Roland Brogli 1951–2017

Er freute sich auf das Leben nach dem Amt

Alt-Regierungsrat Roland Brogli, porträtiert in seinem Haus in Zeiningen am 9. Mai 2017.

Alt-Regierungsrat Roland Brogli, porträtiert in seinem Haus in Zeiningen am 9. Mai 2017.

«Man spürt: Er ist im Leben nach dem Amt angekommen.» Das schrieb ein az-Kollege vor Monatsfrist nach einem Besuch bei Roland Brogli. Und jetzt ist dieser erfolgreiche Politiker und lebensfrohe Mensch einfach nicht mehr da. Der Aargau trauert.

Der Schock sass tief gestern, als die Meldung eintraf. Einen Tag nach seinem 66. Geburtstag und gut 160 Tage nach dem Ausscheiden aus dem Regierungsamt ist Roland Brogli verstorben. Man wollte es nicht glauben. «Ich hatte mir das Loslassen schwieriger vorgestellt», bekannte er vor einem Monat. Der az-Bericht über Broglis Leben nach dem Amt vermittelte insgesamt den Eindruck eines zufriedenen, entspannten, gesunden Menschen. Eine Krebserkrankung hatte er vollständig überwunden, seither sorgte er noch mehr für körperlichen und seelischen Ausgleich. Täglich 200 Liegestütze. Und jetzt dies. Hirnblutung. Das Schicksal kann brutal zuschlagen.

Fricktaler mit Leib und Seele

Roland Brogli war ein Ur-Zeiniger. In diesem Dorf ausgangs Möhlintal ist er aufgewachsen, dort lebte er bis zu seinem allzu frühen Lebensende.

Brogli studierte Rechtswissenschaften und Journalistik an der Universität Freiburg, er war Studentenratspräsident und Mitglied im Zentralkomitee des Schweizerischen Studentenvereins STV. Nach Anstellungen an zwei Bezirksgerichten und in einem Notariatsbüro wurde er 1989 zum Stadtschreiber von Rheinfelden gewählt. Bis zu seiner Wahl in den Regierungsrat war er dem Städtchen ein umsichtiger Kanzler.

Seine politische Karriere begann er 1984 im Gemeinderat von Zeiningen. 1985 wurde er für die CVP des Bezirks Rheinfelden in den Grossen Rat gewählt. 1993 bestimmte ihn die Fraktion zu ihrem Präsidenten. In dieser Funktion beförderte er die Karriere etlicher junger CVP-Politiker. Unter ihnen war auch eine aufstrebende Freiämterin, die es inzwischen weit gebracht hat: Doris Leuthard.

Im November 2000 kam es zu einer denkwürdigen Regierungsratswahl. Die CVP hatte Fraktionspräsident Roland Brogli als Nachfolger für den nicht mehr antretenden Peter Wertli bestimmt. Doch ihm erwuchs parteiinterne Konkurrenz: Der Beriker Gemeindeammann Rainer Huber kandidierte wild. Gewählt wurden schliesslich beide, abgewählt wurde dafür die erste Frau Regierungsrätin Stéphanie Mörikofer (FDP). Erstmals und bisher letztmals besetzten die Christdemokraten damit den berühmten fünften Wackelsitz in der Regierung. Dies obwohl die CVP bei den Grossratswahlen 2001 nach Parteistärke bloss Rang 4 belegte.

16 Jahre: Roland Broglis politische Karriere in bewegten Bildern

16 Jahre: Roland Broglis politische Karriere in bewegten Bildern

Fast immer schwarze Zahlen

Roland Brogli übernahm das Departement Finanzen und Ressourcen und blieb ihm während vier Amtsperioden bis 2016 treu. Der Finanzdirektor sitzt in der Regierung an einer gewichtigen Position: Er ist nicht nur für die Führung der Staatskasse verantwortlich, sondern redet, via Ausgabenplanung, in sämtlichen anderen Departementen mit. Brogli war ein guter, ein erfolgreicher Finanzminister. Praktisch während seiner gesamten Amtszeit schrieb der Aargau schwarze Zahlen.

«Wir alle im Departement sind unglaublich betroffen»: Roland Broglis Nachfolger Markus Dieth hat bereits in der Nach von dessen Tod erfahren.

«Wir alle im Departement sind unglaublich betroffen»: Roland Broglis Nachfolger Markus Dieth hat bereits in der Nach von dessen Tod erfahren.

   

Kurz nach Halbzeit tauchten allerdings erste dunkle Wolken am Finanzhimmel auf. Brogli sah sie und warnte rechtzeitig vor sich verengenden Perspektiven, doch nicht alle hörten zu. Die letzte Amtsperiode Broglis war geprägt von Sparprogrammen, denn weiter steigenden Ausgaben standen weniger stark steigende Einnahmen gegenüber.
Mit besonderer Hingabe nahm Brogli als Landwirtschaftsdirektor an den Freuden und Sorgen der Aargauer Bauern teil. Insgesamt dreimal war er Landammann. In diesen Jahren kam eine seiner prägende Eigenschaften besonders zum Zug: Er war ein umgänglicher, lebensfroher Mensch, der auf die Menschen im Kanton zuging, ihnen zuhörte, mit ihnen lachte und festete.

Ein Staatsmann ohne Allüren

Wie in so manchen Aargauerinnen und Aargauern steigen auch in mir Erinnerungen an Begegnungen mit Roland Brogli auf. Einmal musste ich kurzfristig für den Finanzspezialisten der Redaktion einspringen und mit Roland Brogli ein Interview über die mittelfristigen Finanzperspektiven des Kantons führen. Verständig, geduldig, ohne belehrende Besserwisserei erläuterte der Magistrat dem mässig vorbereiteten Journalisten die Thematik.

Jahre später: Roland Brogli nervte sich über den Journalisten, der sich in einem Kommentar gegen das Sparen in der Bildung gewandt hatte, und griff ihn in einer halböffentlichen Runde ziemlich direkt an. Doch beim nächsten Treffen war davon nichts mehr zu spüren. Wir diskutierten vorurteilslos und sachlich, mit beidseits klar gesteigertem Verständnis für die Position des anderen.

«Eine prägende Persönlichkeit»: Parteikollegin und CVP-Präsidentin Marianne Binder zum Tod von alt Regierungsrat Roland Brogli.

«Eine prägende Persönlichkeit»: Parteikollegin und CVP-Präsidentin Marianne Binder zum Tod von alt Regierungsrat Roland Brogli.

Wenige Jahre nach Amtsantritt führte Roland Brogli einen neuen Anlass in den Aargauer Kalender ein: die Prämierung des Aargauer Staatsweines. Ich durfte mehrmals in der Expertenjury (als Laie) mitwirken und erlebte bei diesen Anlässen einen entspannten, humorvollen und önologisch beschlagenen Landwirtschaftsdirektor.

So war er, der Roland Brogli. Ein Finanzdirektor mit herausragenden Dossierkenntnissen, ein Landwirtschaftsdirektor mit viel Verständnis für die Landbevölkerung, ein Staatsmann ohne staatsmännisches Gehabe, ein Experte ohne Fachkauderwelsch, ein Regierer, der sich nie über die Regierten erhob, ein fairer Debattierer, der auch andere Meinungen zuliess, ein Optimist, der überall eine Lösung sah, ein gemütvoller Mensch, dem es am wohlsten war in geselliger Runde.

«Man kann es fast nicht glauben»: Landammann Stephan Attiger zum Tod von alt Regierungsrat Roland Brogli.

«Man kann es fast nicht glauben»: Landammann Stephan Attiger zum Tod von alt Regierungsrat Roland Brogli.

Der Aargau hat Roland Brogli viel zu verdanken. Seiner Gattin Rosmarie und der ganzen Familie entbieten wir unser herzliches Beileid.

Broglis letzter Auftritt bei Talk Täglich: 

Finanzdirektor Roland Brogli zieht nach 16 Jahren Bilanz

Finanzdirektor Roland Brogli zieht nach 16 Jahren Bilanz

Nach 16 Jahren ist Schluss. Der Aargauer Finanzdirektor Roland Brogli sagt Tschüss. Wir schauen mit ihm nochmals zurück und ziehen Bilanz.

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