Der Bestand an Geflügel hat im Aargau die Millionen-Grenze geknackt, wie die aktuellsten Zahlen des Kantons zeigen. Zum Vergleich: 2005 lag die Zahl noch bei knapp 730 000 Tieren – innert zehn Jahren erhöhte sie sich um rund 50 Prozent. Wobei etwa die Hälfte der Hühner Mastpoulets, die andere Hälfte Legehennen sind. Demgegenüber sind die Bestände an Rindvieh, Schweinen und Schafen stagniert oder gar gesunken.

«Die Nachfrage nach Poulet steigt», sagt Ralf Bucher. Der Geschäftsführer des Bauernverbands erklärt sich diese Entwicklung unter anderem mit dem Fitnesstrend. «Gesund, gut, günstig», fasst Bucher die Vorteile des Fleischs zusammen. Und auch Daniel Kneuss, Vize-Verwaltungsratspräsident und CEO der Kneuss Geflügel AG, sagt: «Der Konsument achtet wieder auf seinen Körper und seine Gesundheit. Da passt das Güggelifleisch in den Trainingsplan.» Die Verarbeiterfirmen melden gestiegene Absatzzahlen – und rechnen mit der Fortsetzung des Trends.

Insbesondere die Nachfrage nach inländischem Pouletfleisch wächst: Der Anteil der Produkte vom einheimischen Markt ist in den letzten Jahren stetig gestiegen, beträgt heute knapp 56 Prozent – verglichen mit anderen Fleischsorten aber immer noch ein tiefer Wert. Die grossen Fleischverarbeiter sind deshalb nach wie vor auf der Suche nach geeigneten Landwirtschaftsbetrieben. Die Firma Kneuss etwa arbeitet aktuell mit 70 Betrieben zusammen und ist «offen für neue Produzenten». Micarna sucht ebenfalls weitere Geflügelmäster, zusätzlich zu den bereits bestehenden Abnahmeverträgen mit 470 Betrieben.

Einer davon ist der Hof der Familie Keusch in Hilfikon. Letztes Jahr wurde dort ein neuer, grösserer Stall eingeweiht. Statt 4500 bietet dieser nun bis zu 12 500 Hühnern Platz. Eine Tendenz, die sich im ganzen Kanton beobachten lässt: Deutlich weniger Betriebe haben deutlich grössere Bestände. Verteilte sich das Geflügel 1980 auf knapp 3000 Höfe, sind es inzwischen unter 900. Der durchschnittliche Bestand hat sich rund verfünffacht.

Felix Keusch hat mit Micarna einen Fünfjahresvertrag abgeschlossen. Darin ist unter anderem die Zahl der Tiere festgelegt, die ihm das Unternehmen garantiert abnimmt. «Ich kann mit fixen Verdiensten rechnen.» Der Preis schwankt nur wenig – im Unterschied zum unbeständigen Milch- oder Schweinefleischmarkt können die Pouletproduzenten auf ein relativ stabiles Einkommen zählen.

Das Kompetenzzentrum der schweizerischen Geflügelwirtschaft Aviforum meldet mehr Anfragen von interessierten Bauern. Das Interesse habe in letzter Zeit spürbar zugenommen. Und Ralf Bucher sagt: «Da sich mit Milch oder Schweinefleisch zurzeit kaum Geld verdienen lässt, stellt die Pouletmast für viele Bauern eine Alternative dar.» Sorgen, dass sich nun zu viele Bauern dem Trend anschliessen könnten und es zu einem Überangebot kommt, macht er sich aber trotzdem nicht. «Der Markt lässt sich besser steuern als andere Märkte. Neue Ställe werden nur dann gebaut, wenn die Nachfrage da ist», sagt Bucher. Deshalb habe er «keine Angst vor leerstehenden Ställen».

Angst vor übermässiger Konkurrenz hat auch Landwirt Felix Keusch nicht: «Viele Bauern kommen für die Pouletmast gar nicht infrage, weil sie zu wenig Land besitzen.» Wer eine Bewilligung will, muss strenge Auflagen erfüllen. So ist etwa festgelegt, dass die Fläche des Betriebs ausreichen muss, um 70 Prozent des benötigten Futters produzieren zu können.

Die Auflagen für einen Pouletmastbetrieb sind hoch. Das bestätigt auch das Aviforum. Allen voran das Baubewilligungsverfahren stelle eine Hürde dar. Häufig sind die Vorbehalte gegen neue Ställe in der Nachbarschaft gross. Einsprachen vermögen in solchen Fällen, ein Projekt zu verzögern oder gar zu verhindern. Kurz: Alle wollen Poulet kaufen, aber kaum jemand will einen Mastbetrieb in der Nähe haben.