Der Wolf kann kommen. Der Aargau ist bereit. Wohl auf kein anderes Ereignis ist der Kanton schon so lange gründlich vorbereitet: Genau genommen schon seit 1824. Vor 195 Jahren hat die «hohe Regierung» genaue «Instruktionen» verabschiedet, was zu tun ist, wenn im Aargau Wölfe auftauchen sollten. Nur weiss das heute fast niemand mehr. Es ist auch anzunehmen, dass die damalige «Instruktion wegen Wolfsjagden» bis heute nicht explizit ausser Kraft gesetzt worden ist. Grund genug, sich aus aktuellem Anlass mit dem Erlass zu beschäftigen, der damals «im Einverständnis mit den löblichen Kantonen Solothurn und Basel» verabschiedet wurde.

Die Instruktionen verlangen ein konsequentes Vorgehen: Wenn irgendwo im Kanton ein Wolf gesichtet wird, soll er möglichst bald erlegt werden. Bei der Wolfsjagd gilt es allerdings einige Regeln zu beachten. Grundsätzlich gilt: «Beim Treiben und Schiessen wird ein muthvolles Benehmen und zugleich grösste Vorsicht anempfohlen.» Die Treiber «sollen nicht mit Schiessgewehren versehenen sein, wohl aber können sie mit Stöcken, Spiessen und Säbeln bewaffnet sein.» Die Treiber dürfen auch in die Trickkiste greifen: «Das Treiben mittelst Rauchfeuer, wenn der Wind gegen die Schützen zieht, ist sehr zu empfehlen. Das Tabakrauchen hingegen ist untersagt. Denn die Wölfe riechen den Tabak von Weitem, sie werden dadurch gewarnt und bringen sich in Sicherheit.» Wenn es notwendig ist, dürfen auch Reviergrenzen überschritten werden; bei der Wolfsjagd gilt dies nicht als Frevel.

Aargauer Waffenrecht

Und was die Schützen betrifft: 1824 gibt es noch kein europäisches Waffenrecht, da muss das aargauische genügen; der Passus für die Wolfsjagd ist ganz einfach: «Der Aufseher darf Niemanden als Schütz bestellen, der nicht entweder Antheilhaber an einer Jagd oder sonst erprobter Jäger oder Schütze ist.» Wird ein Wolf gesichtet, müssen in «gehöriger Zeit» auch die benachbarten Aufseher informiert werden, «damit man gefasst sey und die Raubthiere nicht in allfällig ungerüsteten Gegenden jagen».

Streng genommen geht gemäss Instruktionen also gar nicht, was der Kanton aktuell im Fall des kürzlich in die Fotofalle getappten Wolfes getan hat: dass das Eindringen des Wolfes auf das Territorium des Kantons Aargau weitgehend verschwiegen wird.

Auch die Frage der Entschädigung ist seit bald 200 Jahren bis ins Detail geregelt: «Für die Erlegung eines Wolfes wird von dem Polizeidepartement eine Prämie von Fr. 60 entrichtet werden; in dem Verstand, dass die eine Hälfte dem Erleger, die andere der treibenden Mannschaft, der Wolf selbst aber sämtlichen zur Jagd berufenen Schützen zukommen soll.»

Falls der Wolf wirklich kommen sollte, wir sind wirklich gut vorbereitet. Bevor der Kanton die «Instruktionen» von 1824 an die Jagdgesellschaften verteilt, sollte er vielleicht einzig die Entschädigung pro erlegten Wolf etwas nach oben anpassen.