Prozess in Kulm

Ein Vater verliert die Beherrschung – mit fatalen Folgen für seine Tochter

Ein Vater schüttelte seine sechs Wochen alte Tochter so stark, dass die heute Dreijährige seither schwer behindert ist und in einem Heim lebt.

Ein Vater schüttelte seine sechs Wochen alte Tochter so stark, dass die heute Dreijährige seither schwer behindert ist und in einem Heim lebt.

Ein Vater schüttelte seine sechs Wochen alte Tochter so stark, dass die heute Dreijährige seither schwer behindert ist und in einem Heim lebt. Vor Gericht stritt der Mann die Tat zwar ab, verurteilt wurde er trotzdem.

Die Puppe sitzt auf dem Stuhl links aussen. Neben ihr die Richterinnen und Richter des Bezirksgerichts Kulm. Gegenüber der Angeklagte, Vater einer schwerst behinderten dreijährigen Tochter. Sie wird ihr Leben lang auf fremde Hilfe angewiesen sein. Und das ist seine Schuld.

Vor Gericht wird klar, wie gravierend die Hirnverletzungen des Mädchens sind: Sie kann nicht sitzen, nicht sehen, nicht laufen. Ein Schütteltrauma stellten Mediziner als Ursache fest. Welcher Vorfall dazu geführt hat, ist vor Gericht umstritten – zwei verschiedene Versionen kursieren.

Wenige Sekunden reichen

Die Erklärung des Vaters: Die Tochter verschluckte sich, als er ihr den Schoppen gab. Weil sie keine Luft mehr bekam, klopfte er ihr auf den Rücken und beatmete sie. «Ich habe Panik gekriegt», sagt er. Ob er sie deshalb ruckartig bewegt habe, könne er nicht mehr sagen. Die Vorwürfe, er habe durch grobes Schütteln ihr Geschrei stoppen wollen, streitet er vehement ab. «Ich habe sie nicht geschüttelt.»

Eine andere Version präsentiert der medizinische Gutachter. Er hält die Puppe in den Händen, die extra organisiert worden ist, um zu demonstrieren, was mit einem Säuglingskörper passiert, der grob geschüttelt wird. Der Gutachter schüttelt sie zuerst leicht, dann heftig.

Der Kopf der Puppe fällt auf den Boden. Sie sei nicht geeignet, um zu zeigen, was er zeigen wollte, sagt der Gutachter und setzt den Kopf wieder drauf.

Ohne Puppe erklärt er dann, wie es zu einem Schütteltrauma kommt. Der Kopf wird nach vorne und dann wieder nach hinten geschleudert. Die Nackenmuskulatur ist noch zu schwach, der Kopf im Verhältnis zum Körper sehr schwer.

Gefässe können dabei verletzt werden, wodurch das Gehirn anschwillt und Schaden nimmt. «Dafür reichen bereits wenige Sekunden schütteln.»

Sein Fazit: Die Erklärung des Vaters kann nicht stimmen. «Die Schädigungen lassen sich so bei weitem nicht erklären, die Bewegungen sind zu sanft dafür.»

Schüttle nie ein Baby – dieses Präventionsvideo warnt vor dem Schütteltrauma.

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Die Mutter des Mädchens verfolgt den Prozess direkt hinter ihrem Mann, mit dem sie inzwischen in Deutschland lebt. Als Auskunftsperson ist sie vorgeladen, doch Auskünfte erhalten die Richter von ihr kaum. «Daran kann ich mich nicht erinnern», sagt sie immer wieder.

Der Vorfall liege zu lange zurück. Auch als sie der Gerichtspräsident mit ihren früheren Aussagen konfrontiert, bleibt sie dabei. Bei der Einvernahme hatte die gelernte Kinderpflegerin unter anderem ausgesagt, sie habe ein Geräusch gehört wie ein Stottern, wenn jemand über Pflastersteine fährt.

Wieder von den Zuschauerrängen aus hört sie, wie der Verteidiger für ihren Mann einen Freispruch fordert: «Er ist umfangreich und lebenslang bestraft.»

Anders sieht dies der Staatsanwalt: «Der Vater hat eine Grenze überschritten – mit fatalen Folgen.» Das Kind werde nie selbstständig leben können. «Er hat die Tochter kräftig geschüttelt, um das nervige Schreien abzustellen.»

Im Fall einer Verurteilung wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung fordert er 12 Monate Freiheitsstrafe bedingt, bei einer eventualvorsätzlichen schweren Körperverletzung zweieinhalb Jahre Freiheitsstrafe teilbedingt.

Keine Besuche seit Jahren

Die Anwältin der Privatklägerin verlangt darüber hinaus eine Genugtuung von 100 000 Franken für das Mädchen, das in einem Schweizer Heim lebt. «Sie bleibt für den Rest ihres Lebens schwer behindert.» Der Beschuldigte zeige bis heute weder Reue noch Mitgefühl, stattdessen bringe er Ausreden vor, warum er sie seit drei Jahren nie besucht hat. «Das Gericht soll ihn daran erinnern, dass er eine Tochter hat. Er lässt sie im Stich.»

Der Vater wird wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung schuldig gesprochen und zu einer einjährigen bedingten Freiheitsstrafe verurteilt. Der Gerichtspräsident sagt, der Beschuldigte habe sich zur Tat verleiten lassen, weil er sich über das Geschrei geärgert und letztlich «die Beherrschung verloren» habe.

Am folgenden Tag, so kündigen die Eltern am Prozess an, wollen sie ihre Tochter zum ersten Mal seit ihrem Wegzug besuchen. Der Vater sagt: «Ich hoffe, dass es ihr viel besser geht.»

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