50 Jahre Nationalstrasse
Er plante die erste Aargauer Autobahn: «Ich war der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort»

Herbert Otto plante und baute für das Nationalstrassenbüro in Aarau den N1-Abschnitt Rothrist–Kölliken. 50 Jahre später fährt er mit der az die Strecke ab.

Mario Fuchs
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Ist froh, muss er heute keine Autobahnen mehr bauen: Herbert Otto, pensionierter Strassenbauingenieur, über seinem Werk in Safenwil.

Ist froh, muss er heute keine Autobahnen mehr bauen: Herbert Otto, pensionierter Strassenbauingenieur, über seinem Werk in Safenwil.

Mario Heller

Der Mann, der die erste Autobahn im Kanton Aargau plante, kommt mit dem Zug. Herbert Otto, 85, Unterkulm, trägt einen grau-blauen Leinenanzug, ein grau-weiss gestreiftes Hemd, eine graue Schiebermütze. Treffpunkt: WSB-Bahnhof in Aarau.

«Ich darf zwar noch Autofahren», sagt er, «aber heute ist das für mich kein Vergnügen mehr.» Er steigt zum Reporter ins Auto, wir fahren via Suhr und Oberentfelden zum Anschluss Nr. 49, Aarau-West, biegen ein Richtung Bern. Autobahn A1, eingeweiht vor 50 Jahren als Nationalstrasse N1.

Der Verkehr fliesst gut an diesem Dienstagvormittag. Otto erzählt, wie er mit seinen Eltern aus Polen nach Deutschland kam, wie er in Dresden an der technischen Hochschule studierte, wie er das Stelleninserat des Kantons Aargau im deutschen Fachmagazin für Strassenbau fand.

Fachkräftemangel schon 1960

Die Agglomerationen im Aargau wuchsen schnell in den 60er-Jahren – und mit ihnen Gewerbe, Handel, Industrie. Das sorgte für immer mehr Verkehr, und immer mehr Leute konnten sich ein Auto leisten. Kantonsingenieur Erwin Hunziker schrieb 1965: «Es scheint nicht möglich zu sein, die Lawine aufzuhalten. Wenn wir nicht darin ersticken wollen, müssen wir sie in geeignete Kanäle leiten.»

Die Eidgenossenschaft entschied 1960, Autobahnen bauen zu wollen. Nur: Ingenieure und Zeichner, die wussten, wie das geht, gab es hierzulande kaum. So arbeiteten im Nationalstrassenbüro in Aarau, das die Aargauer Abschnitte der N1 und der N3 im Fricktal plante, sechs Holländer, zwei Schweizer, zwei Deutsche, einen Österreicher, einen Ungar.

Herbert Otto blickt aus dem Fenster, lächelt – er freut sich, kann er wieder einmal eine Fahrt in seine Vergangenheit machen. Diese beginnt in Rothrist, Anschluss Nr. 46. Wir parkieren bei der Migrol-Tankstelle, steigen aus, spazieren auf die Überführung. Er stützt sich auf das Geländer, schaut auf die Fahrbahn hinab, Lastwagen und Autos brausen im Sekundentakt unter uns durch. «Das Schöne am Beruf des Bauingenieurs ist: Was er einmal gemacht hat, kann er immer wieder anschauen.»

Hier startete im Sommer 1963 der Bau seines Abschnitts, N1/01, Rothrist–Kölliken. Gleichzeitig wurde die Sektion 02 gebaut, Kölliken–Hunzenschwil. Er sei «in erster Linie stolz», dass er als Sektionschef einen ganzen Abschnitt leiten durfte. «Und ich kann Ihnen in zweiter Linie versichern: Wir hatten das schwierigste Los», sagt Otto.

Basislager des Fortschritts

Wir steigen ein, fahren durch Oftringen, passieren die grosse Baustelle auf der Bernstrasse. «Jesses Maria, was do alles baut wird!», ruft der Ingenieur auf dem Beifahrersitz. Er bewundert die vorgespannte Brücke, die bald über die SBB-Linie geschoben und ihre Vorgängerin ersetzen wird.

Die Bernstrasse wird zur Zürichstrasse, und kurz bevor sie die Autobahn am anderen Dorfende überquert, sagt Otto: «Fahren Sie hier rechts rein.» Der grosse Kiesparkplatz beim Kinokomplex «Youcinema» trägt offiziell den Flurnamen «Beim Wegweiser». Hier stand vor 50 Jahren ein Dorf aus Büro- und Wohnbaracken, Werkstätten, einer Tankstelle. Hier arbeiteten Planer, wohnten Gastarbeiter.

Aushub in Rothrist: Aufnahme aus dem Album der Familie Iseli, ca. 1964.

Aushub in Rothrist: Aufnahme aus dem Album der Familie Iseli, ca. 1964.

Mario Heller

Für den grössten je in der Schweiz ausgeschriebenen Strassenbauauftrag taten sich fünf Unternehmen aus Aarau, Pratteln, Lenzburg, Zürich und Winterthur zu einer noch nie gesehenen Arbeitsgemeinschaft zusammen. Sechs weitere erledigten den Erd- und Belagsbau. Der Kiesplatz am Rande Oftringens war das Basislager des Fortschritts. Heute steht hier eine Parkverbotstafel.

Auf der Striegelstrasse vor Safenwil geht es steil bergauf, just jetzt piepst der Dieseltank nach neuer Befüllung. Zum Glück ist die Emil Frey AG um die nächste Kurve, und wo ein Autoimporteur sitzt, ist eine Tankstelle nicht weit.

Untergrund ungeeignet

Wir fahren wieder zurück Richtung Autobahn, halten auf einer weiteren Überführung. «Das war Objekt Nr. 119», erinnert sich Herbert noch genau. Der Baugrund hier Safenwil sei derart moorig und torfig gewesen, bis tief hinab – «für den Autobahnbau praktisch ungeeignet». Doch er habe sich zum Glück sehr für Geologie interessiert. Otto tüftelte mit seinem Team an Methoden, wie man den Boden tragfähig machen kann. So wurde etwa in Rothrist, wo man beim Ausbaggern auf sehr gutes Kies stiess, Material abgebaut und die Grube mit dem schlechten Material von anderen Stellen wieder aufgefüllt.

Der Anschluss Rothrist wurde 1965 fertig. Das rechte Haus ist Fritz Iselis. Daneben ist die Grube zu erkennen, die entstand, weil gutes Kies abgebaut werden konnte. (Comet Photo AG/ETH-Bildarchiv)

Der Anschluss Rothrist wurde 1965 fertig. Das rechte Haus ist Fritz Iselis. Daneben ist die Grube zu erkennen, die entstand, weil gutes Kies abgebaut werden konnte. (Comet Photo AG/ETH-Bildarchiv)

Mario Heller

Doch er habe es nie bereut, in den Aargau gekommen zu sein: «Wissen Sie, das war spannend. Eine Herausforderung», sagt Herbert Otto. Danach habe er an der Bauschule 16 Jahre lang Baugrundkunde unterrichtet. «Ich war der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort.» Er gab sogar ein Fachbuch im Eigenverlag heraus, das in den Baudepartementen schnell zum Standardwerk wurde. Die Probleme verzögerten den Bau von Abschnitt N1/01. Schlimm war das nicht: «Es war klar, zuerst kommt die Qualität.» Die Devise habe gelautet: «Wenn wir etwas bauen, muss das möglichst lange halten.» Es habe schon Zeitdruck gegeben, aber der habe nie prioritär sein dürfen.

Bundesrat im Rolls-Royce

Seinem Hausarzt musste Otto jedes Mal berichten, wie weit der Bau war. Und jeden Donnerstag sei der Arzt zur Baustelle gekommen, um den Fortschritt selber zu begutachten. Als am 10. Mai 1967 Ottos Abschnitt zusammen mit der Strecke Oensingen-Hunzenschwil eingeweiht wurde, führte Bundesrat Tschudi im rot-schwarzen Rolls-Royce einen Autocorso an. In Kölliken stand die Bevölkerung auf der Brücke, unter Aufrichttannen war ein Transparent befestigt: «Kölliken dankt für die Autobahn». Sektionschef Otto fuhr in einem Cabrio im Corso mit.

Jetzt steht er in Safenwil, am Ende seines Abschnitts, beobachtet die Autos und sagt: «Wenn Sie sich den Verkehr anschauen: Das hätte sich keiner von uns je vorstellen können.» Er sei froh, müsse er keine Autobahn mehr bauen.

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