Sie wollten Silvester feiern. Am Schluss brannte das Haus. Die beiden Cousins, Adnan, 29, und Blerim, 26 (Namen geändert), zündeten in ihrem Garten vier Feuerwerksraketen. Mitgebracht hatte sie Adnans Schwager aus Österreich, als Gastgeschenk.

«Die Raketen gingen in den Himmel», sagen die Cousins. «Eine Rakete ging in den Balkon», sagt die Staatsanwaltschaft.

Fakt ist: Am 1. Januar 2013 brannte um Mitternacht das obere Stockwerk des Mehrfamilienhauses in Münchwilen; die Wohnungen der Nachbarn.

Erst fing die Sitzgruppe auf dem Balkon Feuer, dann frassen sich die Flammen bis in den Dachstuhl. Sie verbreiteten sich schnell – und «aufgrund der baulichen Begebenheit» praktisch unbemerkt, wie es im Strafbefehl heisst.

Vier der 2011 gebauten Wohnungen mussten komplett saniert werden. Der Schaden: 900 000 Franken. Die Aargauische Gebäudeversicherung musste bezahlen. Vorerst.

Die Polizei konnte in einem Ausschlussverfahren die beiden Cousins als Täter ermitteln. Beide zündeten tschechische Feuerwerksraketen der Marke «Klasek». Die Ermittlungen ergaben, dass eine solche Rakete den Brand verursachte.

Im April 2014 wurden Adnan und Blerim verurteilt zu einer bedingten Geldstrafe, einer Busse von 800 Franken und den Verfahrenskosten.

Damit waren die Cousins jedoch nicht einverstanden. Sie hielten Einsprache. Und diese wurde gestattet. Vergangenen Donnerstag kam es am Bezirksgericht Laufenburg zum Prozess.

Nicht abgestempelt werden

Als der Gerichtspräsident die Verhandlung eröffnet, stützen Adnan und Blerim fast synchron ihre Ellenbogen auf das Pult – und drücken ihre Gesichter in die Hände. Beide tragen Hemd und Jeans, Adnan hat die Haare nach hinten gegelt, Blerim trägt sie leicht zerzaust.

Adnan wechselt ständig seine Sitzposition. Wie er später sagen wird, wolle er auf keinen Fall einen Eintrag im Strafregister. Er wolle nicht abgestempelt werden als jemand, der sich nicht an die Regeln und Gesetze halte.

Deshalb sei er aus dem Kosovo überhaupt in die Schweiz gekommen: Um hier ein anständiges, besseres Leben zu führen.

Doch wegen des Verfahrens sei der Antrag auf einen Schweizer Pass sistiert. Und: Würden sie schuldig gesprochen, könnte die Gebäudeversicherung auf sie zurückkommen – alles wegen einer Feuerwerksrakete.

«Das Urteil werde ich heute nicht eröffnen», sagt der Gerichtspräsident. Es gäbe den einen und anderen Knackpunkt. Adnan blickt zum Anwalt, Blerim zu Adnan. Dann der Auftritt des Zeugen, Adnans Schwager aus Österreich. Der Richter sagt: «Manche bringen Wein oder Süssigkeiten als Gastgeschenk. Sie Raketen.»

  •  «Ich wollte den Kindern eine Freude machen», sagt der Schwager.
  •  «Haben Sie die Flugbahn der Raketen gesehen?»
  •  «Sie gingen nach oben.»
  •  «Wie tönte die Rakete?»
  •  «Wie eine Rakete. Es gab viel Feuerwerk. Überall.»

Adnan und Blerim geben zu, je zwei Raketen gezündet zu haben. Nur: Im Quartier hätten das auch andere getan. Vom Brand erfuhren sie, als sie wieder in der Wohnung waren und ein Nachbar klingelte: Das obere Stockwerk brenne, sie müssten raus.

Im Quartier hat niemand gesehen, wer oder was den Brand verursachte. Eine Begehung des Tatorts soll Klarheit schaffen. Gerichtspräsident, Gerichtsschreiberin, die Angeklagten und der Anwalt fahren zu Adnans Wohnung. Eine neue Mehrfamilienhaussiedlung; ein Mädchen sitzt auf einer Schaukel, ein Junge starrt auf sein ferngesteuertes Auto.

Wer hat die Rakete gezündet?

Adnan steht auf dem schmalen Rasenstück vor seiner Parterrewohnung. «Hier haben wir die Raketen in den Boden gesteckt.» Der Richter zieht sein Smartphone aus der Manteltasche und schiesst ein Foto.

«Da dürfte man niemals eine Rakete zünden», sagt er. Adnan und Blerim nicken. Sie hätten sich nichts dabei gedacht, damals am Silvester. Adnan möchte nun allen einen Kaffee anbieten. Der Richter lehnt ab. «Nicht während des Verfahrens», sagt er.

Zurück im Gerichtssaal. Der Anwalt hält sein Plädoyer: Es sei nicht bewiesen, dass der Brand durch die Rakete verursacht wurde. Man habe dort keine Raketen gefunden. Und selbst wenn es eine ihrer Raketen gewesen wäre: Man wüsste nicht, wer sie gezündet hätte.

Letzteres sieht auch der Richter so. Er fällt nun doch ein Urteil – und spricht sie frei. Dank der Begehung sei für ihn zwar klar: Eine ihrer Raketen hätte den Brand verursacht.

Weil sie diese jedoch getrennt gezündet hätten, gäbe es keinen gemeinsamen Tatentschluss. «Ihr habt zwar eine Dummheit gemacht, aber es gibt kein Gesetz, das diese Dummheit bestraft.»