Lockerungen

Endlich wieder normal heiraten: Was Aargauer Paare während des Corona-Lockdowns erlebt haben

Nach langem Abwarten dürfen sie am 4. Juli wie geplant heiraten: Das Aargauer Paar Denise Schuler und Michael Haller.

Nach langem Abwarten dürfen sie am 4. Juli wie geplant heiraten: Das Aargauer Paar Denise Schuler und Michael Haller.

In den vergangenen Monaten war Heiraten nur im allerkleinsten Kreis von fünf Personen erlaubt. Viele Paare entschieden sich für eine Verschiebung, andere warteten ab. Nun darf endlich wieder in grossen Gruppen gefeiert werden.

Es ist ein Tag, wie kein anderer im Leben. Rund 40'000 Mal jedes Jahr geben sich Paare in der Schweiz das Jawort. Es sollte ein Tag sein, an dem Umarmungen ausgetauscht werden können und die Nähe zu den Liebsten selbstverständlich sein soll.

Doch der Coronavirus-Lockdown machte Heiratswilligen das Feiern selbst im engsten Familienkreis unmöglich. Auf den Standesämtern durften nebst dem Paar seit Mitte März nur die Trauzeugen anwesend sein. An einen Fotografen, der die Eheschliessung festhielt, oder einen anschliessenden Apéro war nicht zu denken.

Seit vergangenem Samstag, als der dritte Lockerungsschritt der Massnahmen gegen das Coronavirus in Kraft getreten ist, dürfen Paare nun wieder mit bis zu 300 Personen feiern. Ein Schritt, dem auch viele Aargauer Paare und Dienstleister der Hochzeitsbranche nervös entgegengefiebert haben.

Führen gemeinsam die Aargauer Hochzeitsplanungs-Agentur «Destiny Weddings & Events»: Debora Dietiker und Andrea Bolliger.

Führen gemeinsam die Aargauer Hochzeitsplanungs-Agentur «Destiny Weddings & Events»: Debora Dietiker und Andrea Bolliger.

Eine von ihnen ist Debora Dietiker. Die Weddingplanerin aus Unterentfelden war gleich doppelt betroffen, sollte sie nach zwei Jahren Verlobung und fast 13 Jahren Beziehung eigentlich am vergangenen Samstag, 6. Juni heiraten. «Geplant war eine kirchliche Trauung und ein anschliessender Apéro mit 120 Gästen. Am Abend beim Bankett wären noch 53 Gäste dabei gewesen.» Während der ersten Wochen des Shutdowns warteten die 30-jährige Aargauerin und ihr Verlobter Mischa hoffnungsvoll ab. Nach der Bundesratsinformation von Mitte April entschieden sie sich dann definitiv dafür, das Fest zu verschieben: «Der Bundesrat sagte damals, ein weiterer Lockerungsschritt sei voraussichtlich für den 8. Juni vorgesehen. Da war für uns klar, dass wir nicht noch länger zittern wollten», sagt Dietiker.

Ausserdem sollte das Coronavirus an ihrem grossen Tag nicht das Thema Nummer eins sein. «Eine Hochzeit ohne Umarmungen wäre für uns unvorstellbar gewesen.» Dass der dritte Lockerungsschritt nun doch bereits auf den 6. Juni fiel, und sie die Feier wie ursprünglich geplant hätten durchführen können, ärgert das Paar trotzdem nicht: «Wir konnten das Fest eins zu eins auf Mitte Oktober verschieben. Uns war es wichtig, alle Dienstleister, die wir mit viel Liebe ausgesucht haben, dabei zu haben.» Weil die Hochzeit im Herbst statt an einem Samstag nun an einem Freitag stattfindet, können nicht alle Gäste dabei sein. «Aber bevor wir überhaupt ein Verschiebedatum ausgesucht haben, klärten wir mit unseren engsten Freunden und Familienangehörigen, ob sie verfügbar sind», sagt Dietiker.

Paare verschieben im Zweifelsfall lieber um ein Jahr

Seit zwei Jahren führt Debora Dietiker gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Andrea Bolliger nebenbei die Hochzeitsplanungsagentur «Destiny Weddings & Events». Dieses Jahr hätten sie sechs Hochzeiten ausrichten sollen, zwei davon wurden verschoben. Ein Hochzeitsfest zu verschieben ist keine Selbstverständlichkeit: Blumen, Kirche, Standesamt, Dekorateure, Catering, Coiffeure, Visagisten, Fotografen sind schon organisiert. Bei einer Verschiebung müssen erst auch alle Dienstleister wieder am selben Datum verfügbar sein. «Es muss alles gut und beizeiten entschieden werden, ein kurzfristiges Hin- und Her mit den Dienstleistern ist nicht möglich», sagt Weddingplanerin Dietiker. Möglicherweise ist auch das der Grund dafür, weshalb sich im Aargau zahlreiche Paare gleich um die Verschiebung des Hochzeitsfests um ein ganzes Jahr entschieden haben.

Auch eines der Paare, deren Hochzeit die Aargauer Agentur «Destiny Weddings & Events» hätte durchführen sollen, hat sich für eine Verschiebung um ein ganzes Jahr entschieden: «Sie hätten im August heiraten sollen. Ihre Familien kommen aus Rumänien und Italien und die Unsicherheit darüber, ob die Grenzen bis zum Hochzeitsdatum wieder offen sein würden, war einfach zu gross», so Debora Dietiker.

Viele Dienstleister erlitten massive Einbussen

Die Dienstleister in der Hochzeitsbranche wurden durch die Coronakrise hart getroffen. Durch die zahlreichen Verschiebungen und Absagen haben viele von ihnen dieses Jahr eine Einbusse: «Und zahlreiche Paare wollen ihre Hochzeit auf nächstes Jahr auf einen Samstag im Juli verschieben. Dadurch verlieren die Dienstleister trotz der Verschiebung um ein Jahr einen potenziell freien Termin für das Jahr 2021», sagt die Hochzeitsplanerin.

Aber die Dienstleister hätten mit grossem gegenseitigem Verständnis auf die aktuelle Situation reagiert, sagt die angehende Braut: «Die ganze Branche ist sehr grosszügig. Vom Fotografen über die Dekorateure, Floristen und Konditoren. Niemand hat für die Umbuchung etwas verrechnet.»

Bis zuletzt gezittert hat auch das Aargauer Paar Denise Schuler und Michael Haller. Nach mehr als sieben Jahren Beziehung entschieden sie sich vor einem halben Jahr ziemlich spontan dafür, am 4. Juli 2020 kirchlich zu heiraten. Als der Bundesrat Ende Mai über die Lockerung der Massnahmen informierte, war für beide klar, dass sie ihr Fest mit 37 Gästen wie geplant durchführen können: «Wir haben den Livestream gemeinsam verfolgt. Ich war sehr nervös. Mein Freund hingegen war die ganze Zeit über optimistisch, dass es gut kommt», sagt Denise Schuler.

Während des Lockdowns hat das Paar aus Brugg abgewartet. Einen Plan B für ihre Hochzeit haben die beiden nicht geschmiedet, zu gross war die Unsicherheit: «Wir hatten keine Garantie, wann es vorbei sein wird. Corona hat kein Ablaufdatum. Warum also verschieben, wenn es dann vielleicht doch nicht besser gekommen wäre?», sagt Schuler. Wären die Vorschriften nicht gelockert worden, hätten sie einfach im standesamtlichen Rahmen geheiratet.

Als Visagistin ist auch Denise Schuler Dienstleisterin in der Hochzeitsbranche. In ihrem Studio «La Beautique» in Riniken macht sie nebst Hochzeits-Make-up auch regelmässig die vorgängigen Behandlungen wie Maniküren und Pediküren. Durch die Pandemie hat sie bisher glücklicherweise erst einen Auftrag verschieben müssen: «Diese Hochzeit findet im nächsten Jahr statt.» Alle anderen Brautaufträge hat sie erst später in diesem Jahr.

Endlich wieder gemeinsam feiern

Sorgen um das anstehende Fest macht sich das Paar aus Brugg – ausser über das Wetter – keine. Nach der Trauung wird das Paar gemeinsam mit den Liebsten am Hallwilersee feiern. Obwohl das Coronavirus ziemlich sicher Gesprächsthema sein wird, sollte es der Stimmung der Hochzeitsgäste nicht schaden, glaubt die angehende Braut: «Tenor unter den Gästen ist, dass sie sich auf ein Stück Normalität freuen. Endlich wieder gemeinsam zu feiern und zusammen zu sein.»

Ausserdem habe sich das Umfeld des Brautpaares bis jetzt konsequent an die Regeln gehalten. Dem Fest steht damit hoffentlich nichts mehr im Weg: «Es wird sicher anders. Aber anders schön», so Denise Schuler.

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