Wald
Einsatz nach «Burglind»: die gefährliche Aufgabe der Aargauer Forstarbeiter

Die Hälfte des Holzes, die in Aargauer Wäldern dieses Jahr geschlagen werden sollte, liegt nach dem Sturm «Burglind» bereits am Boden. Für die Forstarbeiter ist das kein Geschenk, sondern bringt zusätzliche Arbeit – ein Besuch im Wald.

Mario Fuchs
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Forstarbeit nach Sturm Burglind Aufräumarbeiten der Forstarbeiter nach dem Wintersturm Burglind, Seengen, 23. Januar 2017
13 Bilder
Forstarbeit nach Sturm Burglind Aufräumarbeiten der Forstarbeiter nach dem Wintersturm Burglind, Seengen, 23. Januar 2017
Simon Häusermann, Forstwart-Vorarbeiter, Forstbetrieb Rietenberg
Förster an der Arbeit nach Sturm Burglind
Forstarbeit nach Sturm Burglind Aufräumarbeiten der Forstarbeiter nach dem Wintersturm Burglind, Seengen, 23. Januar 2017
Forstarbeit nach Sturm Burglind Aufräumarbeiten der Forstarbeiter nach dem Wintersturm Burglind, Seengen, 23. Januar 2017
Forstarbeit nach Sturm Burglind Aufräumarbeiten der Forstarbeiter nach dem Wintersturm Burglind, Seengen, 23. Januar 2017
Forstarbeit nach Sturm Burglind Aufräumarbeiten der Forstarbeiter nach dem Wintersturm Burglind, Seengen, 23. Januar 2017
Forstarbeit nach Sturm Burglind Aufräumarbeiten der Forstarbeiter nach dem Wintersturm Burglind, Seengen, 23. Januar 2017
Forstarbeit nach Sturm Burglind Aufräumarbeiten der Forstarbeiter nach dem Wintersturm Burglind, Seengen, 23. Januar 2017
Drei statt einer: Wegen des vom Regen durchnässten Bodens braucht es nicht mehr viel, bis geschwächte Bäume fallen. Hier reisst eine Tanne zwei Buchen mit.
Forstarbeit nach Sturm Burglind Aufräumarbeiten der Forstarbeiter nach dem Wintersturm Burglind, Seengen, 23. Januar 2017
Forstarbeit nach Sturm Burglind Aufräumarbeiten der Forstarbeiter nach dem Wintersturm Burglind, Seengen, 23. Januar 2017

Forstarbeit nach Sturm Burglind Aufräumarbeiten der Forstarbeiter nach dem Wintersturm Burglind, Seengen, 23. Januar 2017

Alex Spichale

Forstwart-Vorarbeiter Simon Häusermann, schwarz-rot-knallgelbe Arbeitskleidung, Seenger und Aargauer Wappen auf dem Helm, kniet vor dem Forsttraktor. Kurz vor dem Mittag gab es einen Maschinenausfall: Der Greifer quittierte kurzzeitig seinen Dienst. Inzwischen hat Häusermann den nötigen Ersatzschlauch aus dem Depot geholt, ersetzt damit den defekten. «Das gehört dazu», sagt er mit einer Mischung aus Erfahrung und Gelassenheit, «im Wald gehts halt manchmal grob zu und her. Wir arbeiten mit der Natur, und manchmal ist die Natur stärker.» Dass dieser Satz stimmt, zeigt sich wenige Meter hinter Häusermanns Rücken.

Dort liegt quer durch- und übereinander das, was Anfang Monat Schlagzeilen gemacht hatte: das Resultat des Sturmtiefs «Burglind». Hier am Rande des Schlattwalds, einem Eichenreservat zwischen Seengen, Hallwil und Egliswil, hatte der Wind volle Angriffsfläche. Ein Baumstamm ist auf der Höhe von etwa drei Metern abgebrochen, wie eine seltsame Holzskulptur steht der splittrige Rest da. Daneben ragt eine Tanne quer über die Waldstrasse, auf der anderen Strassenseite, in der Höhe von etwa 20 Metern, aufgefangen von zwei Buchen, die sich noch halten konnten. Jeden Moment, so hat man das Gefühl, könnte das verkeilte Trio zu Fall kommen. Andere Bäume wurden entwurzelt, liegen flach darnieder, ihre Strünke ragen imposant aus dem Waldboden, und wo sie wurzelten, haben sich Teiche aus erdig-braunem Regenwasser gebildet.

Eine Gratwanderung

«Burglind» hat sich längst verzogen. Auch «Evi» und «Friederike», die im Aargau nicht mehr viel angerichtet hatten, haben sich in Luft aufgelöst. Im Schlattwald ist es jetzt ruhig – aber sehr feucht. «Nach den starken Regenfällen der letzten Tage haben wir viel Staunässe im Boden», sagt Forstwart Kilian Ziegler: «Jetzt mags nüüt meh liide.» Jederzeit könnten geschwächte Bäume, die bereits «angestossen» sind, nachträglich fallen. Oder abgebrochene Äste, die sich in Kronen verhakt haben, herunterstürzen: «Es ist Tag für Tag eine Gratwanderung.» Zusammen mit Vorarbeiter Häusermann und dem Lernenden Lukas Meyer bildet Kilian Ziegler eines von zwei Teams, die im Gebiet des Forstbetriebs Rietenberg (Gemeinden Dintikon, Egliswil, Hendschiken, Seengen und Villmergen) mit dem grossen Aufräumen beschäftigt sind. Priorität haben jene Teilgebiete, in denen Strassen oder Wege von Bäumen blockiert sind. Danach kommen alle anderen Schadenplätze. «Arbeit haben wir mehr als genug», sagt Häusermann, «Burglind wird uns sicher bis im April oder Mai beschäftigen.»

Der Auftrag des Trios: Wege freiräumen, Gefahren beheben – das Holz so bereit machen, dass der Vollernter es an der Strasse verarbeiten und abtransportieren kann. Die vollmechanisierte Holzerntemaschine arbeitet zwar schneller als der Mensch, doch in einem Gebiet wie hier, in dem es sogenannte Streuschäden gab, die Bäume also kreuz und quer durcheinander liegen und gefährliche Spannungen zueinander aufgebaut haben, ist der Einsatz der Maschine nicht möglich – und macht den Einsatz der Profis mit der Motorsäge herausfordernd.

«Es braucht Erfahrung, ein gutes Auge und Fingerspitzengefühl», sagt Häusermann. Sturmholzerfahrung habe nicht jeder Forstarbeiter, denn das gehöre nicht zur Grundausbildung: «Solche Situationen gibt es zum Glück ja nur alle paar Jahre.» Für Lehrling Lukas sei die Arbeit deshalb spannend, aber anspruchsvoll. «Wir müssen den Kopf in jeder Sekunde voll bei der Sache haben.» Häusermann hatte in seiner Lehrzeit einen Sturm erlebt: «Lothar», im Dezember 1999. Und bevor er vor drei Jahren ins Seetal kam, arbeitete er für ein Lohnunternehmen in Deutschland, räumte nach Orkan «Kyrill» auf. «Man kann nach so einem Sturm viel lernen. Aber du musst Respekt haben!»

So wütete Burglind im Aargau – die Bilder unserer Leser:

So wütete «Burglind» im Aargau: Bei Oftringen Foto: Natacha Lauber-Meyer
36 Bilder
In Mülligen Foto: Gabriella Tschupp
In Strengelbach Foto: Sabrina Hanhart
In Full-Reuenthal hat "Burglind" die Linde beim Schulhaus gefällt. Sie galt hier als ein Wahrzeichen. Foto: René Kälin
In Full-Reuenthal hat "Burglind" die Linde beim Schulhaus gefällt. Sie galt hier als ein Wahrzeichen. Foto: René Kälin
Bei Oftringen Foto: Natacha Lauber-Meyer
Burglind im Aargau – Leserfotos
Bei Rothrist Foto: Sabrina Hanhart
Im Garten der Leserin in Rheinfelden Foto: Jacky von Allmen
Beim Schachen in Aarau Foto: Rena Fischer
In Bremgarten Foto: Lukas Scherrer
Bei Brugg im Wildischachen Foto: Sibylle Weber
Bei Birsfelden Foto: Rita Beier
Bei Aarau Foto: Michelle Boss-Martin
Bei Mülligen Foto: Monika Brunner
Bei Aarau Foto: Michelle Boss-Martin
Bei Rothrist Foto: Sabrina Hanhart
Aarau, Goldernwald Foto: Alexandra Brunner
Bei Buchs Foto: Christine Haefliger-Meyer
Bei Aarau Foto: Michelle Boss-Martin
Bei Aarau Foto: Michelle Boss-Martin
Schlatt, Seengen Foto: Jeannine Galliker
Aufräumarbeiten Foto: Michaela Genkinger
Bei Seengen Foto: Jeanninge Galliker
Bei Buchs Foto: Christine Haefliger-Meyer
Im Garten der Leserin in Rheinfelden Foto: Jacky von Allmen
Schöftland, neben dem Bahnhof Foto: Jasmin Nathalie Bachmann
Schlattwald in Seengen Foto: Jeannine Galliker
Schlosspark Hallwyl Foto: Caroline Gnehm
Aarau, Goldernwald Foto: Alexandra Brunner
Bei Buchs Foto: Christine Haefliger-Meyer
Aarau, Goldernwald Foto: Alexandra Brunner
Aarau, Goldernwald Foto: Alexandra Brunner
Wald bei Kölliken Foto: Anneliese Thut
Bei Kölliken Foto: Anneliese Thut
In Schöftland Foto: Alexandra Estudo Koller

So wütete «Burglind» im Aargau: Bei Oftringen Foto: Natacha Lauber-Meyer

Zur Verfügung gestellt

«No chli nohzieh»

Ziegler trennt mit seiner Husqvarna langsam den Stamm einer Tanne vom senkrecht abstehenden Wurzelstock. Schnitt für Schnitt kämpft er sich durch das meterdicke Holz, ein Knacken durchbricht manchmal das Knattern der Kettensäge. Abstocken, sagt der Fachmann. «Er chunnt nonig!», ruft Ziegler. Er müsse einen Moment warten, «denn chan er no chli nohzieh.» Kaum hat Ziegler einen Schritt zurückgemacht, fällt der tonnenschwere Wurzelstock zurück in das mit Wasser gefüllte Loch, dass er hinterlassen hatte, das Wasser schwappt über, versickert in der lehmigen Erde. Ziegler beginnt sofort mit Abasten, hakt das Messband, das er am Gürtel trägt, am Stamm ein, misst etwas mehr als fünf Meter ab, macht mit der Säge eine Kerbe in die Rinde. Vier, fünf oder sechs Meter sind die Masse, die der Abnehmer, in diesem Fall Schilliger Holz in Küsnacht, wünscht.

Drei statt einer

Lange dürfen die Stämme nicht liegenbleiben – wird es im Frühling warm, übernimmt der Borkenkäfer gern, was kein Lieferant geholt hat. Das darf nicht passieren, denn der Schaden ist so schon genug gross. Förster Matthias Bruder, Leiter des Forstbetriebs Rietenberg, schätzt, dass in seinem 1020 Hektaren grossen Revier etwa ein Drittel der Jahresnutzung zu Fall kam. Viel Holz, das sein Team sonst planmässig und schön hätte fällen können. Jetzt wurde es von «Burglind» gefällt, und das bedeutet vor allem: viel Ausschuss. Immerhin kann der Grossteil dessen, was nicht zu Bauholz verarbeitet werden kann, in Schnitzelheizungen in der Region eingesetzt werden. Es bedeutet aber auch: einen Strich durch eine auf Jahrzehnte ausgelegte detaillierte Nutzungsplanung. «Burglind» werde man den Wäldern im Aargau noch in 10 und 15 Jahren ansehen, sagt Simon Häusermann. Er blickt in die Baumkronen hoch. «Es ist schon ein Seich: Hier hatten wir erst letztes Jahr frisch geholzt, und jetzt steht gar nichts mehr.»

Zeit für Emotionen bleibt aber im Schlattwald nicht viel. Das Trio muss weitermachen. Jetzt kommt die Tanne dran, die sich hoch über der Strasse in zwei Buchen verkeilt hat.

Häusermann fährt den Forsttraktor in das Waldstück hinein, legt der Tanne eine Seilwinde um. Hochzusteigen und sie zu befreien wäre viel zu gefährlich. Die einzige Möglichkeit, die bleibt, ist, sie herauszuziehen. Auf Häusermanns Zeichen setzt sich die Seilwinde in Gang. Langsam löst sich die Tanne und reisst die zwei Buchen krachend mit zu Boden. Die vorher freigemachte Strasse ist wieder von drei Stämmen versperrt. Die Forstarbeiter nehmen ihr Kettensägen und nähern sich der Tanne.

Waldbesucher

Überall im Aargau sind dieser Tage die Forstwarte dabei, die Sturmschäden zu beseitigen. Dabei kommt es immer wieder vor, dass Warnschilder von Waldbesuchern nicht beachtet werden. Matthias Bruder, Leiter des Forstbetriebs Rietenberg, sagt: « Absperrungen sind zu beachten und in jedem Fall einzuhalten.» Vreni Friker, Präsidentin des Aargauer Waldeigentümerverbands, pflichtet ihm bei: «Absperrungen müssen zwingend respektiert werden.» Leider machten viele Forstarbeiter die Erfahrung, dass dem nicht Folge geleistet werde. «Wir appellieren an das Verständnis der Bevölkerung: Wo eine Warntafel steht, darf man nicht durch. Auch nicht, wenn man grad keine Kettensäge hört oder keinen Förster sieht.» Es gebe genug Wege, die bereits freigeräumt und für Waldbesucher gefahrenlos zugänglich seien. (rio)