Zweiter Wahlgang
Entscheiden die Frauen im Aargau die Ständeratswahl?

Über die Hälfte des Stimmvolks ist weiblich – die Frauen können über den Ausgang der umkämpften Ständeratswahl entscheiden. Und dafür sorgen, dass der Aargau weiterhin von einem Frauen-Duo vertreten wird. Doch gibt es die Frauensolidarität überhaupt?

Manuel Bühlmann
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Aargauer Politikerinnen-Duo im Ständerat: Pascale Bruderer (links) und Christine Egerszegi verabschieden sich nach vier gemeinsamen Jahren.

Aargauer Politikerinnen-Duo im Ständerat: Pascale Bruderer (links) und Christine Egerszegi verabschieden sich nach vier gemeinsamen Jahren.

Keystone

Eine Wahl hat Ruth Humbel bereits vor dem zweiten Wahlgang gewonnen: Sie ist «Frau des Monats». Ihre Vorgängerin im Oktober: Christine Egerszegi.

Nach dem Titel möchte CVP-Kandidatin Humbel nächsten Sonntag auch den Sitz der abgetretenen FDP-Ständerätin erben. Hinter der Auszeichnung steckt der überparteiliche Verein «frauenaargau».

Co-Präsidentin Connie Fauver: «Wir erhoffen uns, dass der Titel ihre Wahlchancen erhöht.» Gemeinsam mit anderen Frauenorganisationen rührt «frauenaargau» für Ruth Humbel die Werbetrommel. «Geht wählen», laute die Botschaft an die Frauen, sagt Fauver.

«Wir unterstützen sie, weil der Frauenanteil von 15 Prozent im Ständerat nicht genügt, um ein Abbild der Gesellschaft zu sein.»

Über die Hälfte der wahlberechtigten Aargauer Bevölkerung ist weiblich: Beim Kanton schätzt man ihre Zahl auf 214 000. Sie können über den Ausgang der umkämpften Ständeratswahl entscheiden – und dafür sorgen, dass der Aargau in der kleinen Kammer weiterhin von einem Frauen-Duo vertreten wird.

n Eine Woche vor der Wahl: die letzte Prognose

Eine Woche vor dem Tag der Entscheidung wagt jener Prognostiker, der die Reihenfolge im ersten Wahlgang richtig vorhergesagt hat, eine letzte Vorhersage. Urs Haeny (Oberwil-Lieli, ehemaliger FDP-Grossrat) sagt: «Es wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen geben. Der Ausgang ist offen, ich tippe auf Müller.» Er hält es für entscheidend, «wie viele Stimmen die chancenlose Kandidatur Humbel Müller kostet. Seine Prognose: Philipp Müller 76 000, Hansjörg Knecht 75 000 und Ruth Humbel 25 000 Stimmen. Bei der Wahlbeteiligung rechnet Urs Haeny mit einem Rückgang auf 40 bis 43 Prozent: «Die eher links Wählenden bleiben der Urne fern.» (Mbü)

Welche Kandidaten im ersten Wahlgang wie viele Stimmen von Männern oder Frauen erhielten, ist nicht bekannt – darüber wird keine Statistik geführt. Die Wahlumfrage, die Demoscope im Auftrag der Aargauer Zeitung durchgeführt hat, zeigt: Ruth Humbel kommt bei Frauen (32,8 Prozent) deutlich besser an als bei der männlichen Wählerschaft (21,4 Prozent). Bei Hansjörg Knecht ist es gerade umgekehrt (Frauen 28,9 Prozent, Männer 37,7 Prozent).

Philipp Müller hingegen kommt bei beiden Geschlechtern ungefähr gleich gut an (36,3 Prozent Männer, 33,8 Prozent Frauen) – er schneidet gemäss Umfrage vom Trio am besten ab bei den Wählerinnen.

Der freisinnige Kandidat versucht, das grosse Potenzial der Frauen ebenfalls auszuschöpfen. In Inseraten werben die FDP-Frauen für Ihren Präsidenten – unter ihnen prominente Exponentinnen wie Christine Egerszegi oder Corina Eichenberger.

Die kantonalen Frauenorganisationen machen sich allerdings für Ruth Humbel stark – unter ihnen auch der Aargauische Katholische Frauenbund AKF. «Stehen Frauen zur Wahl, unterstützen wir sie», sagt Vorstandsmitglied Heidi Behringer.

Das Motto laute: «Frauen wählen Frauen.» Schliesslich zählt zu den Zielen des parteipolitisch neutralen Vereins die Gleichstellung von Frau und Mann in Politik, Gesellschaft und Kirche.

Eine Kandidatin sollte jedoch den Grundwerten des Frauenbundes entsprechen, was bei Humbel der Fall sei, etwa bei Familienpolitik, Sozialstaat, Altersvorsorge oder Umweltbereich, sagt Behringer. Und allgemein gelte: «Eine Frau kann Frauenanliegen überzeugender vertreten als ein Mann.»

Die Wahlempfehlung des Frauenbunds geht per Newsletter und Vereinszeitschrift an die rund 10 000 Mitglieder. Wie viele sich daran halten werden, lasse sich nicht abschätzen, sagt Behringer. «Alle dürften wohl kaum Ruth Humbel wählen. Es ist anzunehmen, dass die Parteigängerinnen ihre eigenen Kandidaten unterstützen werden.»

Doch gibt es bei Wahlen überhaupt so etwas wie eine Solidarität unter Frauen? «Bestimmt», lautet die Antwort von Doris Stump. Die Alt-SP-Nationalrätin und Frauenrechtlerin sagt aber auch: «Solidarität heisst nicht, dass die politischen Positionen der Kandidatinnen unwichtig sind.»

Connie Fauver betont, die Empfehlung von «frauenaargau» hänge nicht nur mit dem Geschlecht, sondern auch mit den inhaltlichen Positionen Humbels zusammen.

Zur Frauensolidarität bei Wahlen sagt sie: «Wir arbeiten darauf hin. Bis jetzt ist sie noch ein Fernziel, aber manchmal bereits zu spüren.» Gleich tönt es bei der Frauenzentrale Aargau: «Frauensolidarität wünschen wir uns und setzen uns dafür ein», sagt Anita Schwarb.

Der Zusammenhalt soll vor allem dafür sorgen, dass die Frauen stärker vertreten sind im Parlament. Doris Stump erinnert daran, dass Frauen immer noch untervertreten seien – bei den Kandidierenden wie bei den Gewählten. Diese Einschätzung teilt auch Fabrizio Gilardi, der als Leiter des Instituts für Politikwissenschaft der Uni Zürich unter anderem über Geschlechterfragen forscht. Die Untervertretung der Frauen im Parlament liege hauptsächlich an deren Untervertretung auf den Wahllisten. Seine Erkenntnis aus den Wahlen vom 18. Oktober: «Insgesamt haben Männer und Frauen sehr ähnliche Wahlchancen – sofern sie weit oben auf der Liste stehen.» Anders als Frauen konnten Männer auch von hinteren Listenplätzen aus Erfolge feiern. Bei Ständeratswahlen seien Frauen, die auf der Liste stehen, nur leicht benachteiligt, sagt Gilardi. «Dieser Nachteil wirkt sich aber nur bei einem knappen Wahlausgang aus.»

Dafür, dass dieser Nachteil für Ruth Humbel nicht spürbar wird, weibelt auch die Frauenzentrale Aargau. Sie beteiligt sich ebenfalls an der Inseratekampagne und empfiehlt die CVP-Kandidatin ihren 400 Mitgliedern weiter. An einem Infoanlass am kommenden Mittwoch zur Zukunft der AHV geben sie Ruth Humbel eine Plattform. Der zweite Gesprächsgast: Pascale Bruderer.

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