Fachhochschule Nordwestschweiz

Entwickelt am Campus Brugg-Windisch: Aargauer Forscher hoffen und bangen mit der Raumsonde

Die Solar Orbiter startete ihre Sonnenmission – mit einem Röntgenteleskop der Fachhochschule Nordwestschweiz an Bord.

Montag, 4.30 Uhr. André Csillaghy tigert im Sitzungszimmer hin und her. Viel geschlafen hat er nicht. «Über zehn Jahre deiner Arbeit könnten auf einen Schlag explodieren, da bist du etwas nervös», sagt er, milde lächelnd.

Es steht viel auf dem Spiel. An diesem Tag startet die Raumsonde Solar Orbiter ihre Reise zur Sonne. Mit an Bord ist das Röntgenteleskop STIX, entwickelt und gebaut an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Brugg-Windisch.

150 Millionen Kilometer ist unser Heimatstern von der Erde entfernt. Für Weltall-Dimensionen ist das nicht weit. Und doch wissen Astrophysiker erstaunlich wenig über die Sonne. Warum etwa ist die Oberfläche mit 6000 Grad weit weniger heiss als die Atmosphäre mit 1 Million Grad? Welchen Einfluss haben geladene Teilchen, die ins All geschleudert werden?

«Wir röntgen die Sonne»: vier Fragen und Antworten zur Solar-Orbiter-Mission

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Letztmals schickte man in den Siebzigerjahren zwei Sonden Richtung Sonne. Nun soll Solar Orbiter noch näher heran – und mit Hilfe des Röntgenteleskops die rätselhaften Phänomene der brodelnden Kugel ergründen.

Kaffee, Twitter und Champagner

Darmstadt, Cape Canaveral. André Csillaghy und eine Handvoll Mitarbeiter schauen abwechselnd auf die Livestreams auf den Bildschirmen. Links das deutsche Kontrollzentrum der Europäischen Weltraumorganisation ESA, wo man gebannt auf den Countdown vom Weltraumbahnhof in Florida wartet, rechts im Bild. Die Anspannung strahlt aus, auch nach Brugg-Windisch.

Csillaghy holt einen Kaffee, nicht den ersten heute. Derweil vergleichen Heliophysikerin Marina Battaglia und die beiden Software-Ingenieure Filip Schramka und Simon Marcin, wer am meisten Schlaf abbekommen hat. 20 Jahre Planung und Arbeit stecken im Röntgenteleskop STIX.

Csillaghy, der Chef des Instituts für Data Science, ist als Co-Projektleiter seit 2010 dabei. Das Teil ist nur sieben Kilogramm schwer und zweieinhalb Kubikmeter gross. In der Solar Orbiter teilt es sich den Platz mit neun anderen Messinstrumenten.

Weltraumsonde Solar Orbiter startet erfolgreich zur Sonne – FHNW-Wissenschaftler zittern mit

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Blick auf die Uhr, noch wenige Minuten. Auf dem rechten Schirm ploppt der Timer auf: 4.00, 3.59, 3.58. Jeder am Tisch zählt für sich die Sekunden herab. Battaglia drückt die Fingernägel in ihre Handflächen. Start. Um kurz nach 5 Uhr (23 Uhr Ortszeit) färbt sich der pechschwarze Nachthimmel von Cape Canaveral in ein grelles Weiss. Die Triebwerke grollen, die Rakete steht schräg in der Luft und steigt und steigt.

Das Wichtigste: Sie ist immer noch ganz und hat sich nicht in einem Feuerball aufgelöst. Wenig später erscheint ein ESA-Forscher aus der Live-Schaltung im Bild. «Great success», meldet er. Alle im Raum am Campus in Brugg-Windisch klatschen. Erleichtert, nicht euphorisch.

5.40 Uhr. Inzwischen hat sich auch die zweite kleinere Rakete losgelöst, Solar Orbiter gleitet jetzt alleine durchs All. Zwei letzte Hürden hat die Sonde zu meistern. Noch fehlt ein Signal, damit sie Daten empfangen und senden kann.

Dankbar schnappt das FHNW-Team jeden Wortfetzen aus der Übertragung auf. Kurz darauf schnellt ein Diagramm in die Höhe, auf Twitter die Bestätigung von ESA: «Solar Orbiter, wir hören dich!» Wieder wird geklatscht, Csillaghy pustet ganz viel Luft aus der Lunge. «Den Champagner hole ich erst, wenn die Sonnenkollektoren ausgefahren sind.»

Die nächste Prüfung kommt schon Ende März

Doch auch das ist wenig später Tatsache. «We have a Mission», sagt der gleiche ESA-Forscher, diesmal breit grinsend. Csillaghy entkorkt eine Flasche Moët & Chandon und füllt die Gläser. Mit dem Team stösst der 55-Jährige auf das «grösste Abenteuer» seiner bisherigen Karriere an.

«Wir sind alle enorm erleichtert, dass der Start so gut geglückt ist», strahlt Csillaghy. Ende März folgt bereits der nächste Härtetest, wenn das Röntgenteleskop zum ersten Mal angestellt wird. «Dann geht unsere Arbeit erst richtig los», sagt Csillaghy.

Immerhin müssen die Forscher dann nicht noch einmal so früh aus dem Bett: Die Inbetriebnahme ist auf Nachmittag angesetzt.

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