Hilfswerk

Eine Aarauerin unterstützt mit ihrem Hilfswerk ein peruanisches Dorf

Aus der Not heraus gründete «aarau info»-Leiterin Danièle Turkier vor zehn Jahren ein Hilfswerk in den peruanischen Anden. Dank Spenden aus der Region Aarau konnten die Lebensbedingungen dort verbessert werden.

Irgendwann lief sie in Cusco aus einem der ungezählten Museen raus in den Regen, diesen immer gleichen, anhaltenden Regen, der das ganze Land aufweichte, und da stand das Zelt des Roten Kreuzes. Und da stand Ana, die sie willkommen hiess.

Das war der Anfang. Vor genau zehn Jahren, im Februar 2010. Die Aarauerin Danièle Turkier war auf ihrer zweiten Weltreise, hatte eigentlich vor, in den peruanischen Anden auf dem Inca Trail zum Machu Picchu zu wandern. Doch dann kam der Regen. Und blieb. Über Tage hinweg goss es wie aus Kübeln. Danièle Turkier sass in Cusco, der einstigen Hauptstadt des Inkareichs, fest. Ihre Zeit schlug sie in den Museen tot.

Hab und Gut mitsamt den Hütten weggeschwemmt

Und dann stand da das Zelt des Roten Kreuzes. Und Danièle Turkier fasste den Entschluss zu helfen. Was sie in den entlegenen Dörfern rund um Cusco zu sehen bekam, entsetzte sie. Menschen, denen der Regen ihr weniges Hab und Gut mitsamt den Lehmhütten weggeschwemmt hatte. Und das auf einer Höhe von rund 3500 Metern über Meer, wo es selbst im Sommer so kalt ist, dass die Butter steinhart bleibt.

Danièle Turkier wollte mehr tun. Sie sammelte Geld in ihrem privaten Umfeld in Aarau. Gemeinsam mit Krankenschwester Ana Isabel Rivera Salazar, einer Einheimischen, die sie im Zelt in Cusco kennen gelernt hatte, entschied sie sich für das Dorf Piñipampa, rund eine Stunde von Cusco entfernt.

Mit den Spendengeldern kaufte sie den obdachlosen Familien Salz, Pasta, Reis, Haferflocken und Zucker. Dass aus dieser ersten, spontanen Hilfe das Hilfswerk Con Corazón (mit Herz) entstehen würde, hätte sich Danièle Turkier – heute Geschäftsführerin von Aarau Standortmarketing und Leiterin von aarau info – nicht träumen lassen.

Forellenzucht und Gewächshäuser für Kinder

Heute finden in Piñipampa regelmässig Workshops statt, in denen Frauen das lokale Kunsthandwerk erlernen und mit eigenem Einkommen an Unabhängigkeit gewinnen. Und in Maranpaki Alto, einem Dorf auf 4300 Metern über Meer, steht seit 2016 ein Medical Center, in dem jedes Jahr 1700 Untersuche stattfinden.

Die Kinder besuchen ausserdem eine gut ausgestattete Schule und bekommen dank einer eigens gebauten Forellen- und Meerschweinchenzucht sowie mehrerer Gewächshäuser genügend zu essen. Und den Dorfbewohnern wurde gezeigt, wie ihre Alpakazucht dank dem Reinigen und Weiterverarbeiten der Wolle ein grösserer Teil der Wertschöpfung in der Region bleibt.

Pro Jahr unterstützt Con Corazón die beiden Gemeinden mit bis zu 50000 Franken. Doch mit Geld allein ist es nicht getan. Die Mitarbeit der Bevölkerung ist ein grosses Thema, dank eines Belohnungssystems: Wer für Con Corazón arbeitet, bekommt Behandlungsgutscheine für das Medical Center.

Vor Ort betreut werden die Projekte von Ana. Dafür stehen die beiden Frauen mehrere Male pro Woche in Kontakt. «Für Ana war es schon immer ein Traum, solche Projekte zu leiten», sagt Danièle Turkier. «Und ich kann ihr voll und ganz vertrauen.»

Sie selbst betreut den Verein von Aarau aus und ermöglicht, dass die Produkte der Frauen aus Piñipampa unter anderem am monatlichen Warenmarkt in Aarau von «El Tucán» verkauft werden. Und ständig spinnt sie ihr Netzwerk weiter, sammelt Spendengelder bei Bekannten und Organisationen.

So hat beispielsweise der Rotary Club Aarau das Medical Center finanziert, der Anbau mit Wartezimmer wurde mit einer Spende des Aarauer Früschluft-Yoga und das Labor von der Urma AG in Rupperswil bezahlt.

Turkier selbst reist alle zwei Jahre nach Peru. Im November 2019 war sie letztmals da, zwei Wochen lang. «Das war alles andere als erholsam», sagt sie und lacht. Nicht nur der vielen Termine wegen, sondern vor allem wegen der Höhe. Auf 4300 Meter über Meer ist jeder Schritt anstrengend, dazu kommt die Kälte.

Trotzdem; sie geht wahnsinnig gern hin. «Zu sehen, wie sich in den vergangenen zehn Jahren so viel zum Besseren gewandt hat, macht mich stolz.» Die Frauen, die nicht mehr über dem offenen Feuer kochen müssen, sondern nun geschlossene Öfen in ihren Hütten stehen haben. Die Kinder, die bei minus 20 Grad Celsius nicht mehr in Gummischlappen herumrennen, die Frauen, die dank ihrem Verdienst auf eigenen Beinen stehen, die sinkende Kindersterblichkeit – das alles macht Danièle Turkier glücklich.

Und auch im Staat selbst habe sich einiges getan, in Sachen Aufsicht beispielsweise, aber auch in Sachen Transparenz.

Kolonialzeit hallt noch immer nach

Doch die Arbeit ist noch nicht getan, noch liegt vieles im Argen. Das Thema Umweltschutz beispielsweise; Abfall lande mangels Entsorgungsstellen einfach irgendwo, die zum Feuern umgehauenen Bäume müssten dringend weiter aufgeforstet werden.

Ausgebaut werden muss auch das Medical Center. Ausserdem soll die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen vor Ort intensiviert werden, und es braucht dringend mehr Frauen, die für den Verkauf stricken.

Die letzten zehn Jahre waren lehrreich für Danièle Turkier. Sie, die Ungeduldige, hat sich an die peruanische Gemütlichkeit gewöhnen müssen. An die teilweise irritierende Unterwürfigkeit aus der Kolonialzeit, sobald eine weisse Person auftaucht. Und an eine ungewohnte Dankbarkeit: «Selbst die, die kaum etwas besitzen, bestehen darauf, mir Geschenke zu machen.»

Keine Frage, dass sich ­Danièle Turkier revanchiert: Tradition hat inzwischen ein Schweizer Znacht. Dann sitzen alle vom Team gemeinsam am Tisch, bei Raclette, Rösti oder Züri Gschnätzletem, eingemummelt in dicke Daunenjacken. Wenn dann noch draussen eines der vielen Gewitter tobt – auf dieser Höhe nicht über einem, sondern rund um einem herum –, dann fühlt sich Danièle Turkier dem Himmel ein kleines Stück näher.

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