Kommentar

Ein Sieger, ein Unterlegener und eine Verliererin

az-Chefredaktor Christian Dorer analysiert das Ergebnis des zweiten Ständeratswahlganges. Philipp Müller wurde am Ende klar in das Stöckli gewählt, der «stille Schaffer» Knecht wurde zweiter und Ruth Humbel landete auf dem dritten Platz.

Mit Philipp Müller haben sich die Aargauerinnen und Aargauer für die stärkste der drei Persönlichkeiten entschieden, die zum zweiten Wahlgang angetreten sind. Er hat, auch kraft seines Amtes als Präsident der FDP Schweiz, den grössten Einfluss in Bundesbern. Mit diesem Wahlausgang hat auch die absurde Losung der SP Schiffbruch erlitten, die lautete: lieber einen schwachen Knecht als einen starken Müller. Aus linker Sicht mag das sogar stimmen. Der Aargau aber braucht starke Vertreter in Bern. Wer sich aus parteipolitischen Überlegungen schwache wünscht, der handelt rein ideologisch und nicht im Interesse der Bevölkerung.

«Ich bin sehr stolz»: Der Schweizer FDP-Präsident Philipp Müller gewinnt den zweiten Aargauer Ständeratswahlgang. (22.11.2015)

«Das riecht nicht nach Zufall»: Der Schweizer FDP-Präsident Philipp Müller gewinnt den zweiten Aargauer Ständeratswahlgang.

Die SVP hat nach Ulrich Giezendanners Wahlschlappe 2011 ihre Lehren gezogen. Sie trat nicht mehr mit einem Polteri an, sondern mit ihrem hochanständigen Nationalrat Hansjörg Knecht. Diese Taktik war richtig: Knecht ist einem Wahlsieg deutlich näher gekommen als Giezendanner vor vier Jahren. Gereicht hat es trotzdem nicht. Zum einen hatte Knecht Pech, dass er mit Müller einen schwergewichtigeren und schlagfertigeren, aber ebenso bürgerlichen Konkurrenten hatte; da reichten konziliantes Auftreten und das Mantra des «stillen Schaffers» nicht aus. Zum anderen kommt es im zweiten Wahlgang gern zu einer Korrektur des Vormarsches der SVP. Deshalb erstaunt es wenig, dass die Aargauerinnen und Aargauer nicht auch noch eine dominante Rolle der SVP in der Ständeratsvertretung wollen. Auch im Aargau wachsen die Bäume der SVP nicht in den Himmel.

Musste im zweiten Wahlgang den ersten Platz abgeben: SVP-Kandidat Hansjörg Knecht.

Musste im zweiten Wahlgang den ersten Platz abgeben: SVP-Kandidat Hansjörg Knecht.

Die grosse Verliererin des Wahlsonntags heisst Ruth Humbel. Die CVP-Nationalrätin hatte gegen ihre beiden Konkurrenten keine Chance, das war nach dem ersten Wahlgang klar. Dass sie überraschend trotzdem nochmals antrat, sorgte selbst in ihrer eigenen Partei für Unmut. Denn bestand die Gefahr, damit Müller Stimmen wegzuschnappen und Knecht zu ermöglichen – die FDP aber ist der CVP deutlich näher als die SVP. Der Ärger über Humbels Hochrisikospiel wird verfliegen. Nachhaltiger schaden wird ihr, dass sie sich bei den Linken anbiederte, um deren Stimmen zu erhalten – weitgehend vergeblich, wie sich jetzt herausstellt. Humbel und die CVP stehen nun im Ruf, für den kurzfristigen Nutzen Prinzipien anzukratzen. 2016 stehen Grossratswahlen an. Manch bürgerlich denkender CVP-Wähler könnte sich fragen, ob er eine Partei wählen soll, die nach links schielt, wenn es im Moment gerade nützt.

Enttäuscht – aber mit Blick nach vorne: Ruth Humbel verliert den zweiten Aargauer Ständeratswahlgang.

Enttäuscht – aber mit Blick nach vorne: Ruth Humbel verliert den zweiten Aargauer Ständeratswahlgang.

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