Ausgewandert

Eine Aargauerin in Nicaragua: Freunde fehlen – und die Gemüsebouillon

Ex-TV-Moderatorin Mani Sokoll in Managua.Orlanda Valenzuela, «Nuevo Diario»

Ex-TV-Moderatorin Mani Sokoll in Managua.Orlanda Valenzuela, «Nuevo Diario»

Die frühere Tele-M1-Moderatorin Mani Sokoll arbeitet seit September in Nicaragua. Bereits wird sie mit einer lokalen Schriftstellerin verwechselt.

Nein, alle schweizerischen Gewohnheiten hat Mani Sokoll in Nicaragua nicht abgelegt. Zum Treffpunkt im Kaffee des Einkaufszentrums erscheint sie einige Minuten zu früh, das von den Ausländern im Lande gern und nicht grundlos kolportierte Klischee «Nica-Style – wait a while» soll ihr Leitfaden nicht sein. Sie bestellt einen Cappuccino.

Am 18. September des letzten Jahres kam Sokoll, im Aargau bekannt als ehemalige Tele-M1-Moderatorin, Eventorganisatorin und Mediatorin, in der Hauptstadt Managua an. Aufgabe: Als Kommunikationsfachfrau die Bildungsorganisation «Fe y Alegría» zu unterstützen. Tönt gut, ist es auch.

Der Anfang aber, der war brutal. «Ich hatte in der Schweiz nur wenig Zeit für die Vorbereitung. Und hier wurde ich ins kalte Wasser geschmissen: Am Freitagabend landete ich, am Montagmorgen gings im Büro los», erinnert sich die 53-Jährige. Dass entsprechend wenig Zeit für sprachliche, klimatische und schlaftechnische Anpassung blieb, liegt auf der Hand. Deswegen zu jammern, würde nicht ihrem Charakter entsprechen.

Das Klima spricht für Nicaragua

Sokoll ist eine Kämpfernatur – und bereit, ihrem Leben auch mal eine radikale Wendung zu geben, wenn die Umstände es verlangen. So schlägt sie sich durch die manchmal ermüdende, manchmal verstörend eintönige, immer aber lebendige Grossstadt Managua, so gut es geht. Kämpft mit der Wasserversorgung in ihrem Haus, die auch nach Monaten noch nicht richtig funktioniert. Ärgert sich so masslos über die Gleichgültigkeit gegenüber Tieren, dass sie seit zwei Wochen ein ausgesetztes Kätzchen aufpäppelt.

Fragt sich, wie sie sich verhalten soll, wenn im Büro alle händehaltend im Kreis stehen und für den kürzlich verstorbenen Gründungsvater beten. Sucht in einem Land, wo nur diejenigen kein Fleisch essen, die es sich nicht leisten können, nach vegetarischen Alternativen. Versucht aber – und das gelingt ihr meistens – vor allem das Positive aus ihrem neuen Leben herauszufiltern.

«Das Klima kommt zuerst», antwortet Sokoll auf die Frage nach ihren persönlichen «Nicaragua Top 5» und blickt nach draussen auf den sonnenversengten Parkplatz. Dann überlegt sie – und setzt einen weniger offensichtlichen Pluspunkt auf Platz 2. «Mir gefällt das kreative Chaos im Alltag wirklich sehr. Die Improvisationsfähigkeit, das Unreglementierte und somit auch Freiere und Spontane behagt mir. Statt Lamentieren handeln die Leute hier einfach, es bleibt ihnen oftmals gar nichts anderes übrig», sagt sie.

Sokoll spricht auf die Armut an, die auch über 35 Jahre nach der Sandinisten-Revolution noch an allen Ecken und Enden sichtbar ist – was auch mit den politischen Umständen zu tun hat. Die damaligen Ideale sind längst dem uneingeschränkten Machtanspruch der Grossfamilie rund um Präsident Daniel Ortega gewichen, die meisten der einstigen Mitstreiter haben sich abgespalten.

Auch wenn der Bildungs- und Gesundheitsstandard in den letzten Jahrzehnten gestiegen ist, lebt ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung weiterhin von der Hand in den Mund. «Ich kenne junge Leute, die oft nicht mal die benötigten fünf Rappen für den Bus nach Hause haben. Das trifft mich persönlich stark und ich muss lernen, mich abzugrenzen», sagt Sokoll.

Dass sie durch den Einsatz mit der Schweizer Organisation «Interteam» nur ein klein wenig mithelfen kann, die Lebensumstände der Leute zu verbessern, ist ihr bewusst. Wenn überhaupt: «Ich kenne die Entwicklungszusammenarbeit lange genug, um zu wissen, dass nach getaner Arbeit oftmals wenig zurückbleibt», sagt sie. Entsprechend hat sie die Ansprüche an sich selbst nach unten geschraubt und freut sich schon an kleinen Erfolgen – zum Beispiel, wenn ihre junge Mitarbeiterin dank ihrer Tipps an Auftrittskompetenz hinzugewinnt.

Es gab aber auch schon die grösseren Erfolge. Oder zumindest die sichtbareren. Kurz vor Weihnachten fuhren Busse mit Slogans von «Fe y Alegría» durch Managua, auch auf Plakatwänden waren sie zu lesen. Prominente Absolventen der eigenen Schulen animierten in einer zweiteiligen Serie die Bevölkerung zur Teilnahme an den Bildungsprogrammen. «Das war eine Riesengeschichte», sagt Sokoll und lächelt verschmitzt.

Sie vermisst nichts, fast nichts

Drei Jahre wird die Frau mit den üppigen Locken – weswegen sie regelmässig auf die Ähnlichkeit mit der in Zentralamerika bekannten Schriftstellerin Gioconda Belli angesprochen wird – in Managua leben. Drei Jahre, in denen sie nicht beabsichtigt, in die Schweiz zurückzureisen. Weshalb auch?

Auf die Frage, was sie am meisten aus der Heimat vermisse, sagt sie wie aus der Pistole geschossen: «Nichts!» Später fügt sie an, dass ihr selbstverständlich die Katzen, die Freunde und die tiefen Gespräche mit diesen fehlen, wobei die modernen Kommunikationsmittel den Schmerz lindern. «Heutzutage gibt es eigentlich keine gute Ausrede mehr, um nicht schnell ein Lebenszeichen zu geben», sagt sie und klopft aufs Smartphone auf dem Tisch.

Später sagt sie: «Ach ja, etwas vermisse ich auch noch: Gemüsebouillon! Die findet man hier nirgends.» Allzu akut kann das Verlangen freilich nicht sein. Mani Sokoll schiebt die Info eine Stunde später nach – per Whatsapp-Sprachnachricht.

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