Häusliche Gewalt

Eine Sozialpolitikerin, ein Polizist, ein Forensiker: «Diese Veranstaltung ist leider von hoher Relevanz»

Acht Referate und eine Diskussion begleiten die behandelte Thematik der häuslichen Gewalt. Mit dabei waren viele bekannte Aargauerinnen und Aargauer an dem Rednerpult.

Moderatoren von Podiumsdiskussionen sind immer froh um Anknüpfungspunkte in der Aktualität. Je News, desto Zuhörer. Gestern Abend in der Aula der Berufsschule Aarau (BSA) war das anders: «Sie sind hier leider an einer Veranstaltung, die von hoher Relevanz und Aktualität ist», begrüsste Moderator Walter Vogt. Grund für sein Bedauern war das Thema der Ausstellung «Willkommen zu Hause»: Gewalt in Familie und Partnerschaft.

Sie wurde von Luzerner Fachleuten in Zusammenarbeit mit der Interkantonalen Polizeischule Hitzkirch konzipiert, wurde zuerst in Luzern gezeigt, ging ab 2015 auf eine erfolgreiche Tour de Suisse und macht jetzt bis zum 2. Dezember Halt im Foyer der BSA-Aula. Sie klärt in Form von begehbaren Wohnräumen über Gewaltformen auf, über Ursachen und Risikofaktoren, thematisiert aber auch die Betroffenheit von Kindern, Gewalt bei jugendlichen Paaren oder Zwangsheirat. Begleitet wird sie von acht Referaten und Diskussionen.

Täter zum Glück zwingen

Dass das Thema im Aargau genauso Berechtigung hat wie in Luzern, zeigte sich gestern am prominent besetzten Auftakt. Regierungsrat Urs Hofmann (SP) sagte: «Häusliche Gewalt ist nach wie vor ein Thema, über das man nicht gerne spricht oder sprechen kann.» Ziel der Ausstellung sei, noch mehr zu enttabuisieren.

Sie sei auch Ausdruck einer klaren Haltung des Kantons gegen jegliche Gewalt. Sie dürfe keinen Platz haben, schon gar nicht zu Hause: «Der Regierungsrat duldet keine rechtsfreien Räume.» Im vergangenen Jahr musste die Aargauer Kantonspolizei im Schnitt 5-mal pro Tag wegen Verdachts auf häusliche Gewalt intervenieren.

Josef Sachs, der 25 Jahre lang die Forensik der Psychiatrischen Dienste Aargau geleitet hatte und seit seiner Pensionierung 2015 eine kleine Praxis in Brugg betreibt, sagte: «Häusliche Gewalt ist Ausdruck sozialer Inkompetenz.» Es gebe verschiedene Tätergruppen, aber eines hätten sie alle gemeinsam: «Sie sind nicht fähig, in komplexeren Situationen Konflikte zu lösen.» Die Aufgabe der Gesellschaft und der Fachstellen sei es, diesen Menschen nachzugehen und unsere Hilfe anzubieten. Und: «Hin und wieder müssen wir sie auch zwingen, die Hilfe anzunehmen.»

Gewaltpräventionsexpertin Andrea Wechlin zeigte sich einig mit Sachs und formulierte es so: «Betreten der Baustelle erwünscht!» Es brauche allerdings eine «verbindliche Bauleitung» – sprich kantonale Institutionen, die miteinander vernetzt seien. Denn, darauf wies SP-Regierungsratskandidatin Yvonne Feri hin: «Der Kanton Aargau ist auf einem guten Weg. Aber längst nicht alle Kantone sind gleich weit.» Wenn etwa ein Täter den Kanton wechsle, habe man keine Ahnung mehr von dessen Gewalthistorie.

"Spitze des Eisbergs"

Roland Vogt, SVP-Grossrat und Polizist in der Stadt Zürich, unterstützt dieses Anliegen. Genauso wichtig sei es, gute Opferanlaufstellen zu haben – dabei aber die Kosten des Kantons im Auge zu behalten. Laut der Badener Rechtsanwältin Yvonne Meier, die zum Thema doktoriert und schon viele Fälle bearbeitet hatte, ist der tätliche Übergriff «nur die Spitze des Eisbergs».

Wichtig sei, Täter gut zu therapieren. «Ein solcher Kurs kostet zwar etwas, aber ein neuer Prozess bei einem Rückfall noch viel mehr.» Am Schluss war man sich einig: Geld, das in die Prävention investiert wird, entfaltet die beste Wirkung. Dort könne auch jeder Bürger seinen Beitrag leisten: Aufeinander achtgeben, im Verdachtsfall hinschauen und nachfragen. Bevor der Horror Alltag wird.

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