Verband ohne Führung

Eklat um SVP-Mann Scherer – Gallati: «Der Entscheid der Mitglieder kommt einer Meuterei gleich»

Eklat an der GV des Staatspersonalverbandes

Eklat an der GV des Staatspersonalverbandes

Der Staatspersonalverband will keinen SVP-ler als Präsidenten. Werner Scherer verliert die Wahl mit 36 zu 10 Stimmen.

Der grösste Personalverband der Staatsangestellten steht ohne Präsident da, weil SVP-Kandidat Werner Scherer nicht gewählt worden ist. Während er selbst es sportlich nimmt, sorgt der Entscheid bei seinem Fraktionschef Jean-Pierre Gallati für Erleichterung.

Es war keine Generalversammlung wie jede andere. Sie könne sich nicht erinnern, dass schon einmal so viele Mitglieder erschienen seien, sagte Bernadette Reich, Kassierin des Aargauer Staatspersonalverbands. Die meisten der angemeldeten 74 Mitglieder dürften wegen Traktandum 6 ins Aarauer Restaurant Schützen gekommen sein: «Wahl Präsidium und Vorstandsmitglieder».

Der einzige Kandidat für die Nachfolge des abtretenden Präsidenten Ruedi Hochuli: Werner Scherer, Kirchenpflegepräsident, Gemeindeammann in Killwangen – und SVP-Grossrat. Die Zugehörigkeit ausgerechnet zu jener Partei, die am vehementesten Sparmassnahmen in der kantonalen Verwaltung fordert, gab schon im Vorfeld der Wahl zu reden.

«Das ist ein Irrglauben»

Der abtretende Präsident Ruedi Hochuli rechnete offenbar während der Generalversammlung mit kritischen Voten, jedenfalls verbot er der Journalistin des Fernsehsenders Tele M1 das Filmen während der Diskussion. Äusserungen gab es dann nur zwei, ein Votum hatte es aber in sich. Oberrichter Viktor Egloff, seit zehn Jahren Ehrenmitglied des Staatspersonalverbands, stellte einen Ordnungsantrag auf Aussetzen der Wahl und wählte deutliche Worte zur Begründung: «Besser nicht wählen, als falsch wählen.»

Er begründete dies nicht mit der Person von Werner Scherer, sondern mit dessen Partei. Jahr für Jahr sei es eines der Hauptanliegen der SVP, das Staatspersonal und dessen Lohn abzubauen. «Anzunehmen, dass unser Präsident daran etwas ändern könnte, ist ein Irrglauben.» Denn als Grossrat,

Gemeindeammann und Kirchenpflegepräsident hingen seine Ämter von der eigenen Partei ab, weshalb er zwangsläufig in ein Dilemma gerate. Pointierte Auftritte in der Öffentlichkeit für die Interessen der Staatsangestellten seien so nicht möglich. Kurz: «Werner Scherer ist ein guter Mann, der für das falsche Amt kandidiert.»

«Ich kann auch mal anecken»

Im Newsletter des Staatspersonalverbands, in dem seine Kandidatur angekündigt worden war, entgegnete Scherer auf den Einwand, SVP und Staatspersonalverband passten nicht zusammen: «Ich sehe darin absolut keinen Widerspruch. Mein Mandat als Grossrat zeigt, dass ich mich für den Kanton Aargau interessiere und einsetze.» Und auch bei der kurzen Ansprache vor den Anwesenden im «Schützen» versuchte er, die Zweifel zu zerstreuen. «In jedem meiner Ämter kommt für mich das Personal zuerst.» Zudem habe er gelernt, seinen eigenen Weg zu gehen. «Ich kann auch mal anecken.»

«Werner Scherer ist ein guter Mann, der für das falsche Amt kandidiert.»

Der Aargauer Oberrichter Viktor Egloff (rechts) sagt:

«Werner Scherer ist ein guter Mann, der für das falsche Amt kandidiert.»

Doch sein Appell stiess nicht bei allen im Saal auf offene Ohren; die Mehrheit stimmte Egloffs Ordnungsantrag zu. Die Wahl wird vertagt, die Suche nach neuen Kandidaten beginnt erneut. Und weil davor Ruedi Hochuli bereits mit Rotwein von seinen Vorstandskollegen verabschiedet worden war, stand der Verband mit über 1000 Mitgliedern plötzlich ohne Präsident da. In seinem Schlusswort war dem abtretenden Hochuli die Enttäuschung anzuhören: «Nun ist passiert, was nicht hätte passieren sollen.» An die Adresse jener gerichtet, die zuvor der Verschiebung der Wahl zugestimmt hatten, sagte er: «Ihr steht gewaltig unter Zugzwang, einen besseren Kandidaten zu finden.»

Werner Scherer selbst äusserte sein Bedauern. Doch wer zu einer Wahl antrete, müsse auch akzeptieren, wenn er nicht gewählt werde. Am Tag darauf war Scherer für Medienanfragen nicht erreichbar; er sei abwesend, teilte er per SMS kurz mit.

«Meuterei der Mitglieder»

Auskunftsfreudiger zeigt sich SVP-Fraktionschef Jean-Pierre Gallati. Er spricht von einer positiven Überraschung. «Ich bin davon ausgegangen und habe befürchtet, dass Werner Scherer gewählt wird.» Schliesslich habe der Vorstand des Staatspersonalverbands ihn zur Wahl vorgeschlagen. «Der Entscheid der Mitglieder kommt einer Meuterei gleich. Der Vorstand ist desavouiert worden.» Über den Beschluss, den er für richtig hält, sagt Gallati: «Ich bin erleichtert, weil Werner Scherer nun keine Probleme haben wird. Ihm, dem Staatspersonalverband und der SVP-Fraktion wird eine schwierige Situation erspart.»

«Ihm, dem Verband und der Fraktion wird eine schwierige Situation erspart.»

Jean-Pierre Gallati, Fraktionschef der SVP im Grossen Rat:

«Ihm, dem Verband und der Fraktion wird eine schwierige Situation erspart.»

Mit einer schwierigen Situation sieht sich hingegen der Verbandsvorstand konfrontiert. In einer Mitteilung teilt er mit, der Wunsch der Mitglieder nach einem neuen Kandidaten werde zur Kenntnis genommen, die Suche werde in den nächsten Tagen wieder lanciert. «Dank der breiten Abstützung der Aufgaben innerhalb des Vorstands wird der Staatspersonalverband seine Tätigkeiten in der Zwischenzeit wie gewohnt weiter ausüben können.»

Davon geht auch Silvia Dell’Aquila aus. «Der Vorstand besteht aus erfahrenen Leuten, sie werden die richtigen Entscheide treffen. Dass kein Präsident gewählt werden konnte, ist nicht dramatisch», sagt die Aargauer Regionalleiterin des Schweizerischen Verbands des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) und Geschäftsführerin der Konferenz Aargauischer Staatspersonalverbände. Dell’Aquila, die am Donnerstag als Gast an der Generalversammlung teilnahm, ist nicht erstaunt, dass die Kandidatensuche schwierig ist: «Alle Verbände haben Mühe, Vorstandsmitglieder und Präsidenten zu finden. Das ist ein Problem des Vereinswesens.»

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