Handball
Eine Nacht verändert sein Leben als Profisportler – jetzt ist der Aargauer mit einer Mission unterwegs

Für sein soziales Projekt ist Karl Emmenegger eine ungewöhnliche Kooperation mit dem Aargauer Handballverein HSC Suhr Aarau eingegangen.

Nicola Imfeld
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Karl Emmenegger spielte vor seinem Unfall für die Handballnationalmannschaft.

Karl Emmenegger spielte vor seinem Unfall für die Handballnationalmannschaft.

Chris Iseli

Mit viel Schwung, verschmitztem Lächeln und grüner Mappe im Schoss rollt Karl Emmenegger auf seinem Rollstuhl durch die Eingangstüre des AZ Mediencenters. Wären die Prognosen seiner Ärzte eingetroffen, würde Karl Emmenegger seit zehn Jahren unter der Erde liegen.

Doch der 65-jährige Aargauer ist – von seiner Querschnittlähmung abgesehen – kerngesund und befindet sich auf einer ambitiösen Mission: «Chancengleichheit für Behinderte auf dem Arbeitsmarkt» lautet die Forderung seines gemeinnützigen Vereins «Impulse», der in den beiden Basler Kantonen fest verankert ist und von zahlreichen Arbeitgebern unterstützt wird.

Jetzt will Emmenegger die Interessen von «Impulse» in den Kanton Aargau tragen, um die Lebenssituation von Behinderten auch hier zu verbessern. Dieses Unterfangen unterstützt der Aargauer Handballverein HSC Suhr Aarau, der mit «Impulse» eine Kooperation eingegangen ist. Dies sei in der Schweiz eine einmalige Zusammenarbeit, betonen die Verantwortlichen des Handballklubs. Doch wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Kooperation?

Den eingefleischten Handballfans dürfte längst ein Licht aufgegangen sein: Karl Emmenegger ist alles andere als ein unbeschriebenes Blatt in der Szene. In den 70er-Jahren war er der Star des BTV Aarau (heute HSC Suhr Aarau) und lief auch für die Schweizer Nationalmannschaft auf.

Unfall veränderte alles

Nebst dem Spitzensport absolvierte Emmenegger in Brugg ein Maschinenbaustudium, träumte von schnellen Autos, hübschen Frauen und einer Karriere als Linienpilot bei der Swissair. «Egozentrisch» und «ein Macho» sei er gewesen, sagt er mit einem Schmunzeln.

Der Traum von einem Bilderbuchleben musste der Aarauer in der Nacht auf den 1. Oktober 1978 jäh begraben. Emmenegger war mit dem Auto seiner Freundin auf dem Nachhauseweg, als er in Zofingen nach einem Sekundenschlaf auf den Strassenrand auffuhr und verunglückte. «Ich stiess mit dem Kopf heftig an das Autodach», erzählt er. Die darauffolgende harte Landung verschob seine Lendenwirbel derart, dass sie das Rückenmark abquetschten. «Ich spürte, dass ich meine Beine nicht mehr bewegen konnte, und realisierte sofort die Folgen.» Als seine Freundin aus dem Auto ausstieg, um Hilfe zu holen, blieb Emmenegger 45 Minuten alleine auf der Unfallstelle zurück. Er erinnert sich: «Ich überlegte, wie ich mich umbringen kann. Als ich mir dann meine Eltern vor meinem Grab stehend einbildete, realisierte ich, dass ein Selbstmord keinen Sinn machen würde.»

Emmenegger spricht ruhig, ja fast schon unbeschwert über den Unfall, der sein Leben komplett veränderte. Mit seinem markanten Gesicht und seiner unverkennbaren Stimme wirkt er topfit, nur die grauen Haare lassen auf sein fortgeschrittenes Alter schliessen.

Flucht aus Zofingen

Die ersten fünf Jahre im Rollstuhl seien schwierig gewesen. Das erste Handballspiel nach seinem Unfall – ausgerechnet in Zofingen – konnte Emmenegger nicht ertragen. «Nach drei Minuten bin ich abgehauen und mit meinem Rollstuhl zurück nach Aarau gefahren», erzählt er. Doch der Mann mit den zwei Leben erholt sich, findet in der zweiten Ehe sein privates Glück und arbeitet bis zu seiner Pensionierung vor vier Jahren im Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil. Als Erwerbstätiger erhielt er keine Invalidenrente und weil er zum Zeitpunkt des Unfalls unterversichert war, auch sonst keinen einzigen Rappen. «Rückblickend gesehen war das mein Glück. Ansonsten hätte ich wohl nicht mehr gearbeitet. Doch genau die Arbeit mit Behinderten hat mir die Freude am Leben zurückgegeben.»

Nach einer kurzen Auszeit engagiert er sich seit 2014 für den Verein «Impulse» und rührt nun die Werbetrommel im Kanton Aargau. Morgen folgt der Startschuss an einer Infoveranstaltung im Campus der FHNW in Brugg. Emmenegger hofft, dass möglichst viele Unternehmer vorbeischauen und die Charta – «Arbeit für Menschen mit Behinderung» – unterzeichnen werden. «Es geht nicht darum, dass man Behinderte einstellen muss. Bei einer Bewerbung sollten sie einfach die gleichen Chancen haben wie alle anderen», stellt er klar.

Neue Sponsoren für Suhr Aarau

Durch die Kooperation mit dem HSC Suhr Aarau erhofft sich Emmenegger Zugang zum grossen Netzwerk des Sportvereins. Der Marketing-Chef des Handballclubs, Thomas Kähr, spricht von einem Nutzen für beide Seiten. «Einerseits erreichen wir mit der Kooperation eine Erweiterung unserer Sinngebung, denn wir betreiben nicht nur Sport, sondern setzen uns auch für gesellschaftliche Anliegen ein. Unsere Vision ist es, junge Menschen zu entwickeln.» Andererseits erhält Suhr Aarau auch Zugang zum Netzwerk von «Impulse» und kann dadurch neue Partner gewinnen.

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