Nicht selten hört man aus der Transportbranche, dass die Lastwagenchauffeure vom Arbeitgeber unter Druck gesetzt werden und zu wenig Zeit haben, um ihre Ware auszuliefern. Nicht so im Fall des Chauffeurs eines Aargauer Transportunternehmens. Seine hohes Grad an Motivation am Arbeitsplatz brachte den Chef der Disponenten bis vor das Bezirksgericht Lenzburg.

Helmut G., fast 60 Jahre alt, fährt seit 17 Jahren für dasselbe Unternehmen. Im Winter 2017 gerät er in eine Kontrolle der Kantonspolizei Aargau. Die Daten, die der Massendatenträger ausspuckt, zeigen unzählige Widerhandlungen gegen die Chauffeurverordnung. Helmut hat regelmässig die Ruhezeiten nicht eingehalten, Lenkpausen ausgelassen oder die tägliche Lenkzeit um Stunden überschritten. «Während der Auswertungsperiode (26) Wochen) wurden unzählige Fahrten (insgesamt 7522 Kilometer) ohne eingesteckte Fahrerkarte registriert», steht in der Anklageschrift.

Pflicht des Arbeitgebers

Vor dem Bezirksgericht Lenzburg steht aber nicht Helmut, sondern der Chef der Disponenten. Ihm wirft die Staatsanwaltschaft vor, dass er Helmut die Arbeit nicht so zugeteilt hat, dass jener die Bestimmungen über die Arbeits-, Lenk-, und Ruhezeiten hätte einhalten können. Ausserdem wird ihm in zwei weiteren Punkten fehlende Kontrolle vorgeworfen: «Der verantwortliche Arbeitgeber muss anhand der verfügbaren Kontrollmittel laufend überprüfen, ob der Arbeitnehmer die Bestimmungen über die Arbeits-, Lenk- und Ruhezeit einhält», schreibt die Staatsanwaltschaft. Auch die Tatsache, dass Helmut regelmässig ohne eingesteckte Fahrerkarte fuhr, wird dem Chef der Disponenten zur Last gelegt. Denn es liegt in der Verantwortung des Arbeitgebers, dass der Arbeitnehmer die Kontrollmittel vorschriftsgemäss führt.

Weshalb Helmut regelmässig zu lange fuhr und keine Pausen einlegte, konnte vor Gericht nicht festgestellt werden. Helmut sei ein übermotivierter Chauffeur, der seinen Beruf liebt, sagt der Verteidiger des Beschuldigten und fordert einen Freispruch. Helmut selbst hat bestätigt, nie vom Arbeitgeber unter Druck gesetzt worden zu sein. «Ich bin seit 30 Jahren in der Branche und ich bin noch nie einem solchen Fahrer begegnet», sagt der Beschuldigte. Helmut habe davon keinen Vorteil. Im Gegenteil, er musste selbst über 4000 Franken Busse zahlen.

Er habe das Ausmass erst erkannt, als er den Auszug der Polizei gesehen hat. «Ich war der Meinung, dass die mir vorliegenden Daten vollständig waren, inklusive Massenspeicher», rechtfertigt sich der Beschuldigte. Damals lagen ihm aber nur die Daten der Fahrerkarte vor. Diese registrierte nur Bewegungen, wenn sie eingesteckt war. Helmut sei in Vergangenheit mehrmals aufgefordert worden, sich innerhalb der Bestimmungen zu bewegen. «Ich wollte ihn nicht entlassen. Das wäre ein harter Schnitt gewesen», sagt der Chef der Disponenten. Er befürchtete, dass Helmut nicht wieder auf die Beine gekommen wäre.

1000 Franken Busse

Gerichtspräsident Daniel Aeschbach rechnete ihm dies strafmildernd an: «Sie haben eine soziale Verantwortung wahrgenommen, das war ein schöner Zug.» Trotzdem wird der Beschuldigte zu einer Busse von 1000 Franken verurteilt. Es gehöre zum Pflichtenheft, dass sowohl die Fahrerkarten als auch der Massenspeicher kontrolliert wird. Das Unternehmen hat die Kontrolle mittlerweile optimiert: Heute sei sofort erkennbar, wenn sich ein Fahrer ohne eingesteckte Fahrerkarte fortbewegt.