Die erste Grossratspräsidentin in der Geschichte des Kantons Aargau, Elisabeth Schmid-Bruggisser, ist im
Alter von 91 Jahren gestorben. Sie war am 30. April 1985 glanzvoll, mit 181 von 184 gültigen Stimmen, zur höchsten Aargauerin gewählt worden. Das Resultat wurde im Plenum und auf der vollbesetzten Zuschauertribüne mit tosendem Beifall quittiert – es markierte einen Stilwandel im Kantonsparlament.

Mit Elisabeth Schmid kam eine «Frau der ersten Stunde» zum Zug: Sie wurde 1973, bei den ersten Wahlen nach der Einführung des Frauenstimmrechts, auf Anhieb in den Grossen Rat gewählt. Die CVP-Politikerin war das Musterbeispiel einer sozial engagierten katholischen Frau.

Sie lancierte Vorstösse zur Förderung der Hauspflegedienste und zur Stärkung der Familie, war Kantonalpräsidentin der Pro Filia und Zentralvorstandsmitglied des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes sowie für die Pro Juventute, Säuglingsfürsorge und Mütterberatung im Bezirk Rheinfelden tätig.

Die neue Grossratspräsidentin entsprach dem Wunschbild einer Musteraargauerin. Als geborene Bruggisser entstammte sie einem Freiämter Geschlecht. Sie wuchs in Wettingen mit sechs Geschwistern in einem von Kirche, Politik und Kunst geprägten Milieu auf. Mit 25 Jahren heiratete sie Josef Schmid, Gemeindeschreiber in Oberehrendingen im Surbtal, später in Stein im Fricktal sowie selber von 1949 bis 1969 Grossratsmitglied. Daher war Elisabeth Schmid mit dem öffentlichen Leben bestens vertraut.

Die erste Grossratspräsidentin des Aargaus ist gestorben.

Die erste Grossratspräsidentin des Aargaus ist gestorben.

Schmid war keine Feministin

Sie war zwar überzeugt, dass viele Frauen öffentlich stärker in Erscheinung treten könnten, wenn sie nur wollten. Aber sie hielt es nicht mit Feministinnen, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Männern ihre Ebenbürtigkeit beweisen wollten. Vielmehr glaubte sie, dass Frauen auch in der Politik ihre besonderen Wesenszüge offenbaren sollten. Ihr Grossratspräsidialjahr bewältigte sie mit Charme und feinem Einfühlungsvermögen.

Die Repräsentation des Kantons an verschiedensten Veranstaltungen seien für sie unvergessliche Stunden gewesen, sagte Schmid einst. Das freiwillige Engagement vieler Menschen und Institutionen habe sie beeindruckt, und sie sei sich bewusst geworden, «dass wir Aargauer allen Grund haben, auf unsere Heimat stolz zu sein».

Der Respekt und wiederum ein anhaltender Applaus aus allen Fraktionen des Grossen Rates waren ihr sicher, als sie ihre Schlussansprache als sattelfeste und vermittelnde Präsidentin mit dem Satz beendete: «Zu den führenden Köpfen wünsche ich mir führende Herzen».