Geschichte der Textilindustrie
Einst gab es 100'000 Arbeiter in Textilfabriken: Was die Branche war – und was sie heute ist

Einst boomte die Textilindustrie in der Schweiz. Der Aufbau begründete die Industrialisierung, mehr als 100’000 Menschen arbeiteten in den Schweizer Fabriken. Über zweihundert Jahre später hat sich die Branche stark internationalisiert. Massenware wird vorwiegend in Asien produziert.

Sébastian Lavoyer
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Eine Weberei in Wald, Zürich im Jahr 1913.

Eine Weberei in Wald, Zürich im Jahr 1913.

ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Schon im Jahr 1770 waren in den Kantonen Aargau, Zürich und in der Ostschweiz mehr als 100'000 Menschen in der Textilindustrie beschäftigt. Die Umstellung auf die mechanischen Webstühle verschlief die Schweiz aber fast. Doch die Branche schaffte es, sich schnell zu mechanisieren. Dank der Offenheit der Unternehmer, dank Kooperationen zwischen den Unternehmen und natürlich dank attraktiver Rahmenbedingungen wie tiefer Lohn- und Energiekosten.

Der Aufbau der Textilindustrie begründete die Industrialisierung in der Schweiz. Der Bedarf an Spinn-, Web- und Stickmaschinen steht am Anfang der Maschinenindustrie. Die Nachfrage nach Chemikalien zur Behandlung und zum Färben begünstigte die Entstehung der chemischen Industrie um Basel und der Finanzierungsbedarf der Textilunternehmen belebte das Bankenwesen. Dank Seide und Baumwolle entwickelte sich die Schweiz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem der am stärksten industrialisierten Länder der Welt.

Die Branche hat sich aber stark internationalisiert. Aufgrund der hohen Standort- und Lohnkosten hat sie sich in der Schweiz fast ausschliesslich auf Nischenmärkte, also hoch speziali­sierte Produkte, fokussiert. Massen­ware wird heute vorwiegend in Asien produziert. Entsprechend ist die Zahl der in diesem Sektor Beschäftigten auf rund 18000 zusammengeschrumpft. Dazu kommen aber weitere rund 30000 Jobs von Schweizer Unter­nehmen im Ausland. Zuletzt zählte die­ verarbeitende Textil- und Bekleidungsindustrie in der Schweiz noch 2559 Unternehmen (Stand 2017). ­Diese ­setzten insgesamt rund 2,7 Milliarden Franken um. Obwohl die ­meisten Unternehmen stark exportorientiert sind, gehört die Schweiz sowohl im ­Bereich Textilien als auch in der Sparte Bekleidung zu den Netto­importeuren.