Metron
Energie-Ingenieur Heini Glauser: «Das Grundübel ist der masslose Konsum»

Heini Glauser prangert an, dass im Verkehr Treibstoff verschleudert wird. Einen fünf Tonnen schweren Wagen für eine 50 bis 75 Kilo schwere Person zu fahren, sei ein Verhältnisblödsinn. Und: Der masslose Konsum führe nicht zu mehr Lebensqualität.

Hans Lüthi
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Die Menschen konsumieren viel zu viel, ist Energie-Ingenieur Heini Glauser überzeugt.

Die Menschen konsumieren viel zu viel, ist Energie-Ingenieur Heini Glauser überzeugt.

Key/Mathias Marx

«Und wir bewegen uns doch» – unter diesem Motto trafen sich über 190 Fachleute aus Planungsbüros und Städten. Im Campussaal Brugg-Windisch diskutierten sie aktuelle Verkehrsprobleme und suchten nach Lösungen für die Zukunft. Dabei ist sich die Fachwelt einig, dass neue Strassen nicht zum Ziel führen (siehe Box) – weil Platz, Zeit und Geld immer knapper werden. Energie-Ingenieur Heini Glauser prangerte die Verschleuderung von Treibstoffen im Verkehr an. Dieser könnte aus der Erfolgsgeschichte bei den Gebäuden viel lernen. Während der Verbrauch an Heizöl stark zurückging, nahmen Benzin und Diesel in 40 Jahren um 69 Prozent zu. Heini Glauser war von 1985 bis 1998 bei der Metron AG in Brugg tätig, seither ist er selbstständiger Energie-Ingenieur und Architekt in Windisch.

Mobilität: Das Wachstum des Autoverkehrs abbremsen

Die Metron in Brugg organisiert alle drei bis vier Jahre eine Tagung für Architekten, Planer und Verkehrsfachleute. Weil der Autoverkehr stärker wächst als die Bevölkerung, nehmen die Staus laufend zu. Die grössten Städte konnten das Gesetz des steten Wachstums brechen. Aber die Klein- und Mittelstädte «können die starke Nachfrage im motorisierten Individualverkehr kaum mehr bewältigen». Das stellte Rupert Wimmer fest, Geschäftsleiter in der Metron Verkehrsplanung AG. Gemeinden im Agglomerationsgürtel müssten die Wünsche der Bevölkerung aufnehmen: öffentliche Räume von hoher Qualität, attraktive Fussgängerflächen, sichere Velowege, ein dichtes öV-Angebot, keine Staus und wenig Verkehrsbelastungen.
Interessant ist die Feststellung, dass (im Mittel) alle Personen täglich 80 bis 90 Minuten ausser Haus unterwegs sind. Das ist seit Jahren so, aber mit mehr Tempo nehmen die Distanzen zu.
In den letzten zehn Jahren sind die Siedlungen stark in die Flächen hinausgewachsen. «Eine effiziente Raum- und Verkehrsplanung ist ein Gebot der Stunde», sagte Michel Matthey, Vizedirektor im Bundesamt für Raumentwicklung. Siedlung und Verkehr müssten besser abgestimmt werden. Der Zwang zur gemeinsamen Planung fördere die Koordination von Bund, Kantonen und Gemeinden. Verkehrsmanagement auch für Kleinstädte, mehr Veloverkehr, Chancen und Grenzen des öV sowie Parkplatzplanung waren weitere Themen. (Lü.)
Bei der Metron AG in Brugg arbeiten 144 Personen in Architektur, Raum- und Verkehrsplanung. Das Tagungsfazit gibt es als Themenheft.

Bei den Bauten funktioniert das Sparen. Warum aber braucht der Verkehr immer mehr Energie?

Heini Glauser: Im Gebäudebereich wurden sofort nach der Ölkrise 1973 Impulsprogramme gestartet. Man bildete die Fachleute aus, Architekten, Hochbauzeichner, Baufachleute. Die Kantone machten Energiegesetze, später kamen die freiwilligen Labels wie Minergie und Minergie P dazu. Alles geschah mit Druck, Regeln, Fördermassnahmen und Lenkungsabgaben beim CO2. Dieses Bündel von Massnahmen hat zu einem ansehnlichen Erfolg geführt: Der Ölverbrauch pro Quadratmeter ist innert 40 Jahren auf einen Viertel gesunken.

Haben Sie und die Metron zu stark auf Gebäudeeffizienz gesetzt und den Verkehr vernachlässigt?

(Lacht) Die Metron war ja auch von Wellenbewegungen erfasst, die Themen Ökologie, Verkehr, Energie haben einmal Hochkonjunktur, dann wieder weniger. Im Gebäude- und im Siedlungsbereich wurden wir unterstützt durch die Rahmenbedingungen von Bund und Kantonen. Beim Verkehr ist auch die Metron auf freiwilliges Mitmachen angewiesen. Politisch blieb es bei Appellen, griffige Gesetze oder gute Rahmenbedingungen fehlen bis heute.

Freiwillig macht niemand mit. Also geht es nur mit Zwang?

Zwang ist ein hartes Wort. Freiwilligkeit wird für den Einzelnen schwierig, wenn er sieht, dass alle anderen ringsum immer noch nach dem alten System leben. Da entsteht die Frage: «Warum soll ausgerechnet ich etwas machen?» Allgemein akzeptierte Regeln, auch mit kleinen Zwängen oder Verboten, verlangen ein gleichartiges Verhalten aller Beteiligten. Dann wird es in einer Gesellschaft viel eher akzeptiert.

Alles ist machbar, wenn man will?

Ja, wenn der Mut vorhanden ist, Regeln politisch weiterzuentwickeln. Und wenn es gelingt, einen Konsens zwischen den Extremen zu finden, den eine Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert. Dann kann sich die Gesellschaft besser in eine neue Situation hineinbewegen.

Wollen Sie die treibstofffressenden Offroader verschrotten und nur noch Kleinwagen mit 2 bis 3 Liter Verbrauch zulassen?

Es müssen nicht zwingend nur Kleinwagen sein. Wenn jeder ein Fahrzeug fährt, das für seinen Zweck eine sinnvolle Grösse hat, haben wir zusätzlich zum kleinen Verbrauch auch viel weniger Gewicht, das transportiert werden muss. Früher oder später werden diese riesigen Offroader so oder so aussterben, wenn die Preise für Benzin und Diesel weiter steigen. Und wenn grosse Fahrzeuge steuerlich stärker belastet werden.

Wenn neue Strassen das Verkehrsproblem nicht lösen können: Was sind die Rezepte gegen Staus?

Wenn in einem Durchschnittswagen 1,2 bis 1,3 Personen sitzen, ist es primär eine Organisationsfrage, wie wir uns fortbewegen wollen. Das Individualfahrzeug hat durchaus seine Berechtigung, wenn es optimal eingesetzt wird. Aber ein zu grosser Wagen mit fünf Tonnen für eine 50 bis 75 Kilo schwere Person ist ein Verhältnisblödsinn.

Im öffentlichen Verkehr haben auch nicht alle Leute Platz, in Spitzenzeiten sind die Züge übervoll.

Beim Verkehr müssen wir mit der gleichen Fantasie vorgehen wie beim Ausbau und Umbau der Gebäude, wo mit guten Konzepten sehr viel erreicht werden konnte. Der Modalsplit, welches Verkehrsmittel ich wähle, hängt von vielen Faktoren ab: Der Distanz, wer bestimmt den Weg, müssen alle zur gleichen Zeit auf den gleichen Achsen unterwegs sein?

Wie stark verursachen die Zuwanderer die Mobilitäts-Probleme?

Die Zuwanderung ist ein untergeordnetes Problem, das aber sicher verstärkend wirkt. Wenn wir 1973 mit 2012 vergleichen, sehen wir diese Fakten: Die Zahl der Einwohner hat in der Schweiz um 30 Prozent auf 8 Millionen zugenommen. Gleichzeitig verdoppelte sich die Wohnfläche pro Person von 25 auf 50 Quadratmeter. Das Grundübel liegt in unserem masslosen Konsum, weil wir meinen, mit mehr Menge hätten wir eine höhere Lebensqualität.

Welchen Zusammenhang haben Zersiedlung und Verkehr?

Je dichter ein Gebiet bewohnt und bebaut ist, desto weniger Verkehrsleistung wird benötigt. Die Wege sind kürzer, der Anteil von Fussgängern, Velos und öffentlichem Verkehr ist grösser. Entsprechend wird auch weniger Energie verbraucht, die Leute wohnen näher zusammen.

In Ihrem Referat bezeichneten Sie Atomkraftwerke und den Verkehr als Wärme-Verschwender.

Die Abwärme der Atomkraftwerke würde genügen, um anderthalbmal alle Wohnungen und Büros heizen zu können. Und der Verkehr erzeugt nochmals die gleiche Wärmeenergie.

Darum wollen Sie die Elektromobilität in die Privatkeller verlegen. Wie soll das funktionieren?

Jede Person kann mit einem Wärme-Kraft-Kopplungs-Modul, kurz WKK genannt, im Keller Strom und Wärme erzeugen. Die Wärme für das Heizen und das Warmwasser, den Strom für das Haus und das Elektromobil.

Das braucht mehr Gas oder Öl?

Unter dem Strich stimmt das nicht. Wenn ein Kraftwerk in Europa mit dem Gas Strom produziert, gehen grosse Mengen Abfallwärme verloren. Im eigenen Haus kann die ganze Abwärme genutzt werden. Der Wirkungsgrad ist also viel höher. Darum ist jede WKK-Anlage schon per se eine Effizienzmassnahme im Sinne des Klimaschutzes. Wenn das auch noch in einem gut wärmegedämmten Haus erfolgt, kann man mit weniger Heizenergie mehr Strom und genug Wärme produzieren.