Verkehr
Ein Strauss an Massnahmen soll den Baldeggtunnel ersetzen

Nach dem Aus des Baldeggtunnels hält der Kanton am Ziel fest, die Agglomerationen Brugg und Baden vom Verkehr zu entlasten sowie das Untere Aaretal besser an die Autobahn A1 anzubinden. Nun hat der Kanton neue Ideen präsentiert.

Martin Rupf und Nadja Rohner
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Die Zollbrücke in Koblenz wird zurzeit saniert. Drängen sich bald weitere Grenzübergänge auf?
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Der Schulhausplatz in Baden wird bald saniert. Braucht es darüber hinaus noch einen Umfahrungstunnel?
Vor allem Durchgangsverkehr zwängt sich durch den «Neumarkt-Knoten» in Brugg. Braucht es weitere Umfahrungen?
OASE - Kanton präsentiert neue Ideen

Die Zollbrücke in Koblenz wird zurzeit saniert. Drängen sich bald weitere Grenzübergänge auf?

AZ-Archiv

Ziemlich überraschend verkündete der Regierungsrat letzten Herbst das Aus für den Baldeggtunnel. Die geschätzten 880 Mio. Franken Kosten stünden in keinem Verhältnis zum erhofften Nutzen lautete damals die Begründung.

Gegner des Projekts begrüssten den Entscheid und lobten den Mut des neuen Regierungsrats Stephan Attiger. Die Befürworter – allen voran Vertreter des Zurzibiets – zeigten sich enttäuscht. Und alle fragen sich seither, was nun auf den Baldeggtunnel folgen wird, zumal die Verkehrsprobleme nicht weniger werden.

Ursprüngliche Ziele bleiben bestehen

Am Freitag beantwortete Stephan Attiger diese Frage. Das Wichtigste vorweg: Einen «Ersatz» in Form eines alternativen, einzelnen Bauwerks wird es nicht geben. Vielmehr soll ein ganzer Strauss an Ideen, Projekten und Massnahmen die Verkehrssituation im Ostaargau verbessern.

Stephan Attiger, Aargauer Baudirektor: «Verkehrsbelastung in den Agglomerationen ist zu einem grossen Teil hausgemacht.»

Stephan Attiger, Aargauer Baudirektor: «Verkehrsbelastung in den Agglomerationen ist zu einem grossen Teil hausgemacht.»

Alex Spichale

Zu diesem Zweck schloss sich Ende 2013 das Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) mit den betroffenen Regionalplanungsverbänden im Projekt «Ostaargauer Strassenentwicklung» (Oase) zusammen. «Dabei sind die ursprünglichen Zielsetzungen bestehen geblieben», betont Attiger.

Konkret: Die beiden Agglomerationen Brugg und Baden sollen vom Verkehr entlastet, das Untere Aaretal besser an die Autobahn A1 angebunden werden. «Gemeinsam mit den Regionen suchen wir jetzt nach Lösungen, die über den Verkehr hinaus gehen – also auch Themen wie Siedlung oder Wirtschaft berücksichtigen.»

Eher wenig Durchgangsverkehr

Um zu diesen Lösungen zu gelangen, berücksichtigt man Zukunftsprognosen über die Bevölkerungs- und somit auch Verkehrsentwicklung bis ins Jahr 2040.

Nicht minder spannend sind aber die Resultate der aktuellen Verkehrs-Erhebung – Resultate aus der 2012 im Grossraum Baden durchgeführten Nummernschilderhebung und Analysen. «Diese zeigen uns, dass die Verkehrsbelastung in den Agglomerationen zu einem grossen Teil hausgemacht ist», sagt Attiger.

Der Durchgangsverkehr habe in Relation zum regional verursachten Verkehr eine untergeordnete Bedeutung. «Über den ganzen Perimeter betrachtet, macht der Ziel-/Quellverkehr 85 Prozent aus», sagt Carlo Degelo, Leiter Sektion Verkehrsplanung beim Kanton: Wobei es regionale Unterschiede gebe. So ist der Anteil des Durchgangverkehrs in Brugg einiges höher als etwa in Baden.

«Basierend auf diesen Erkenntnissen will der Kanton nun zusammen mit den Regionen bis in der zweiten Hälfte 2015 ein Gesamtkonzept vorstellen, um dann anschliessend ein allfälliges Richtplanverfahren zu starten», erklärt Attiger.

Vor zwei Wochen haben bereits die ersten Gemeindeworkshops stattgefunden, um Ideen und Bedürfnisse aufzunehmen. «Bei der Suche nach Lösungen sollen, anders als beim Baldeggtunnel, alle Verkehrsträger – also nicht nur der motorisierte Individualverkehr – berücksichtig werden», sagt Attiger.

In diesen Workshops seien auch schon erste, unverbindliche Ideen gewälzt worden: Braucht es in Baden einen Schlossbergtunnel, um das Zentrum weiter zu entlasten? Drängt sich in Brugg/Windisch wegen des vielen Durchgangverkehrs eine Süd-Ost-Umfahrung auf? Oder würde im Unteren Aaretal eine Verkehrsentlastung in Station Siggenthal/Würenlingen mit einer Umfahrung Sinn machen, und braucht es eventuell eine zusätzliche Rheinquerung bei Koblenz Ost?

Stephan Attiger betont, dass in der Region Baden/Brugg/Zurzach bereits jetzt und bis zum Vorliegen der neuen Ideen zahlreiche Projekte zur Verbesserung der Verkehrssituation vorangetrieben werden. «Ich denke dabei etwa an das Verkehrsmanagement Baden und Brugg, die Südwestumfahrung Brugg oder die Sanierung der Rheinbrücke in Koblenz.»

Die Reaktionen

Mit positivem Echo ist das Projekt «Oase» aufgenommen worden – auch beim Planungsverband Zurzibiet Regio, der auf das Aus des Baldeggtunnels noch enttäuscht reagiert hatte. Reto S. Fuchs, Gemeindeammann von Bad Zurzach, vertrat den Planungsverband Zurzibiet Regio. Nun hat der Wind gedreht: Fuchs zeigte sich «sehr glücklich» darüber, dass der Fokus nicht mehr auf einer grossen Einzellösung liege. «Wenn man vom Baldeggtunnel träumt und darauf vierzig Jahre warten muss, bringt das auch nicht viel. Mit vielen kleinen Massnahmen kommen wir schneller ans Ziel.»

Konkret müssen für den Verkehrsknoten Würenlingen/Siggenthal, für die Rheinübergänge und die Einfahrtsstrecken nach Baden und Brugg genau Lösungen gefunden werden. Fuchs: «Die Verkehrszahlen zeigen überraschenderweise, dass die Zurzibieter nicht primär auf die A1 wollen. Viel eher zieht es sie in die Zentren.» Nach Zürich gelangen Zurzibieter relativ problemlos via Rhein- oder Surbtal - nicht aber in den Raum Baden/Brugg.» Zudem, so Fuchs, wäre der Baldeggtunnel «ein reines MIV-Projekt gewesen». Man sei nun «dankbar, dass sich nun der Fächer öffnet und auch der öffentliche und Langsamverkehr einbezogen werden». Für das Zurzibiet sei beispielsweise eine Direktverbindung Bad Zurzach-Zürich ein Thema.

«Ich bin glücklich, dass der Fokus nicht mehr auf einer grossen Einzellösung liegt», sagt Reto S. Fuchs, Vorstandsmitglied von Zurzibiet Regio. Denn es bringe nichts vom Baldeggtunnel zu träumen, wenn man dann doch 40 Jahre auf diesen warten müsse. «Mit vielen kleinen Massnahmen kommen wir schneller ans Ziel», glaubt Fuchs. Jetzt müssten für den Verkehrsknoten Würenlingen/Siggenthal, für die Rheinübergänge und die Einfahrtsstrecken nach Baden und Brugg Lösungen gefunden werden.

Erfreut zeigt sich auch Markus Dieth, Präsident von Baden Regio: «Mit dem Einbezug der Regionen kann es zum Funktionieren kommen; das führt bestimmt zu besseren Lösungen.»

Und Daniel Moser, Präsident von Brugg Regio, ergänzt: «Der eingeschlagene Weg mit dem Einbezug der Gemeinden ist der richtige, weil er zu Lösungen führen kann, die alle mittragen.» Auch die IG Baldegg, die sich seinerzeit für die Tunnelvariante starkmachte, äussert sich positiv: «Mit Befriedigung nehmen wir Kenntnis, dass der Kanton unsere grundsätzlichen Ziele weiterverfolgt, erwarten jetzt aber eine rasche Weiterentwicklung der Grobkonzepte.»

Die IG Baldegg zeigt sich beeindruckt von den durch das BVU «sorgfältig bearbeiteten Massnahmen», wie sie in einer Mitteilung schreibt. Thierry Burkart, Präsident der IG Baldegg: «Die präsentierten Grobkonzepte sind mit Hochdruck mit den Regionen weiterzuentwickeln. Wir fordern, dass ein Verfahren für allfällige Richtplananpassungen nächstes Jahr gestartet wird.» Mit Befriedigung nehme sie zur Kenntnis, dass das BVU nach wie vor die gleichen grundsätzlichen Ziele wie die IG Baldegg verfolgt, nämlich das Untere Aaretal besser an das Nationalstrassennetz anzubinden sowie Baden und Brugg wirksam vom Durchgangsverkehr zu entlasten. Wegen der veränderten Ausgangslage hat sie ausserdem beschlossen, den eigenen Namen zu ändern. 

(nro/mru)