Die Mission derer, die Betrunkene und ihre Autos ins Trockene bringen, beginnt im Regen. In Lenzburg schüttet es, als habe der Winter den Schneedienst eingestellt. Stephan Bärtschi, genannt Steve, macht das nichts aus. Seit 15 Jahren ist der Vermessungstechniker aus Gränichen für «Nez Rouge» unterwegs, inzwischen Vizepräsident des Vereins. Nacht für Nacht fährt er mit seinem Mitsubishi kreuz und quer durch den Aargau, um dafür zu sorgen, dass Menschen in Trinklaune nach Hause kommen, ohne das Billett zu verlieren. Rote Nase statt blaues Wunder – 0800 802 208 statt 114.

Um halb zehn an diesem Dezemberabend sitzt ein Dutzend Freiwillige an einer Tischgruppe in der Berufsschule Lenzburg. Während unten in der Turnhalle Sportler trainieren, erfahren die neuen Fahrerinnen und Fahrer oben in der Aula, was sie müssen – und was nicht. «Wir bringen grundsätzlich nur den Fahrer und sein Auto heim», sagt Bärtschi.

Es gebe Kunden, die extra das Auto füllten, um Kollegen mit nach Hause zu nehmen. «Wenn es grad aufgeht, machen wir das manchmal. Aber es ist nicht die Idee, denn wir wollen die Taxis nicht konkurrenzieren.» Aus dem gleichen Grund wird nur abgeholt, wer sein eigenes Auto dabei hat.

Bärtschi nimmt sich einen Schinkengipfel vom Verpflegungstisch und steigt in seinen Mitsubishi. Auf der Rückbank nimmt Dominik Wyss Platz. Der Geschäftsführer der grössten Aargauer Hotelgruppe, Aargauhotels.ch, ist Präsident des Aargauer Hoteliervereins. Die Hoteliers unterstützen zusammen mit Gastro Aargau «Nez Rouge» 2017 erstmals nicht nur finanziell, sondern auch mit Manpower und Werbung. «Wir finden das eine gute Sache», sagt Wyss.

Er sieht es pragmatisch: «Wir Gasthäuser verkaufen das, was die Leute fahruntüchtig macht, und können mit «Nez Rouge» einen Beitrag leisten für mehr Sicherheit.» Wenn der Gast ein Glas mehr trinke und trotzdem gut nach Hause komme, sei doch allen gedient.
Auf diese Saison hin hat man die Werbung intensiviert (siehe auch Text unten rechts). Gastwirte werben mit Stickern, Plakaten, Mail-Signaturen. 20 Branchenverbandsmitglieder haben bereits zugesagt, selber eine Fahrschicht zu übernehmen. Wyss ist einer von ihnen – und hofft, dass es bis Ende Jahr noch ein paar mehr werden.

SMS von der Zentrale

Ein Nez-Rouge-Team besteht aus zwei Personen: eine, die das Nez-Rouge-Auto fährt, und eine, die die Kundschaft in ihrem eigenen Auto chauffiert. Noch bevor Bärtschi den Gang eingelegt hat, piepst Wyss’ Telefon. SMS von der Zentrale, die sich in der Berufsschule mit Telefonisten und Dispo eingerichtet hat. Erster Auftrag: ein Herr Koch, von Muri nach Waltenschwil. Nicht immer gibt es eine präzise Adresse.

Diesmal steht als Abholort nur: Muri. Wir fahren los, und unterwegs ruft Dominik Wyss die Zentrale an: «Wohin genau?» Im Roos, ehemalige landwirtschaftliche Schule. Höhe Wohlen ruft Wyss den Auftraggeber an, dessen Handynummer er übermittelt erhielt. So weiss der Kunde, dass «Nez Rouge» unterwegs ist – und er sich langsam parat machen sollte. «Die sind aber grad noch mitten in einer Darbietung», berichtet Wyss nach dem Anruf. Ein Weihnachtsessen ist im Gange.

Ein regnerischer, kalter Wochentag wie dieser ist für die Fahrerinnen und Fahrer kein Stress. Sechs Zweier-Teams sind heute unterwegs. An Freitagen und Samstagen ist mehr los. Und das Wetter hat grossen Einfluss darauf, wie viele Anrufe eingehen. 2016 gab es, so erzählt Steve Bärtschi, keinen einzigen Abend mit Schnee: Die Leute gingen dann mehr in den Ausgang, und die Fahrer seien schneller unterwegs. Hochbetrieb ist, wenn grosse Anlässe wie Stephansbälle am 26. Dezember oder der Turnerabend in Gränichen stattfinden. Und natürlich an Silvester. Allein zum Jahreswechsel sind es über 500 Fahrten. «Etwa 20 vor Mitternacht, und der Rest danach.» Rushhour der Berauschten.

Ein guter Kilometerpreis

In Muri meldet sich das Navi zu Wort: «Nach 500 Metern rechts abbiegen, danach halb rechts abbiegen – nach 200 Metern erreichen Sie das Ziel.» Bärtschi stellt das Auto ab. Vor dem Eingang steht ein Mann, rauchend. «Herr Koch?», fragt Wyss. «Sorry, I’m Australian», sagt der Mann, «how’s it going?» Er arbeite für das Unternehmen, das hier Weihnachten feiere, in Dubai, und sei nur für das Personalfest gekommen. Hotelier Wyss erklärt ihm auf Englisch, was «Nez Rouge» ist, was wir hier machen. Der Australier staunt: «In Australia you would be busy every night!» – in Australien hätten wir jeden Abend viel zu tun.

Ein paar Minuten später geht die Tür zum Saal auf, die Festgesellschaft tritt hinaus. Mitten in der ausgelassenen Stimmung taucht Herr Koch auf. Es stellt sich heraus, dass er uns nicht für sich, sondern für einen seiner Gäste bestellt hat. Der Herr wohnt zwar nur ein paar Dörfer weiter, hat aber ein wenig getrunken, und ist stark erkältet. Wyss erhält den Schlüssel zur edlen Limousine, wir steigen ein. «Wo muss ich ihn anlassen?» Auch das sind Tücken, mit denen «Nez Rouge» täglich zu tun hat: immer modernere Autos, immer schlauere Bordcomputer.

Der Gast muss selber kurz überlegen, in welcher Reihenfolge man den Wagen startet. Aber er hat Vertrauen: Erst nach ein paar Kilometern fragt er, was Wyss privat für eine Marke fahre. Und die Antwort (Audi) beruhigt ihn. Später wird Steve Bärtschi sagen: «Wenn eine Frau von uns vorfährt, müssen wir uns manchmal auch anhören: ‹Du fahrsch mer sicher nöd mit mim Auto!› Aber wählen kann man dann nicht mehr.» Wyss parkiert die Limousine in der Einstellhalle, der Gast zahlt 70 Franken. «Ein guter Kilometerpreis», freut sich Bärtschi, als wir wieder zu ihm ins Nez-Rouge-Auto steigen. Er hat bereits der Zentrale gemeldet, dass die Bestellung erledigt und Team 6 bereit für die nächste ist.

Wir fahren ins Fricktal. Auf der Autobahn fragt Wyss ins Telefon: «Wo dörfe mer dich cho abhole? Bim Golf Fricktal? Jä, isch guet. 6, 7 Minute.» Bärtschi weiss aus Erfahrung: «Wer noch selber anrufen kann, ist in der Regel angenehme Kundschaft». Unangenehmer wird es, wenn man 15 Leute vom KiFF Aarau abholen soll, und Angst haben muss, sie könnten das Konsumierte während der Fahrt nicht bei sich behalten.

«High five» des Schicksals

Der Parkplatz des «Golf Fricktal» ist voll, die Weingläser drinnen sind leer. Zu dritt betreten wir das Klubrestaurant. «Läck, chömed er eus grad alli go abhole?» Frohes Gelächter. Es sei das erste Mal, dass sie «Nez Rouge» nutzten, sagt die Frau. Diese «super Sach» ist dem Paar 50 Franken wert. Der Service ist kostenlos – doch ein Beitrag gehört sich. Denn alle Helfenden arbeiten ehrenamtlich, mit dem Geld werden die Betriebskosten gedeckt. Was übrig bleibt, wird Road-Cross Schweiz gespendet.

Die Organisation setzt sich für Unfallopfer und Verkehrssicherheit ein. Bärtschi sagt, am eindrücklichsten sei es, wenn man auf einer Kundenfahrt in die Polizeikontrolle komme. «Dieser Kunde ruft uns garantiert wieder an. Und gibt ein Zehnernötli mehr.»

Der nächste Auftrag kommt aus Wettingen. Kurz vor der Autobahnausfahrt erklärt der Kunde, der für einen betrunkenen Freund angerufen hatte, dass man den Wagen nicht mehr benötige. «Der Kollege ist inzwischen auf dem Sofa eingeschlafen und will nicht mehr nach Hause», berichtet Wyss nach dem Telefonat schmunzelnd von der Rückbank. Auch das gehört zum Alltag: Bedürfnisse Betrunkener können sich schnell ändern.

Eisenbahnersohn Bärtschi sagt: «Seit ich ein Auto habe, fahre ich nicht mehr viel Zug.» Selber habe er «Nez Rouge» noch nie gebraucht: «Meine Frau und ich machen rechtzeitig ab, wer fährt. Und ich denke jeweils: Ich muss meine Kollegen im Fahrdienst nicht noch mehr belasten.» Hotelier Wyss fährt auch viel Auto, vor allem beruflich. Er sei schon froh gewesen um «Nez Rouge». Es sei zwar nur von Oberentfelden nach Gränichen gewesen – «aber 100 Meter könnten schon reichen, und du hast das Billett weg.» Die Schweiz lebe von der Freiwilligenarbeit, «Nez Rouge» sei somit ein Teil unserer Gesellschaft. Als würde uns das Schicksal ein «High five» geben wollen, kreuzt uns just in diesem Moment das Polizeiauto AG 1.

Inzwischen ist es Morgen geworden. In dieser Nacht sind es noch drei junge Herren, die dank Team 6 sicher nach Hause kommen; nach Baden, Othmarsingen, Zofingen. Sie erzählen von Frau und Kind, vom Haus, das sie eigenhändig renovieren, von der Physiotherapie, wegen des Knies. «Morn isch dänn am Viertel vor siebni Sitzig!», erinnert der eine seinen Kollegen, bevor wir abfahren. «Luegid uf ihn, gell!»

Um 1.47 Uhr meldet sich die Zentrale per SMS: «Feierabend. Besten Dank für den Einsatz!» Dominik Wyss und Steve Bärtschi ist das auch recht, man müsse ja am Morgen selber wieder um 7 Uhr «a d’Säck». Bilanz: 215 Kilometer, 240 Franken. Und ein Gascho Müllerbräu-Zwickel, das uns Fahrgast Mario in überschwänglicher, ehrlich gemeinter Dankbarkeit nach dem Abladen spontan aus der Garage holte. «Für die Zentrale, natürlich!», hatte er gesagt.