Soziale Isolation

Einsamkeit ist subjektiv und nicht messbar

Das war so nicht vorgesehen: Die weiterhin zunehmende Mobilität führt dazu, dass das Risiko, zu vereinsamen, stetig steigt.

Das war so nicht vorgesehen: Die weiterhin zunehmende Mobilität führt dazu, dass das Risiko, zu vereinsamen, stetig steigt.

In ihrem Vorstoss möchte EVP-Grossrätin Lilian Studer vom Regierungsrat wissen, was er gegen die offensichtlich zunehmende Einsamkeit der Aargauerinnen und Aargauer zu unternehmen gedenkt. Nur – was versteht man eigentlich unter dem Begriff «Einsamkeit»? Und verstehen alle das Gleiche? Ist Einsamkeit an sich schon ein Zustand, den es möglichst zu vermeiden gilt? Worin besteht der Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit?
Wir wissen, dass man sich auch unter vielen Leuten ziemlich einsam fühlen kann. Und umgekehrt: Manchmal sind wir mutterseelenallein und fühlen uns überhaupt nicht einsam.
Der amerikanische Einsamkeitsforscher John Cacioppo sagte denn auch, wer einsam sei, dem fehlten nicht einfach Menschen, sondern das Gefühl, von ihnen beachtet, anerkannt und gebraucht zu werden. Niemand sei immun gegen das Gefühl, einsam zu sein, genau so wenig wie man immun sei gegen Hungergefühle oder Schmerz.

In Untersuchungen konnte Cacioppo zeigen, dass wenn ein Mensch sozial ausgeschlossen oder zurückgewiesen wird, im Gehirn das Zentrum aktiviert wird, das auch bei körperlichen Schmerzen reagiert. Einsamkeit kann also sehr schmerzhaft sein. Nicht ohne Grund sei die schlimmste Strafe, die Kulturen weltweit über ihre abtrünnigen Mitglieder verhängen, die Isolation von der Gruppe, etwa das Verstossen aus der Familie oder die Einzelhaft.

In der Psychologie gibt es die beiden Begriffe soziale Einsamkeit und emotionale Einsamkeit. Soziale Einsamkeit bezieht sich auf den Mangel an sozialer Integration, emotionale Einsamkeit meint den Mangel an festen Vertrauenspersonen.

Natürlich gibt es auch eine Menge von Studien zum Thema. Sie besagen etwa, dass sich Jugendliche und Menschen über 80 Jahren besonders oft einsam fühlen. Andere Studien kommen zum Schluss, dass eine Ehe einen ziemlich guten Schutz gegen Einsamkeit bieten kann, ebenso wie eine feste Anstellung oder das Mitmachen im Vereinen. Zudem sollen sich Frauen oft aus anderen Gründen einsam fühlen als Männer.

Wiederum John Cacioppo hat herausgefunden, dass einsame Menschen dazu neigen, Kontakt zu anderen chronisch Einsamen zu suchen. Als erwiesen gilt, dass einsame Menschen früher sterben als andere, dass Einsamkeit schädlicher sei als Übergewicht und zudem das Immunsystem schwächen kann. Infekte, Entzündungen und Herz-Kreislauf-Probleme können die Folgen sein.

Schliesslich noch eine Erkenntnis aus der Psychologie: Einsamkeit ist weder direkt sicht- noch messbar. Sie ist die subjektive Erfahrung eines Mangels an Freunden und sozialen Kontakten.

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Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

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