Aargau
Eine Million weniger: Sparprogramm trifft auch Kinder mit Sprachstörung

Ein weiterer Verband fordert in einer Resolution die Zurücknahme von kantonalen Sparmassnahmen. 10 Prozent oder fast eine Million Franken müssten die Logopäden einsparen. Das wollen diese nicht.

Hans Fahrländer
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Um 10 Prozent werden die Pensen der Logopäden in der Volksschule gekürzt. (Symbolbild)

Um 10 Prozent werden die Pensen der Logopäden in der Volksschule gekürzt. (Symbolbild)

Keystone

Der Protest gegen die vorgesehenen Sparmassnahmen im Bildungsbereich, welche die Regierung im Rahmen ihrer «Leistungsanalyse» präsentiert hat, reisst nicht ab. Der Verein Aargauer Logopädinnen und Logopäden (VAL) hat an seiner Mitgliederversammlung einstimmig eine Resolution zuhanden des Regierungsrates verabschiedet.

Die Massnahme 315-12 sieht vor, die Pensen für Kinder und Jugendliche an der Volksschule mit leichter oder mittlerer Sprachstörung um 10 Prozent zu kürzen. Das entspricht jährlichen Einsparungen von 975'000 Franken. Der VAL lehnt diese Sparmassnahme ab und fordert die Regierung auf, sie zurückzunehmen.

Bereits die zweite Kürzung

Die Logopädie ist eine pädagogisch-therapeutische oder medizinisch-therapeutische Fachdisziplin zur Behebung von Sprachstörungen aller Art. Es gibt Logopädie für Kinder und Jugendliche an der Volksschule – unterteilt nach leichten/mittleren und schweren Sprachstörungen –, für Kinder und Jugendliche an Sonderschulen und für Vorschulkinder.

Betroffen von der Sparmassnahme sind nur die Volksschulkinder mit leichteren/mittleren Sprachstörungen. Im Durchschnitt leiden rund 8 Prozent der Volksschulkinder unter Spracherwerbs- oder Sprachstörungen. Im Kindergarten sind es gegen 20 Prozent, «nach oben» nimmt es kontinuierlich ab.

Die Pensen der schulischen Logopädie wurden bereits 2012 um knapp 10 Prozent gekürzt. Für Katrin Schenker, Logopädin in Erlinsbach und Mitglied im VAL-Vorstand, steht deshalb fest: «Die Zitrone ist ausgepresst. Seit der letzten Sparrunde haben wir schon alle Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung ausgereizt: Gruppen- statt Einzeltherapie, Therapie-Intervalle, nur noch Beratung statt Therapie etc. Eine nochmalige Kürzung führt mit Sicherheit zu direkten schädlichen Auswirkungen auf die Kinder: keine Therapie mehr für leichte Fälle, lange Wartezeiten, Verzicht auf Einzeltherapie etc.»

Ein Frauenberuf wird abgestraft

Auch wenn für die Logopädin die Auswirkungen auf die Kinder im Vordergrund stehen, verweist sie auch auf die Folgen für ihren Berufsstand: «Eine nochmalige Kürzung kann nicht mehr kompensiert werden und führt zu massiven Lohneinbussen. Man wird den Eindruck nicht los, dass wieder einmal ein Frauenberuf abgestraft wird.» Nur 7 von rund 200 VAL-Mitgliedern sind männlich.

Eine Umfrage unter den Mitgliedern hat ergeben, dass rund ein Drittel mit grossen finanziellen Einbussen rechnet, wenn die Sparmassnahme umgesetzt wird. Ebenso viele gaben an, sie würden in diesem Fall einen Stellenwechsel erwägen.

«Wir wurden von der regierungsrätlichen Absicht ohne Vorankündigung überrascht und waren schockiert», sagt Katrin Schenker. «Wir sind überzeugt: Da hat keine saubere Analyse stattgefunden. Wenn unser Bereich wirklich einen Sparbeitrag leisten müsste, gäbe es andere Möglichkeiten. So wurden die Bewilligungs- und Kontrollverfahren für Kinder mit schwerer Sprachbehinderung vor einigen Jahren extrem aufwendig ausgestaltet, etliche neue Stellen wurden geschaffen. Hier könnte man sparen – zulasten der Bürokratie, nicht der Kinder.»