Für die Fernmeldekommission des Nationalrats ist klar: Das heutige Handynetz in der Schweiz muss ausgebaut werden. In einer Motion, die am Montag eingereicht wurde, wird der Bundesrat aufgefordert, den Strahlungsgrenzwert für Mobilfunkantennen zu lockern und das Bewilligungsverfahren für die Aufrüstung von bestehenden Anlagen zu vereinfachen. «Eine gute Mobilfunkversorgung sowie der Zugang zum mobilen Internet werden von der Bevölkerung geschätzt und sind für die Wirtschaft zwingend nötig», begründet die Kommission ihren Vorstoss.

Die Motion sieht vor, die zulässige Sendeleistung der bestehenden Antennen zu erhöhen, weil neue Anlagen «vorab in Siedlungsgebieten wegen der Auflagen aus Planungs- und Baurecht sowie den Einsprachen kaum umsetzbar sind». Der mobilfunkkritische Verein Gigaherz bezeichnet den Vorstoss auf seiner Website als «Angriff auf die Grenzwerte» und weist darauf hin, dass «laut dem Bundesamt für Statistik 52 Prozent der Schweizer Bevölkerung Mobilfunkantennen als gefährlich oder eher gefährlich einschätzen».

880 Antennen im Aargau
Im Aargau gibt es heute 880 Mobilfunkantennen, vor zehn Jahren waren es erst 550. Sollen diese aufgerüstet werden, wie es die nationalrätliche Kommission verlangt? Benno Schmid, Sprecher des Baudepartements, antwortet zurückhaltend. «Der Vorstoss wurde erst vor wenigen Tagen eingereicht. Falls der Bund die Meinung der Kantone erfahren will, wird sich der Aargau im Rahmen einer allfälligen Vernehmlassung dazu äussern.»

Doch wie gross ist die Belastung durch Handystrahlung und Elektrosmog im Aargau? Um dies zu klären, hat der Kanton letztes Jahr eine Messkampagne durchgeführt. «Wir haben dafür einen Studenten mit einem Dosimeter ausgerüstet und ihn kreuz und quer durch den Aargau geschickt», sagt Heiko Loretan von der Abteilung Umwelt. Alle drei bis zehn Sekunden zeichnete das Gerät die aktuelle Strahlenbelastung auf, insgesamt ergaben sich so 42 834 Messwerte.

Grenzwert überschritten?
99,95 Prozent der Werte lagen unter 5 Volt pro Meter, also unter dem sogenannten Anlagegrenzwert, heisst es in einem Artikel im aktuellen «Umwelt Aargau». Dieser Grenzwert gilt für Orte, wo sich Personen regelmässig und über einen längeren Zeitraum aufhalten. Beispiele dafür sind Wohnungen, Büroräume oder Schulen. Beim kantonalen Monitoring wurde die Strahlung vorzugsweise an Orten gemessen, wo sich gleichzeitig viele Menschen aufhalten, wie an Bahnhöfen, im Zug, in Einkaufszentren, im Fussballstadion oder in Fussgängerzonen. Die Abteilung Umwelt kommt zum Schluss, dass die Aargauer Bevölkerung im öffentlichen Raum einer geringen Belastung durch Elektrosmog ausgesetzt ist. «Für uns ist das Resultat des Monitorings sehr erfreulich», sagt Loretan.

Doch was ist mit den restlichen 0,05 Prozent, also mit den 21 Messwerten, die laut Monitoring über dem Anlagegrenzwert lagen? «Tatsächlich wurde in 21 Fällen eine Feldstärke von mehr als 5 Volt pro Meter gemessen», sagt Benno Schmid. Es sei aber falsch, von einer Überschreitung des Anlagegrenzwerts zu reden, hält der Sprecher des Baudepartements fest.

So stammten neun Messwerte von einem TV-Signal und nicht von Handyantennen. Die anderen zwölf hohen Werte wurden laut Schmid nicht an Orten gemessen, wo sich Menschen länger und öfter aufhielten. Deshalb sei bei diesen Messungen der sogenannte Immissionsgrenzwert massgebend. Dieser liegt für Elektrosmog aus Handyantennen zwischen 38 und 61 Volt pro Meter und wurde «jederzeit eingehalten», wie Schmid betont.

Laut dem Artikel in «Umwelt Aargau» war die festgestellte Elektrosmogbelastung während der ganzen Messkampagne nie höher als 10 Volt pro Meter. Schmid ergänzt, der tiefe Anlagegrenzwert beziehe sich immer die Strahlung einer einzelnen Antennenanlage. «Unsere Kontrollmessung hat hingegen die Summe aller Mobilfunkanlagen gemessen, die im Umfeld des Messortes liegen», hält er fest.

TV-Signal als Ausreisser
In einer Spezialauswertung hat die Abteilung Umwelt jene Fälle genauer analysiert, wo die Elektrosmogbelastung über einen Zeitraum von mindestens zwei Minuten im Schnitt höher als 1 Volt pro Meter lag. «Solche Intervalle mit moderater, kontinuierlicher Strahlenbelastung konnten über die ganze Messperiode nur an neun Standorten nachgewiesen werden», heisst es dazu im Artikel. In sämtlichen Fällen (siehe Tabelle rechts) lag die durchschnittliche Belastung unter dem Anlagegrenzwert. Bei einer Messung am Bahnhof Baden, die 5,85 Volt pro Meter ergab, lag die Maximalbelastung jedoch über dem Grenzwert. «Dabei handelte es sich um ein TV-Einzelsignal, das weder vorher noch nachher bestätigt wurde», schreibt Loretan in «Umwelt Aargau». Er hätte dort höhere Werte erwartet, weil an solchen Orten viele Leute gleichzeitig ihr Handy benutzen.

Surfen verursacht Elektrosmog
Eine weitere Erkenntnis aus den Messungen: die Elektrosmogbelastung kommt weniger durch Telefonieren, sondern massgeblich durch mobiles Surfen zustande. An allen Standorten mit den höchsten Belastungen und in 83,5 Prozent der Fälle insgesamt «war die dominante Quelle das Downlink-Signal einer Mobilfunkantenne». Auch an Schulen sind viele Handys gleichzeitig in Betrieb, dennoch ergab eine Messkampagne auf 23 Aargauer Schularealen im Frühling 2014 klar tiefere Resultate. Benno Schmid relativiert dies: «Da die Messverfahren unterschiedlich sind, sind diese Resultate nicht miteinander vergleichbar.»

Loretan betont, die höchste Elektrosmog-Belastung entstehe ohnehin nicht durch Strahlung der Mobilfunkantennen. «Die stärkste Exposition tritt auf, wenn man das Handy am Ohr hat und telefoniert.» Für alle Skeptiker gibt es die Möglichkeit, den Elektrosmog in der eigenen Wohnung oder im Quartier selber zu messen. «Wir stellen auf Anfrage ein Dosimeter für eigene Messungen zur Verfügung», sagt Loretan. Diese könne nach einer kurzen Einführung kann das Messgerät bei der Abteilung Umwelt ausgeliehen werden.