters, der wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit einem Kind angeklagt war.

Streicheln – über und unter den Kleidern

Es ist die Geschichte von Peter* und seiner zwei Nichten Nathalie* und Vanessa*. Sie beginnt vor rund 15 Jahren, in einem Mehrfamilienhaus, in einem grösseren Dorf im Kanton Aargau. Nathalie ist das Gottemeitli von Peters Frau.

Nathalie, damals 7 Jahre alt, und ihre um 2 Jahre jüngere Schwester Vanessa sind oft zu Besuch. Bei Familienfesten, an Geburtstagsfeiern, oder einfach so, am Mittwochnachmittag und am Wochenende.

Peter freut sich jedes Mal, wenn die Mädchen vorbeikommen. Sie verstehen sich gut mit seinen Kindern – und auch mit ihm. Oft geht er zu den Kindern ins Zimmer, wenn sie miteinander spielen.

Nur: Unter «spielen» versteht Peter etwas Anderes. Er setzt sich zu Nathalie, zieht sie zu sich heran. Streichelt ihr über Arme und Beine. Fährt mit seinen Händen über Bauch und Brustregion. Streichelt sie am ganzen Körper, über und unter den Kleidern.

Jahre der Angst

Manchmal sagt er Nathalie auch, sie solle ihren Pullover ausziehen. Dann küsst er ihren Hals, ihre Schultern. Einmal, im Sommer 2001 – es ist heiss – baden die Kinder in einem Bassin im Garten. Peter badet mit – und greift Nathalie unter das Bikini.

Auch Vanessa streichelt er laut Anklageschrift mehrmals, auch bei ihr über und unter den Kleidern, überall. Sie aber wehrt sich, versucht, sich ihrem Onkel zu entziehen. «Als sie sich zum ersten Mal wehrte, war es für mich passé», sagt Peter vor Gericht.

Danach vergehen Jahre. Nathalie und Vanessa leiden. Sie seien von Angst und Schuldgefühlen geplagt gewesen, sagte die Staatsanwältin. «Sie wussten zwar, dass das, was mit ihnen geschah, komisch und unangenehm war, aber sie konnten in dem Alter nicht sagen, warum.»

Aus Angst, selbst etwas falsch gemacht zu haben, erzählen sie niemandem davon. Nicht einmal sich selbst: Erst, als sie sich wegen familiärer und sexueller Probleme und wegen Übergewichts in therapeutische Behandlung begeben, erfahren sie, dass sie beide Opfer sind.

Peter kann sich nicht erinnern

Heute sagt Peter: «Was genau passierte, weiss ich nicht mehr.» Das liege «schon 15 Jahre zurück». Klar, es könne sein, dass «im Spiel einmal etwas passiert» sei, aber das sei «zu lange her», um sich noch genau erinnern zu können.

Gerichtspräsidentin Kerkhoven fragt: «Aber dass etwas passierte, das stimmt?» – «Ja, das stimmt.» – «Dass sie die Mädchen streichelten, auch unter den Kleidern, das stimmt?» – «Ja, das stimmt.» – «Dass Sie unters Bikini griffen, stimmt auch?» – «Ja, das ist auch korrekt.»

Bestritten wird vom Angeklagten nur die Häufigkeit. «Zwischendurch» sei ihm bewusst gewesen, dass es nicht richtig war, was er tat. «Aber dadurch, dass es nur so wenige Male waren, und dazwischen jeweils viel Zeit verging, habe ich das verdrängt.»

Ein Bezirksrichter fragt Peter, warum er es getan habe. «Was der Auslöser war, kann ich nicht mehr sagen. Aber ich weiss heute, dass es ein Fehler war. Es wird nicht mehr passieren.»

Der Richter sagt, das sei unlogisch: «Sie können doch nicht sagen, dass es nie mehr passieren wird, wenn sie nicht einmal wissen, warum es dazu kam.» – «Doch», sagt Peter energisch, «wenn ich sage, ich mache das nicht mehr, dann ist es so.»

Fakt ist: Psychologisch abgeklärt wurde Peter auch nach Verhaftung und mehrtägiger Untersuchungshaft kaum. Zwar absolvierte er zwei Sitzungen – nach denen er an eine Spezialistin verwiesen wurde, mit der er nie einen Termin vereinbarte. Begründung: Die Therapeutin habe gerade «eine Operation hinter sich und keine Zeit gehabt».

Die Staatsanwältin fordert für Peter eine dreijährige teilbedingte Freiheitsstrafe. Die Opfervertreterin geht mit ihr einig, will für die Mädchen aber zusätzlich je eine Genugtuung von 15'000 Franken, als Schadenersatz die Therapiekosten zurück sowie die Übernahme der Parteikosten.

Gericht entscheidet sich für Mittelweg

Peters Verteidigerin ist damit nicht einverstanden. Zwar wolle sie die Ereignisse nicht entschuldigen, aber die Anklageschrift sei fehlerhaft. Die Übergriffe hätten bei weitem nicht «zwei bis dreimal pro Monat», sondern bei beiden Mädchen «nur einige wenige Male» stattgefunden. Sie sagt, ihr Mandant habe die Mädchen «nie verletzt» und sie «nie zu etwas gezwungen». Es sei auch nicht zu Geschlechtsverkehr gekommen.

Schliesslich entscheidet sich das Bezirksgericht Brugg für einen Mittelweg. Es verurteilt Peter zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten, bei einer Probezeit von zwei Jahren. Den Mädchen muss er je eine Genugtuung von 10 000 Franken zahlen sowie die Kosten für deren Anwältin und jene des Gerichts übernehmen.

Auch wenn die genaue Anzahl der Übergriffe schwierig zu eruieren sei, sei es für das Gericht erstellt, dass es «mehrere Dutzend Male» waren. Peter habe gewusst, was er tue. Er habe die Freundschaft gezielt ausgenutzt, aus Lust gehandelt. Zudem habe er sich später nie auf eine Therapie eingelassen.

Dazu dürfte es auch nicht mehr kommen: Da er wieder eine Stelle hat, sieht Peter ein Zeitfenster mehr für eine Therapie. «Die finanzielle Sicherheit meiner Familie ist mir wichtiger», liess er das Gericht wissen.

*alle Namen geändert

Meistgesehen

Artboard 1