Atomenergie
Entdeckte Schwachstellen beim AKW Beznau gibt es seit der Inbetriebnahme

Das AKW Beznau ist für drei Monaten abgeschaltet, weil es Schwachstellen im Material des Druckbehälters gibt. Diese sollen bereits seit der Inbetriebnahme des ältestens AKW der Welt bestehen.

Fabian Hägler
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Das AKW Beznau (Archivbild).

Das AKW Beznau (Archivbild).

Aargauer Zeitung

Ursprünglich sollte die Revision des ersten Reaktorblocks im Atomkraftwerk Beznau von März bis Juli dauern. Doch der neue Deckel passte nicht auf den Druckbehälter, die Betreiberfirma Axpo rechnete deshalb mit einer Verzögerung von zwei Wochen. Nun bleibt der Reaktor bis Ende Oktober ausgeschaltet. Grund dafür sind Schwachstellen im Material des Druckbehälters. Stephan Döhler, Leiter Kernenergie bei der Axpo, nimmt Stellung zu den Problemen.

Herr Döhler, was muss man sich unter einer Unregelmässigkeit am Reaktordruckbehälter vorstellen? Geht es um Risse, wie bei zwei belgischen AKW?

Stephan Döhler: Nein, es sind keine Risse. Es kann eine Verunreinigung sein, denkbar wäre ein kleiner Lufteinschluss oder eine Stelle, wo die Dichte des Materials leicht anders ist. Ein direkter Vergleich der Anzeigen unserer Messungen mit den Ergebnissen aus belgischen Kraftwerken ist zurzeit nicht möglich, da es sich um andere Materialien und Herstellprozesse handelt.

Seit wann bestehen die Schwachstellen am Reaktordruckbehälter?

Nach heutigen Erkenntnissen und den Aussagen der Spezialisten handelt es sich um Unregelmässigkeiten, die bei der Herstellung des Druckbehälters entstanden sind.

Die Schwachstellen gibt es also seit 1969, als das Kraftwerk gebaut wurde – warum wurden sie erst jetzt bemerkt?

Die Prüftechnik hat sich in den letzten Jahren sehr deutlich verbessert. Mit modernsten Ultraschallmethoden haben wir nun erstmals wenige, kleine Unregelmässigkeiten im Material festgestellt.

War das Messresultat für Sie eine Überraschung – oder muss man bei einem 46-jährigen AKW damit rechnen?

Die Unregelmässigkeiten haben mit dem Alter der Anlage nichts zu tun, sie sind ja bei der Herstellung entstanden. Es ist nicht ganz aussergewöhnlich, dass ein Schmiedeteil dieser Grösse – der Druckbehälter ist etwa 10 Meter hoch und hat eine Wandstärke von 18 Zentimetern – solche kleinen Unregelmässigkeiten enthalten kann.

Im letzten Jahr wurde nachgewiesen, dass der Reaktordruckbehälter die Sicherheitsanforderungen für den Betrieb erfüllt – gilt das immer noch?

Wir konnten im letzten Jahr den rechnerischen Nachweis führen, dass beide Reaktordruckbehälter genügend Sicherheitsmarge für einen Betrieb von 60 Jahren und mehr haben. Das gilt immer noch. Die jetzt festgestellten Unregelmässigkeiten sind meldepflichtig, wir haben die Aufsichtsbehörde mit einem vorläufigen Messbericht auch schon darüber informiert. Nach ersten Berechnungen von Spezialisten gibt es derzeit aber keine Vorbehalte gegeneinen sicheren Weiterbetrieb des Kraftwerks.

Dennoch bleibt der Reaktor bis voraussichtlich Ende Oktober abgeschaltet – warum so lange?

Wir wollen feststellen und verstehen, was die Anzeigen bei der Ultraschall-Kontrolle genau bedeuten. Deshalb sind nun auf der Basis der vorliegenden Messauswertungen weitere detaillierte Analysen nötig. Dies ist Bestandteil unserer Sicherheitskultur. Die Analysen werden durch international renommierte Experten durchgeführt. Auch diese Ergebnisse werden dem Ensi eingereicht und dort geprüft – wie lange dies dauert, können wir nicht beeinflussen. Der Reaktor kann erst wieder in Betrieb genommen werden, wenn das Ensi grünes Licht gibt. Wir gehen im Augenblick davon aus, dass dies Ende Oktober sein wird.

Und wenn die Bewertung ergibt, dass der Weiterbetrieb nicht sicher ist?

Sollte dies das Resultat sein, dann werden wir den ersten Reaktorblock nicht wieder anfahren. Das ist unsere Sicherheitsphilosophie: Wenn wir Zweifel an einem sicheren Betrieb haben, dann stellen wir ab.

Gehen Sie davon aus, dass auch der Druckbehälter des zweiten Reaktors solche Unregelmässigkeiten aufweist?

Das wissen wir noch nicht, wir werden den zweiten Reaktor allerdings im August vom Netz nehmen und den Druckbehälter ebenfalls mit Ultraschall untersuchen. Die entsprechenden Vorbereitungen werden nun an die Hand genommen.

Dann werden beide Reaktoren nicht am Netz sein und Beznau wird wochenlang keinen Strom produzieren?

Ja, ab dem 12. August wird diese eher seltene Situation eintreten. Für die Mitarbeiter im Kraftwerk erhöht sich damit die Belastung. Aus sicherheitstechnischer Perspektive ist eine Abschaltung beider Reaktoren aber völlig unkritisch.

Aber sie hat finanzielle Auswirkungen für das Kernkraftwerk und die Axpo?

Ja, mit der Verlängerung der Revision werden – je nach Verlauf der Arbeiten – Kosten von bis zu 50 Millionen Franken entstehen. Einerseits durch die aufwendigen Abklärungen, andererseits durch den Ausfall der Einnahmen aus dem Stromverkauf.

Verzögerungen hat es schon vor der Entdeckung der Unregelmässigkeiten gegeben, der neue Deckel für den ersten Reaktorbehälter passte nicht – sind Sie sicher, dass der zweite passt?

Wir haben den zweiten Deckel schon ausgemessen und die Nachbearbeitung vorbereitet. Es wäre eine grosse Überraschung, wenn er nicht auf den Druckbehälter des zweiten Reaktors passen würde.

Gab es auch in den Deckeln ähnliche Unregelmässigkeiten, wie sie nun im Druckbehälter festgestellt wurden?

Nein, bei den Ultraschall-Messungen wurden in den Deckeln der Reaktor-Druckbehälter keine Unregelmässigkeiten festgestellt. Wir ersetzen diese vorsorglich, aufgrund von Erfahrungen mit baugleichen Anlagen im Ausland. Den Entscheid dazu haben wir schon im Jahr 2008 gefällt.

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