Aarau

Einst Heimat eines Demokratiepioniers – heute Brennpunkt der Demokratieforschung

Das Zentrum für Demokratie feiert sein zehnjähriges Jubiläum mit einem Buch.

Zum 10. Geburtstag des Zentrums für Demokratie Aarau (ZDA) erschient im Badener «hier und jetzt»-Verlag ein Buch. Es enthält mehrere Beiträge zum aktuellen Stand der Demokratieforschung.

Es war eine herbe Enttäuschung für Aarau: Nachdem die Regierung den Aargauer Campus der Fachhochschule Nordwestschweiz nach der Jahrtausendwende nach Brugg-Windisch vergeben hatte, stand die Hauptstadt des viertgrössten Schweizer Kantons immer noch ohne Hochschul-Einrichtung da.

Doch die Erlösung nahte: in Form des Forschungsinstituts «Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA)», einer Aussenstelle der Universität Zürich. Es wurde im Jahr 2009 eingeweiht und fand seine Heimat in der Villa Blumenhalde, die vor 200 Jahren vom Demokratiepionier Heinrich Zschokke erbaut worden war.

Das ZDA hat vier «Väter»: die Stadt Aarau, den Kanton Aargau, die Universität Zürich und die Fachhochschule Nordwestschweiz. Zum 10. Geburtstag schenken die ZDA-Forscher der interessierten Öffentlichkeit nun ein Kompendium mit dem Titel «Brennpunkt Demokratie».

Das 224 Seiten starke Buch, erschienen im Badener Verlag «hier und jetzt», enthält zehn leicht verständliche wissenschaftliche Abhandlungen und vier «Einschübe» zum Stand der aktuellen Demokratieforschung.

Als Herausgeber fungiert das dreiköpfige ZDA-Direktorium: Daniel Kübler, Leiter der Abteilung Allgemeine Demokratieforschung, Andreas Glaser, Leiter der Abteilung c2d (Forschung zur direkten Demokratie), und Monika Waldis, Leiterin der Abteilung Politische Bildung und Geschichtsdidaktik.

Alle Aufsätze wurden durch hauseigene Forschungsteams erarbeitet. Neben der Führungstroika erscheinen rund 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ZDA in der Autorenliste, Assistenzprofessoren, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Doktoranden.

Gewidmet ist das Werk dem 2018 allzu früh verstorbenen Gründungsdirektor Andreas Auer.
«Wir massen uns nicht an, die Demokratie zu verbessern, zu verbreiten oder zu verändern. Wir müssen uns darauf beschränken, sie darzustellen, zu durchleuchten, zu erklären und zu diskutieren», schreiben die Herausgeber in der Einleitung.

Nun, zumindest im Fall der Mongolei ist das eine kleine Untertreibung: Von 2012 bis 2017 hat ein ZDA-Team unter Leitung von Andreas Auer in diesem zentralasiatischen Schwellenland, eingeklemmt zwischen den Grossmächten Russland und China, durchaus zur Verbreitung und Verbesserung der Demokratie, ja sogar zu Ansätzen von direkter Demokratie à la Schweiz beigetragen. Ein spannender Erlebnisbericht legt Zeugnis davon ab.

Steht die Demokratie vor dem Ende?

Von brennender Aktualität ist eine Untersuchung «Vom Aufstieg zum Niedergang der Demokratie?». Das Autorenteam widmet sich der Frage, ob die «beste von allen schlechten Staatsformen» (Churchill) ihren Zenit bereits überschritten habe.

Es arbeitet dabei mit einem datenbasierten «Demokratiebarometer», welches im ZDA entwickelt worden ist. Trotz zunehmenden Defiziten in vielen Ländern äussern sich die Autoren zurückhaltend: Es sei «verfrüht, von einer generellen Krise der Demokratie oder vom Zerfall demokratischer Ordnungen zu sprechen».

Sie orten aber in einer globalisierten und komplexen Welt vielerorts verschärfte Spannungen zwischen Wählerwillen und Regierungsverantwortung. Verschiedene Beiträge befassen sich mit der direkten Demokratie in der Schweiz: zum Beispiel mit der digitalen Transformation zu einer «E-Demokratie», mit der Umsetzung des Volkswillens bei Initiativen oder mit dem «kompensatorischen Abstimmen» («Ja stimmen und Nein wollen»).

Eine weitere Arbeit beleuchtet den «politischen Konsum»: Die Menschen verzichten auf Wahlen und Abstimmungen, geben aber mit ihrem Konsumverhalten politische Statements ab.

Von hoher Brisanz ist auch der Beitrag, welcher den Aufstieg rechtspopulistischer Parteien mit der Krise der Sozialdemokratie in Relation zu setzen versucht – und einen direkten Zusammenhang eher verneint.

Auch die politische Bildung kommt mit verschiedenen Beiträgen zum Zug. Sie soll die Heranwachsenden zur Teilhabe an den demokratischen Prozessen befähigen, steckt aber noch weitgehend in den Kinderschuhen.

Ob die verstärkte Betonung politischer Inhalte im Lehrplan 21 zu Verbesserungen führt, hängt wesentlich davon ab, wie die angehenden Lehrpersonen auf ihre Vermittlungsaufgabe vorbereitet werden.

Zschokke und das Zentrum für Demokratie

Das ZDA residiert nicht nur in Heinrich Zschokkes Villa – zwischen den beiden grossen Z bestehen durchaus auch inhaltliche Verbindungen. Zschokke war in dem halben Jahrhundert zwischen der Gründung des Kantons Aargau und der Gründung der modernen Schweiz einer der entschiedensten Förderer von Volksbildung und Volksrechten.

Folgerichtig gibt es in dem Band ein fiktives Interview mit Zschokke. Als Antwortgeber fungiert Thomas Pfisterer, ehemaliger Regierungsrat und Ständerat und Gründungspräsident der Heinrich-Zschokke-Gesellschaft.

Zschokke gebührt hier das letzte Wort: «Man muss die Demokratie von unten aufbauen, indem man die Bevölkerung zu Selbstverantwortung und Selbsthilfe führt.» Dem ist, kurz vor dem 250. Geburtstag Zschokkes, nichts hinzuzufügen.

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