Strohdachhaus

Ein verzweifelter Kampf für die letzte Scheune ihrer Art

In Kölliken, dem «Dorf der Strohdachhäuser», soll die letzte Hochstudscheune des Aargaus abgerissen werden. Eine kleine Gruppe will dies verhindern – doch die Zeit zerrinnt ihnen zwischen den Fingern.

Auf den ersten Blick ist es eine Bruchbude. Sonnenverbranntes Holz, Spinnweben unter dem tief hängenden Dach, davor aufgeplatzter Bodenbelag, aus dessen Narben Unkraut spriesst. Doch auf den zweiten Blick ist es ein Schatz. Etwas, das es so kein zweites Mal mehr gibt im Aargau, vielleicht sogar in der Schweiz: die Hochstudscheune an der Scheidgasse in Kölliken. Doch die Tage dieses wertvollen Zeugnisses der Baugeschichte sind gezählt. Im Dezember soll die Scheune abgerissen werden, die Abbruchbewilligung ist seit Januar 2017 rechtskräftig. Auf der Parzelle sollen Mehrfamilienhäuser entstehen.

Doch gegen diesen Abriss regt sich Widerstand. Eine Initiativgruppe mit dem Namen «Kölliker für die Rettung der Hochstudscheune» will das Ende der letzten Hochstudscheune nicht einfach so hinnehmen. Andrea-Carlo Polesello, Ruedi Lüthi und Strafrechtsprofessor und oberster Schweizer Heimatschützer Martin Killias, die vierte Person möchte anonym bleiben. Sie wollen die Scheune retten. In letzter Minute.

Ein Rundgang wie eine Zeitreise

Andrea-Carlo Polesello leuchtet ins Dunkel. Im Schein der Lampe ziehen sich breite Lederriemen durch den Raum, alte Transmissionsriemen, da liegen Jutesäcke auf einem Stapel, dort steht eine Schubkarre, an einem Nagel an der Wand hängen Seile, alles ist ummantelt von Staub und Spinnweben, einfarbig braun-grau. «Das ist wie eine Zeitreise», sagt Polesello und zündet in eine Ecke der ehemaligen Küferwerkstatt, wo noch die Schablone für die Fassdauben lehnt, seit 60 Jahren unberührt. Unter dem Dach leuchtet er ins Gebälk, zeigt die Besonderheiten der Dachkonstruktion, die Markierungen der Zimmerleute, im Hinterhof erklärt er die Würfelmotive auf dem bemalten Tor zum Tenn, auch das eine Seltenheit. Und dann seufzt er: «Wenn nicht sofort etwas passiert, landet das alles in der Mulde.»

Es ist nicht so, dass Polesello und seine drei Mitstreiter die einzigen wären, die den Wert der Hochstudscheune erkannt haben. Die Kantonsarchäologie, die Denkmalpflege, der Heimatschutz, selbst Fachleute für historische Holzbauten haben das Objekt untersucht und stufen es als einmalig und erhaltenswert ein. Doch retten können die sie alle nicht. Die Kantonsarchäologie kann nur dokumentieren und nicht retten, die Denkmalpflege kann nicht einfach eigenmächtig ein Gebäude unter Schutz stellen, dem Heimatschutz fehlt das Geld, ebenso wie dem Freilichtmuseum Ballenberg.

Scheune einfach zügeln?

Also streckt die Initiativgruppe die Fühler in alle Richtungen aus. Denn könnte die Scheune nicht am jetzigen Standort stehen bleiben, müsste man sie zügeln. «Hochstudhäuser sind Fahrnisbauten, die sich bei entsprechender Fachkenntnis demontieren und an anderer Stelle wieder aufbauen lassen», sagt Polesello.

Einen entsprechenden Spezialisten für diese Arbeiten haben die Initianten bereits gefunden, ebenso schwebt ihnen ein ganz konkreter Platz vor: «Optimal wäre es, wenn die Scheune direkt neben dem Dorfmuseum zu stehen käme, auf dem Platz vor dem Coop», sagt Polesello. Um die Unterstützung von Coop zu haben, könnte sich die Gruppe ein Café oder einen Dorfmarkt in der Scheune vorstellen. Ein entsprechendes Bittschreiben hat die Gruppe Anfang Oktober direkt an Coop-Präsident Hansueli Loosli geschickt, eine Antwort steht noch aus. Alternativen wären ein Standort beim Dorfplatz, beim Spittel oder auf dem Besucherparkplatz der Raiffeisenbank.

Viele Knacknüsse. Und die allergrösste Knacknuss: die Kosten. Fürs Demontieren, Umziehen, Aufrichten und für das Einrichten einer neuen Nutzung schätzt Polesello diese auf eineinhalb Millionen Franken. Geld, das die Initiativgruppe nicht im Entferntesten zusammen hat. Doch Polesello gibt sich kämpferisch. «Es gibt unglaublich viel Geld in der Schweiz, das bei Crowdfunding aufgetrieben und in gute Sachen gesteckt wird.» Bloss kennt er auch das Handicap: «Eine Hochstudscheune ist nicht herzig oder bemitleidenswert, das ist ein Liebhaberding. Geschichte und Traditionen müssen für einen einen bestimmten Wert haben.» Für so etwas Geld zu sammeln, sei schwierig. Hoffnung setzt die Initiativgruppe jetzt in die Bevölkerung. Eben hat sie auf petitio.ch eine Petition lanciert. «Wir hoffen, dass wir so zusätzlichen Rückhalt generieren können», sagt Polesello. Wenigstens ein Zeichen setzen wolle man.

Doch wie man es auch dreht und wendet: Es schaut nicht gut aus für die Hochstudscheune. Das weiss Polesello. Und die Zeit zerrinnt. Noch bleiben ein paar Wochen. Doch Polesello will nicht aufgeben. Noch nicht. «Es bleibt die Hoffnung, mindestens einen Teil der Scheune zu retten.» Er müsse einfach etwas tun, er könne nicht tatenlos zuschauen. «Es ist unser Erbe, ein Stück unserer Dorfgeschichte, das wir hier abreissen.» Das Wissen zu unserer Herkunft bilde den Boden für alles, was wir uns heute aufbauen. «Für unser Erbe zu kämpfen, ist jede Anstrengung wert.»

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