Atommüll
Endlager oder nicht: So hat die Nagra die Standorte ausgewählt

Seit gut zwei Wochen ist klar, dass die Nagra auf den Bözberg als Standort für ein Atomendlager setzt. Doch weshalb wurden die beiden anderen Aargauer Standorte – Jura-Südfuss und Nördlich Lägern – aus dem Rennen genommen?

Fabian Hägler
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In der Kiesgrube Weiach im Gebiet Nördlich Lägern dürfte kein Atomendlager entstehen – die Nagra bevorzugt andere Standorte.

In der Kiesgrube Weiach im Gebiet Nördlich Lägern dürfte kein Atomendlager entstehen – die Nagra bevorzugt andere Standorte.

Jiri Reiner

Die qualitative Gesamtbewertung ist für sämtliche Standortgebiete mindestens ‹geeignet›» – das hält die Nagra in ihrem Bericht über mögliche Atomendlager fest. Dennoch wurden vor gut zwei Wochen zwei von drei Standorte im Aargau ausgeschieden. Weiterverfolgt wird einzig der Standort Jura Ost, wo sich der Widerstand in Form des Vereins «KAIB – kein Atommüll im Bözberg» formiert. Aufgeatmet wurde hingegen in den Gebieten Nördlich Lägern und Jura-Südfuss, die beide in den Aargau hineinreichen.

Doch weshalb hat die Nagra eigentlich die beiden Standortgebiete aus dem Rennen genommen? Basis für diesen Entscheid ist eine Liste mit rund 20 sogenannten «entscheidrelevanten Indikatoren», die unter vier Kategorien zusammengefasst werden: Wie gut schliesst das Wirtsgestein die Radioaktivität ein, wie widerstandsfähig ist das Gestein gegen Erosion und wie lange hält die Schutzwirkung an, wie genau lässt sich die Struktur der Gesteinsschichten erfassen, und wie gut eignet sich ein Standort aus bautechnischer Sicht für ein Endlager.

Seit dem Entscheid, die Zahl der möglichen Lagerstandorte auf zwei zu reduzieren, wurde einzig im Gebiet Nördlich Lägern eine Regionalkonferenz abgehalten. Dort erläuterte Nagra-Vertreter Michael Schnellmann vor zehn Tagen, nach welchen Kriterien vorgegangen wurde. «Grund für das Ausscheiden von Nördlich Lägern ist das knappe Platzangebot in der aus wissenschaftlich-technischer Sicht bevorzugten Tiefe», sagt Nagra-Sprecherin Jutta Lang.

Dies zeigt sich auch mit der pinken Markierung für «ungünstig» in der Kriterientabelle der Nagra. Zwar wären die Platzverhältnisse in tieferen Lagen etwas günstiger. Dort wäre es laut Mitteilung «aber technisch schwierig, ein Tiefenlager in der erwünschten Qualität zu bauen, weil eine erhebliche Schädigung der geologischen Barrieren in Kauf genommen werden müsste». Nagra-Sprecherin Lang ergänzt, die Gesteine im Lagerperimeter Nördlich Lägern seien insgesamt weniger ruhig gelagert als zum Beispiel jene im Gebiet Zürich Nordost.

Auch die Region Jura-Südfuss verfolgt die Nagra als möglichen Standort nicht weiter. Über die genauen Gründe sollen die Vertreter der Regionalkonferenz an der nächsten Vollversammlung am 21. Februar informiert werden. Jutta Lang führt die Gründe jetzt schon auf: «Jura-Südfuss ist tektonisch stärker zergliedert als die anderen Gebiete. Das heisst, man bräuchte erhebliche Platzreserven, um ein Lager zu realisieren.»

Ausserdem habe sich aufgrund neuer Erkenntnisse – unter anderem bei der Bohrung in Gösgen – gezeigt, dass der Opalinuston in der Region nach unten von Kalkbänken durchzogen ist. «Diese weisen Anzeichen von Wasserführung auf und leisten deshalb nur einen geringen Beitrag zur Barrierenwirkung», führt Lang aus. Die Kombination aus einer weniger mächtigen Opalinuston-Schicht und der nur teilweise barrierenwirksamen Rahmengesteine ist nicht optimal.

Lässt der Kriterienkatalog der Nagra auch Rückschlüsse zu, ob am Schluss das Lager für hochradioaktive Abfälle eher im Bözberg oder im Zürcher Weinland erstellt wird? Dies wäre wohl unrealistisch, muss die Nagra doch in den nächsten Jahren noch mehrere Bohrungen durchführen und den Untergrund – insbesondere am Bözberg – detailliert untersuchen. Stand heute weisen beide Gebiete ausschliesslich grüne Bewertungen für «günstig» oder «sehr günstig» auf. Mit etwas mehr Dunkelgrün für «sehr günstig» hat das Zürcher Weinland die Nase im Rennen, das niemand gewinnen will, leicht vorne.

Bisher wurden nur geringe Unterschiede festgestellt, wenn es um die Eignung der beiden Gebiete geht. So ist die Gesteinsschicht, die als Schutzbarriere für das Tiefenlager am Bözberg dienen soll, etwas weniger dick als im Zürcher Weinland. Dafür werden die Verhältnisse in den überlagernden Gesteinsformationen im Gebiet «Zürich Nordost» nur als günstig eingestuft, jene am Standort Jura Ost hingegen als sehr günstig.