Ein Besuch bei Niklaus Bigler ist wie eine Reise in die Vergangenheit – auch für ihn. Er lädt in sein ehemaliges Büro beim Idiotikon, dem Schweizerdeutschen Wörterbuch. Überall Bücher aus den letzten Jahrhunderten, schön geordnet nach Autoren und Gebieten. In der Ecke ein antiker Stuhl, der dem Chefredaktor in den 1930er-Jahren gehört habe, wie Bigler erzählt. Durch das geöffnete Fenster tönt die Stadt Zürich – Musik, Sirenen, Trams. Hier hat der 66-jährige Freiämter Wort für Wort an den Bänden gearbeitet, über 30 Jahre lang.

Seit er pensioniert ist, kommt er noch manchmal her, um für seine Kolumne zu recherchieren. «Auf ein Wort» heisst die, seit 12 Jahren schreibt er sie nun. 300 Mal. Immer pünktlich, immer fehlerfrei. Wie schafft er das? Er lasse sie gegenlesen, sagt er. Früher von einer Arbeitskollegin, heute von seiner Frau. Die Ideen gehen ihm ohnehin nie aus. Dafür sorgt der Stapel mit Zetteln, der bei ihm zu Hause liegt.

Eine Datenbank stellt sicher, dass kein Thema doppelt vorkommt. Knapp 1800 Zeichen lang dürfen sie sein, die Beiträge. Wenig Platz, viel Arbeit. Die Ideen trägt er wochenlang mit sich rum, immer wieder kommen ihm neue Aspekte in den Sinn. Einen halben bis einen ganzen Tag investiert er in eine Kolumne. «Ziemlich viel Arbeit», sagt er. Abschreiben könne er schliesslich nirgends.

Bigler steht auf, holt ein vollgestopftes Mäppchen: zuoberst seine erste Kolumne «Bei den Bräusiphagen». Und schon beginnt er zu erklären. «Bräusi» nannte man früher die Rösti. Von bräuse bzw. bräusele, also braten, anbrennen, verbrannt riechen, stammt das Wort, das fast nur im Aargau verbreitet war. Deshalb erhielten die Aargauer den Übernamen «Bräusiphagen». Geschichten wie diese könnte der Sprachforscher noch viele erzählen.

Aufgewachsen ist Niklaus Bigler auf einem Bauernhof in Wohlen. Das Berndeutsch des Vaters färbte auf den Sohn ab. Einen echten Freiämter Dialekt habe er nicht, sagt er selbst. Das merkte er bald in der Primarschule, wo er anders redete als die anderen Kinder, etwa gäärn statt geern oder Chröömli statt Guetsli sagte. Später, an der Alten Kantonsschule in Aarau kamen die unterschiedlichsten Dialekte aus allen Kantonsteilen hinzu. Bigler hörte genau hin, verglich die Ausdrücke. «Meine Faszination für die Sprache hat sicher damit zu tun. Auf diese Weise bin ich sensibilisiert worden.»

Der Dialekt-App gelinge es nicht, ihn der richtigen Region zuzuordnen. Ohnehin sei dies über die Jahre deutlich schwieriger geworden: «Immer mehr Mischungen.» Früher war das noch anders: Die Mitarbeiter des «Sprachatlasses der deutschen Schweiz» gingen in den 40er- und 50er-Jahren von Dorf zu Dorf, um mit Einwohnern der ältesten Generation zu sprechen. So entstanden die Karten, auf denen sich je nach Thema unzählige Sprachgebiete abzeichnen. Im Aargau laufen drei Hauptgebiete zusammen, auch deshalb nennt Bigler seinen Heimatkanton «die spannendste Gegend für Sprachforscher». Er steht auf, holt den Sprachatlas aus dem Nebenzimmer, um dies mit einem Beispiel zu untermauern: Tief. Im Fricktal heisst es «tief», im Osten «tüüf», im Süden «töif». Ein Kanton, drei Aussprachen.

An der Uni Bern studierte Bigler Germanistik und Musikwissenschaften; seine Dissertation war eine Feldforschung über den «Mundartwandel im mittleren Aargau». Später arbeitete er für das Berner Ortsnamenbuch, übernahm einen Lehrauftrag für Dialektologie an der Universität in Bern. 1982 zog er nach Zürich, wo er heute noch mit seiner Frau – einer gebürtigen Wienerin – lebt, und begann als Redaktor beim Idiotikon. An drei der insgesamt 17 Bände war er beteiligt – durchschnittlich zehn Jahre dauert die Arbeit an einem der dicken Bücher. Wieso, wird schnell klar, als er aufsteht, um einen Band zu zeigen. Die Begriffe werden detailliert erklärt, oftmals über zahlreiche Seiten, immer mit Textbeispielen aus historischen Büchern, Urkunden, Rechtsschriften. Mit diesen alten Quellen und den Mundartaufzeichnungen arbeitet Bigler nach wie vor am liebsten – «bei ihnen weiss man, woran man ist». Das Internet nutzt er, aber mit einer gewissen Skepsis: «Man darf nicht alles glauben, was dort steht.»

Über die Jahre haben Leser dem Freiämter immer wieder Briefe als Reaktion auf seine Kolumnen geschickt. Am meisten freue ihn, wenn jemand ein von ihm totgesagtes Wort noch kenne. «Hist» beispielsweise, das einem Leser noch ein Begriff war und so viel wie «gseesch!» bedeutet. Selbstverständlich ist das nicht, das Schweizerdeutsch verändert sich: «Das lässt sich nicht aufhalten.» Unweigerlich sterben Wörter aus, während neue dazukommen.

Zu faszinieren vermögen ihn die alten Ausdrücke, deren Herkunft und Geschichte. Sie erforscht er schon sein Leben lang – und er wird dies auch in Zukunft tun. Die Kolumne schreibt er auch nach dem Jubiläum weiter. Schliesslich gibt es noch viele Wörter zu erforschen, in Erinnerung zu rufen, zu erhalten. Im Aargau, «der spannendsten Gegend für Sprachforscher», sowieso.