Nachgefragt

Energiedirektor Stephan Attiger über das neue Energiegesetz: «Je früher wir handeln, desto günstiger ist es»

Energiedirektor Stephan Attiger äussert sich zum neuen aargauischen Energiegesetz.

Energiedirektor Stephan Attiger äussert sich zum neuen aargauischen Energiegesetz.

Die AZ konfrontierte Energiedirektor Stephan Attiger mit den grössten Vorbehalten der Gegner des neuen Energiegesetzes. Sie sprach mit ihm über die Erfahrungen in Luzern mit dem Gesetz und warum es in Solothurn scheiterte.

Zahllose Hauseigentümerinnen  und -eigentümer tun sehr viel für die energetische Verbesserung ihres Gebäudes. Deren Energieverbrauch sinkt. Warum bleiben wir nicht einfach auf dem Pfad der Freiwilligkeit?

Stephan Attiger: Es stimmt, viele Menschen tun das Richtige. Neue Häuser werden besser gebaut, brauchen weniger Energie und nutzen diese effizienter. Dies zum einen, weil Heizsysteme durchs Band besser geworden sind, Häuser besser gedämmt werden, neue Fenster dichter sind usw. Das ist aber wesentlich auf die Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich (MuKEn) zurückzuführen. Diese werden alle paar Jahre gezielt erweitert, um den Absenkpfad fortzuführen. Das ist eine erfolgreiche Strategie. Denn die Kantone können die neuen Anforderungen massgeschneidert umsetzen. Das tun wir auch hier im Aargau. 

Aber braucht es dies wirklich? Die Gegner verweisen auf das geltende Gesetz, das genüge vollauf.

Es trifft zu, dass wir ein gutes Energiegesetz haben. Einige Gegner haben aber auch schon das jetzige Energiegesetz seinerzeit als staatliches Machwerk bekämpft. Dass sie es jetzt gut finden, spricht für das Gesetz. Wir sind aber noch nicht dort, wo wir hinwollen. Die Schweiz steht zum Pariser Abkommen, und will bis 2050 klimaneutral werden. Das wollen auch wir. Deswegen braucht es weitere Massnahmen – mit dem neuen Energiegesetz.

Warum geht es im neuen Energiegesetz eigentlich nur um Gebäude, und nicht auch um den Verkehr?

Wir haben eine klare Aufgabenteilung. Der Bund ist für den Verkehr zuständig, wir Kantone für die Gebäude. Diese verbrauchen immerhin rund die Hälfte der Energie, das ist also eine sehr wichtige Aufgabe. Diese Aufteilung finde ich richtig, wir Kantone können so die jeweils besten Lösungen finden. Mir ist wichtig, eine gute Lösung zu finden, so dass sich der Bund nicht einmischen muss. Er schickt sich aber mit dem CO2-Gesetz zum ersten Mal an, genau das zu tun.

Dann könnte sich der Kanton doch zurücklehnen, und auf Bern warten?

Das wollen wir eben nicht! Denn der Bund muss eine Einheitslösung für alle finden, wir wollen aber eine massgeschneiderte, aargauische Lösung. Wenn unser Energiegesetz an der Urne gutgeheissen wird, müssen wir das CO2-Gesetze nicht bis 2023, sondern erst bis 2026 umsetzen. Das gibt uns Zeit für eigene Lösungen ohne Technologieverbote. Bis dann haben wir nämlich wohl schon die nächste Gesetzesrevision bereit. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir über 2026 hinaus mit eigenen Lösungen zum Ziel kommen können. Mit unserem Vorgehen sind wir genau richtig.

Was macht Sie da so sicher, die SVP und der Hauseigentümerverband sehen das genau umgekehrt.

SVP, der Hauseigentümerverband und die EDU bekämpfen das Gesetz. Eine sehr breite Allianz setzt sich aber dafür ein: SP, Grüne, GLP, FDP, CVP, EVP und BDP. Besonders wichtig ist, dass die Energiebranche, der Aargauische Gewerbeverband und die Aargauische Industrie- und Handelskammer – also die Wirtschaft – das Gesetz unterstützen, ebenso der Baumeisterverband, Umwelt- und Naturschutzverbände. Ich bin aber auch sicher, dass das neue Gesetz gut ist. Der Kanton Luzern hat übrigens schon ja dazu gesagt, und erste positive Effekte zeigen sich bereits.

Inwiefern?

Erste Erfahrungen aus dem Kanton Luzern zeigen, dass aufgrund einer vom Gesetz geforderten Gesamtanalyse beim Heizungsersatz in mindestens acht von zehn Fällen von einer fossilen auf eine nicht-fossile Heizung gewechselt worden ist. Meistens werden Wärmepumpen eingesetzt. In rund zehn Prozent sind die Gebäude bereits gut gedämmt. Da wollen auch wir hin, und genau wie Luzern ohne Technologieverbot. Luzern zeigt, es geht.

Auch die Solothurnerinnen und Solothurner haben über ein neues Energiegesetz abgestimmt, es aber abgelehnt. So einfach ist es also doch nicht.

Das stimmt, wir gehen mit unserem Gesetz aber auch weniger weit als Solothurn damals. Dort kämpften die Wirtschaft und die Branche gegen die Vorlage. Hier im Aargau stehen die Wirtschaft und die Branche  hinter unserer moderaten Umsetzung.

Die Hauptsorge vieler Hausbesitzer und Mieter ist, dass Wohnen teurer wird, wenn die Anforderungen erhöht werden.

Nehmen wir das Beispiel einer Wärmepumpe. Ja, die ist in der Anschaffung klar teurer als eine neue Ölheizung. Doch die Wärmepumpe ist im Unterhalt und vor allem im Energieverbrauch deutlich günstiger. Damit sinken effektiv die Nebenkosten. Auf die ganze Lebensdauer gerechnet ist die Wärmepumpe sogar günstiger. Zusätzlich ist man dann nicht mehr vom Öl und dessen stark schwankenden Preisen abhängig, und tut etwas Gutes fürs Klima.

Sie sagen, das neue Gesetz bringe kein Technologieverbot. Die Gegner sagen aber, es schraube die Anforderungen für eine Ölheizung so stark hinauf, dass man faktisch keine mehr einbauen kann.

Das stimmt nicht. Wir haben und bekommen im Aargau mit dem neuen Gesetz kein Ölheizungsverbot. Man kann eine neue einbauen. Wenn man diese zum Beispiel mit einer Solaranlage oder mit einer zusätzlichen Dämmung kombiniert, sind die Anforderungen erfüllt. [A4] Gewiss ist auch die Wirtschaftlichkeit zu prüfen. Man kann eine neue Ölheizung mit dem neuen Gesetz sogar noch einbauen, wenn ihre Lebenszyluskosten bis 10 Prozent teurer sind als für eine andere Heizung. Da kann man wirklich nicht von einem Verbot reden.

Am umstrittensten ist die Verpflichtung beim Bau oder der Erweiterung eines Hauses, einen Teil des Stromeigenverbrauchs selbst herzustellen. Das ist doch eine Bevormundung.

Wir haben zahllose Dächer im Kanton Aargau, die sich hervorragend für eine Solaranlage eignen. Leider wird nur bei jedem zwanzigsten Neubau eine solche erstellt. Das reicht nicht, um unsere Ziele zu erreichen. Es gibt aber viele Möglichkeiten, angefangen bei einem einfachen Modul aus dem Supermarkt bis zur integralen Profilösung. Alles geht in die richtige Richtung. Die so hergestellte Energie kann man kurzzeitig speichern, braucht dafür keine Netzgebühren, kann sie selbst brauchen. Und man senkt den Druck zum Bau neuer Übertragungsleitungen, das nützt allen.

Aber wir fürchten uns vor der Winterstromlücke, wo Solaranlagen kaum etwas beitragen.

Man muss keine Solaranlage bauen, man kann sich auch bei einer Grossanlage einkaufen, wenn es im eigenen Haus keinen Sinn macht. Das Gesetz stellt bloss eine Minimalanforderung. Die Leute können auch deutlich darüber hinaus gehen. Das machen sehr viele. Dabei finden sie innovative Lösungen. Zudem gibt es für vieles eine Förderung. Die Winterstromlücke müssen wir auch angehen, indem wir an besseren Speichermöglichkeiten forschen.

Sie sprechen die Fördermöglichkeiten an. Parallel zum neuen Energiegesetz will die Regierung in den nächsten vier Jahren 72 Millionen Franken für Fördermassnahmen einsetzen, etwa für Wärmepumpen. Warum nehmen Sie das nicht zusammen, dann weiss man, was man hat?

Das Gesetz regelt die Rahmenbedingungen, es ist relativ starr. Bei den Fördermitteln müssen wir flexibel sein, die gehören nicht dort hinein. Es gibt ständig neue förderungswürdige Möglichkeiten, und andere, die keine Förderung mehr brauchen. Darauf können wir nur reagieren, wenn wir die Fördermittel jedes Jahr neu justieren können. Deshalb kommt dieses Programm, mit dem wir auch Innovationen fördern wollen, mit einer separaten Vorlage.

Und woher stammt das viele Geld, aus Steuermitteln?

Der Kanton gibt 12 Millionen Franken daran, der grosse Rest stammt aus Zahlungen der Bevölkerung in die nationale CO2-Abgabe. Die Aargauerinnen und Aargauer bezahlen jedes Jahr einen ansehnlichen Betrag in den CO2-Fonds. Ich finde es sehr wichtig, dass wir dieses Geld aus Bern zurückholen und im Aargau einsetzen. Damit kann man höhere Anfangsinvestitionen in umweltverträgliche Lösungen abfedern.

Und wenn der Aargau dieses Geld nicht abholt?

Wenn wir es nicht tun, tun es andere Kantone, das fände ich sehr schade. Mit diesem Geld können wir in Gebäuden viel machen, ohne jeden Komfortverlust, ohne jede Einbusse. Es ist doch niemandem geholfen, wenn er oder sie in einem schlecht gedämmten alten Haus eine tiefe Miete, dafür horrende Nebenkosten zahlt, weil man quasi zum Fenster hinaus heizt. Das ist teuer, Verschwendung von endlichen Ressourcen, und es schadet dem Klima auch noch völlig unnötigerweise.

Aber was bringt es insgesamt? Der CO2-Ausstoss der Schweiz ist doch im weltweiten Vergleich kaum messbar.

Wenn wir den Ausstoss pro Person rechnen, ist unser CO2-Fussabdruck hoch. Wir müssen auch noch die Energie dazurechnen, die für die Herstellung von importierten Produkten im Ausland verbraucht wird, etwa für Autos. Wenn wir bei der CO2-Reduktion vorangehen, ist das eine enorme Chance für unsere Industrie, innovative Lösungen hervorzubringen und weltweit zu verkaufen. Mit innovativen Spitzenprodukten ist die Schweiz gross geworden. Dieser Markt hat Zukunft. Entscheidend ist, schneller und besser zu sein als andere. Das können wir.

Viele werden sich sagen, sie hätten mit Corona schon genug Kosten.

Diese Sorge müssen wir sehr ernst nehmen, wir tun das auch. Auch deshalb ist es gerade jetzt wichtig., Fördermittel zur Verfügung zu stellen, Und umso wichtiger sind Massnahmen zur Senkung des Energieverbrauchs, das senkt letztlich die Kosten.

Gerade jetzt hat der Regierungsrat einen Entwicklungsschwerpunkt Klima beschlossen. Was bringt dieser?

Energie und Klima sind Zwillinge, Energie ist ein wichtiger Teil des Klimas. Der Klimawandel bringt uns grosse Aufgaben. Wir müssen den Wald umbauen, die Raumplanung anpassen, überlegen, wie Siedlungen künftig aussehen sollen, damit sie nicht überhitzen, weiter Auen renaturieren, um einen Ausgleich zu schaffen. Mit dem neuen Entwicklungsschwerpunkt will die Regierung auch zusätzlich zu den bereits geplanten Massnahmen 10 Millionen Franken für den Klimaschutz und die Klimaanpassung einsetzen, um rasch und unbürokratisch wirksame und innovative Projekte zu unterstützen. Klar ist für uns: Je früher wir handeln, desto günstiger ist es. Je später wir anfangen, desto teurer wird es. 

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