Die Männer, die bei Matthias Lüscher im Korbstuhl sitzen, tun dies freiwillig, aber nicht gerne. Über ihrem Kopf: eine Zimmerpflanze, ein Raumspray, eine geschmiedete Uhr in Form einer Windrose.

In ihrem Kopf: Bilder von sich selbst, wie sie ausholen und treffen, und Bilder ihrer Frauen, wie sie zurückweichen oder fallen. Manche schreien, viele nicht – der Begriff «häusliche Gewalt» stimmt auch, weil die Gewalt nicht nur zu Hause stattfindet, sondern meistens auch dort drin bleibt.

Manchmal aber, und immer häufiger, wie die Statistik zeigt, werden Taten gemeldet. Meistens von den Opfern selbst, aber auch von Angehörigen und Nachbarn. «Die Hemmschwelle, solche Vorfälle zu melden, sinkt weiter», stellt die Aargauer Kantonspolizei in ihrem Jahresbericht 2014 fest. Nicht nur Männer schlagen zu, auch immer mehr Frauen. Doch nach wie vor sind 80 Prozent der Opfer weiblich. 2013 gab es im Aargau 1148 Interventionen, 2014 bereits 175 mehr – ein trauriger Rekord.

Die Männer, die bei einer solchen Intervention registriert werden, erhalten einige Tage später einen Anruf von Matthias Lüscher. «Die erreiche ich dann im Büro oder in der Tennishalle. Und spreche sie direkt auf den Polizeieinsatz an», erzählt Lüscher. Die meisten beteuern, es sei nichts gewesen – und glauben erst, dass Telefonat und Lage ernst sind, wenn Lüscher Details aus dem Polizeirapport zitiert. «Die meisten sagen dann: Mir ist halt die Hand ausgerutscht.» Das sei typisch, 90 Prozent der Männer schöben die Verantwortung ab. «Die Frau ist fast immer schuld», weiss Lüscher. Dann hört er Sätze wie: «Wenn Sie so eine Frau hätten wie ich, hätten Sie auch schon zugeschlagen:» Oder: «Sie müssen mit meiner Frau arbeiten, nicht mit mir.»

Lüschers Büro ist Koordinationsstelle, Schreibstube und Therapiezimmer in einem. Die Umgebung ist so anonym, wie die Taten oft jahrelang anonym bleiben: Mitten in Aarau, über dem Denner, auf dem Schild neben der Klingel steht schlicht «AHG-AARGAU». Nur Eingeweihte wissen, dass AHG für «Anlaufstelle gegen häusliche Gewalt» steht (siehe Box).

Um helfen zu können, muss der Sozialpädagoge zuerst etwas Abstand schaffen. Teppich, Salontischchen, Quarz-Wecker: Ikea-Normalität als Puffer gegen den alltäglichen Wahnsinn. Die zwei Korbstühle stehen zwei Meter auseinander. «Es geht um so viele Gefühle. Nur so kann ich spüren, was zu mir gehört und was nicht.» Die Distanz hat noch einen zweiten, pragmatischeren Grund: Sicherheit. Wer hier sitzt, bringt nicht nur Emotionen, sondern auch ein nachgewiesenes Gewaltpotenzial mit.

Der Faustschlag, der Tritt oder die Ohrfeige sind erst der letzte Schritt in der Wendeltreppe einer zerrütteten Beziehung. «Es beginnt eigentlich immer verbal», erklärt Lüscher. Das Problem sei, dass viele Männer in verbalen Auseinandersetzungen ihren Frauen unterlegen seien. «Zuerst werden sie laut, und wenn das nichts mehr hilft, ist Schlagen das Einzige, was ihnen noch in den Sinn kommt.» Er frage den Mann vis-à-vis zuerst, wie er die Situation erlebt habe. «Denn für ihn war die Tat ein Ausweg aus seiner Not. Ich muss ihn in seiner Not ernstnehmen, aber die Tat klar verurteilen.» Er selbst könne nie mit Sicherheit wissen, was wahr ist, und was nicht – Polizeirapporte seien hilfreich, aber immer nur eine Momentaufnahme.

Dank seiner Erfahrung merkt Lüscher inzwischen relativ schnell, ob «etwas möglich ist oder nicht: Nur wer es schafft, sich selbst und mir gegenüber die Tat zuzugeben, dem können wir auch helfen.» Es gebe auch Jochbeinbrüche, bei denen der Mann versuche, irgendeine Story aufzutischen, obwohl die Ursache für die Verletzung offensichtlich sei. Die Dissonanz zwischen den Informationen, die er habe, und den Erzählungen könne einen «mängisch scho verrisse».

Gegen den Willen eines Täters könne man nichts erreichen. Wer sich aber einsichtig zeigt, wird in ein Lernprogramm gegen häusliche Gewalt oder zu einem Gewaltberater in der Nähe des Wohnorts überwiesen, der Kanton erteilt eine Kostengutsprache für maximal 20 Sitzungen, danach gibt es eine Standortbestimmung. Von den meisten Männern hört Lüscher nie mehr etwas. Einige sitzen Monate später wieder bei ihm im Korbstuhl. Und einige stehen plötzlich in der Bürotür, die Frau in den Armen und Tränen in den Augen, und sagen: «Danke, Herr Lüscher.»