Die Aargauer Kantonsschulen müssen pro Jahr rund zwei Millionen Franken sparen. Die Rektorenkonferenz schlägt nun drei Massnahmen vor, um dieses Ziel zu erreichen. Die beiden ersten Massnahmen sind konventionell; die dritte hingegen überrascht und wird wohl viel zu reden geben. Denn falls sie umgesetzt wird, wird sie den Unterrichtsalltag an den Kantonsschulen gründlich verändern.

Doch der Reihe nach: Die erste Massnahme betrifft die Betriebskosten. Ab Schuljahr 2018/2019 werden die Schülerpauschalen für Lehrmittel sowie die Investitionen im Unterrichtsbereich über alle Kantonsschulen hinweg um rund 6 Prozent gekürzt. Gespart wird auch bei den Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch. Künftig wird der Unterricht in diesen drei nur noch wenig gefragten Sprachen schulstandortübergreifend angeboten und durchgeführt. Mit diesen beiden Massnahmen lassen sich pro Jahr rund 400 000 Franken sparen.

Flucht nach vorn

«Es ist selbstverständlich, dass die Aargauer Kantonsschulen auch bei dieser Sparrunde wieder ihren Beitrag leisten müssen», sagt Daniel Franz, Rektor der Kantonsschule Baden und Präsident der Rektorenkonferenz der aargauischen Mittelschulen. Ohne pädagogischen Leistungsabbau sei der Sparauftrag aber nicht zu erfüllen.

Doch anstatt mit tapferem Gehorsam nach weiteren Sparmöglichkeiten zu suchen, wagt die Rektorenkonferenz die Flucht nach vorn und präsentiert das neue Unterrichtsmodell 2019+ für die Kantonsschulen.

Martin Burkard, Rektor der Alten Kantonsschule Aarau, erklärt die Idee: «Die heutige Stundentafel an den kantonalen Mittelschulen ist bereits wieder 20 Jahre alt. In der Zwischenzeit aber haben sich die Ansprüche an die Gymnasien stark verändert.»
Man habe deshalb aus der Not eine Tugend gemacht und den Sparbefehl dazu genutzt, um ein Modell zu entwerfen, das zeigt, wie sich die Schule auch unter erschwerten Bedingungen weiterentwickeln könne.

Der Vorschlag der Rektorenkonferenz: Ab Beginn des Schuljahrs 2019/ 2020 dauert eine Lektion an den Aargauer Kantonsschulen nicht mehr 45 Minuten, sondern 80 Minuten. Gleichzeitig werden die Stundentafeln aller Bildungsgänge von Gymnasium, Fach-, Wirtschafts- und Informatikmittelschule revidiert und den heutigen Gegebenheiten und Anforderungen angepasst.

80 Minute passen besser

«Es ist pädagogisch unbestritten, dass längere Unterrichtssequenzen auf der Stufe Sek II für die Schülerinnen und Schüler besser sind als die klassischen Lektionen, die getaktet sind und exakt 45 Minuten dauern», sagt Daniel Franz. Erfahrungen aus anderen Gymnasien im In- und Ausland, die bereits mit den langen Lektionen arbeiten, bestätigten diese Erkenntnis. «Die Langlektionen bewähren sich in der Praxis und stossen bei Schülerinnen und Schülern, Lehrpersonen und Eltern in der Regel auf eine hohe Akzeptanz.»

Doch welches sind denn konkret die pädagogischen und schulischen Vorteile der 80 Minuten dauernden Lektionen? «Für die Schülerinnen und Schüler reduziert sich die Anzahl der Fächer pro Tag und damit die Zerstückelung des Unterrichts deutlich», erklärt Franz. Gleichzeitig seien längere Lektionseinheiten für viele Lernformen ein günstigeres Zeitgefäss als 45-Minuten-Lektionen. Denn sie ermöglichen den Einsatz eines breiten Repertoires an Methoden und einen Unterricht, in dem Phasen von Instruktionen, selbstständigem Lernen und individualisiertem Unterricht gut aufeinander abgestimmt werden können. «Schliesslich fördern längere Lektionen die vertiefte Auseinandersetzung mit einem Unterrichtsgegenstand und das problemlösende Lernen, also genau das, was auf der Sekundarstufe II im Zentrum steht», argumentiert Franz.

Neue Fächer, weniger Sprachen

Doch nicht nur die Länge der Lehr- und Lerneinheiten wird verändert, auch die zu vermittelnden Inhalte an der Kanti werden angepasst. Dabei stellt Burkard klar: «Grundausrichtung und Grundstruktur der Aargauer Mittelschule bleiben unangetastet.» Eine Aktualisierung der Stundentafel sei aber besonders beim Gymnasium angezeigt. So hätten politische Bildung, digitale Medien, Informatik und Technik heute eine andere Bedeutung als noch vor 20 Jahren.

Die wichtigsten Veränderungen, welche das neue Unterrichtsmodell 2019+ den Gymnasien bringt, im Überblick:

  • Verkürzte Präsenzzeit: Die vorgeschlagene Stundentafel für das Gymnasium verkürzt die Unterrichtspräsenzzeit für die Schülerinnen und Schüler über alle vier Jahre um durchschnittlich rund 5 Prozent.
  • «MINT» wird gestärkt: Das Verhältnis zwischen den beiden grossen Fachbereichen «Sprachen» und «MINT» (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) wird einander angeglichen. Konkret wird der Bereich «MINT» über das Fach Informatik und ein Naturwissenschaftspraktikum gestärkt. Die zweite Landessprache (Französisch, Italienisch) und Englisch werden im Gegenzug gekürzt.
  • Ergänzungsfach wird gestärkt: Neu wird das Ergänzungsfach, das bisher nur in der 4. Kanti unterrichtet wurde, zwei Jahre dauern. Damit können Schülerinnen und Schüler in den oberen beiden Klassenstufen einen weiteren Schwerpunkt setzen. So wird auch eine Akzentuierung der zweigliedrigen Struktur des aargauischen Gymnasiums erreicht: Breite der Allgemeinbildung in der Grundstufe, Vertiefung in der 3. und 4. Klasse.
  • Politische Bildung, Medienbildung: Die beiden Bereiche werden in der Stundentafel verankert. Beide Themen sind wichtig und sollen entsprechend das notwendige Gewicht erhalten. Es ist vorgesehen, Medienbildung dem Fach Deutsch und politische Bildung dem Fach Geschichte anzugliedern.
  • Erhöhung der Ressourcen: Die Ressourcen für die Betreuung der Schülerinnen und Schüler werden erhöht. Konkret geht es um die Entlastung der Klassenlehrer. Dies ist notwendig, weil die Betreuung von Schülerinnen und Schülern, die eine Krise durchmachen oder die Integration von Schülern mit einer Behinderung auf der Sekundarstufe sehr anspruchsvoll geworden sei.


Weniger Veränderungen gibt es in den Stundentafeln der drei andern Mittelschultypen, also der Fach-, Wirtschafts- und Informatikmittelschule, weil diese relativ jung sind.

Einsparung von 10 Stellen

Mit der Verkürzung der Unterrichtszeit um rund 5 Prozent können bei den Lehrpersonen rund 10 Vollzeitstellen eingespart werden, was einer jährlichen Einsparung von 1,6 Millionen Franken entspricht. Auch der Sparauftrag des Kantons wäre quasi en passant erfüllt. Kathrin Hunziker, Leiterin der Abteilung Berufsbildung und Mittelschule beim Kanton, zeigt sich denn auch sehr zufrieden mit dem neuen Modell und den Sparvorschlägen der Rektorenkonferenz. Was die Mittelschullehrpersonen von den Veränderungen halten, die ihren Unterricht massgeblich beeinflussen werden, wollte die Rektorenkonferenz genau wissen. Sie lud deshalb gestern Freitag alle Lehrpersonen zu einer Information mit Diskussion nach Aarau ein.