Polefitness
Ein «Pummelchen»-Trauma brachte diesen Aargauer an die Stange – heute ist er der Hahn im Korb

David Ryffel ist einer der wenigen Männer, die sich an die Stange wagen. Durch Zufall kam er zu diesem Sport und ist seither begeistert davon. Dass ein Mann Polefitness macht, ist für viele Leute irritierend, denn oft wird er noch mit dem Rotlichtmillieu in Verbindung gebracht.

Marina Stalder
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David Ryffel ist seit einem Jahr der einzige Mann in der Region, der Polefitness macht.

David Ryffel ist seit einem Jahr der einzige Mann in der Region, der Polefitness macht.

Im lichtdurchfluteten Zimmer stehen einige Stangen vor einer grossen Spiegelwand, daneben sind Hanteln aufgetürmt. Das Coremotion-Studio in Zofingen hat mehr mit einem Fitnesszentrum gemein, als mit dem anrüchigen Milieu, mit welchem das Polefitness oft in Verbindung gebracht wird. Dass diese Verknüpfung falsch ist, stellen Vanessa Attinger und David Ryffel gleich selber an der Stange klar. Sie ist Polefitness-Instruktorin und Geschäftsführerin von Coremotion, er ist selbstständiger Werbedesigner – und einziger Mann in der Region, der Polefitness macht. Bei einer gemeinsamen Übung ist schnell erkennbar, dass es sich um eine anspruchsvolle Sportart handelt, die viel Kraft erfordert. «Es braucht ungefähr 30 Trainingsstunden, bis ein Anfänger Übungen an der Stange ausführen kann», erklärt Vanessa Attinger.

Sportmuffel an der Stange

«Ich habe ein Trauma vom Schulsport. Früher haben mich alle Pummelchen genannt und über mich gelacht, weil ich die Kletterstange nicht hochklettern konnte», erzählt David Ryffel. Heute macht der 27-Jährige wieder gerne Sport – vor allem an der Stange. «Es motiviert mich enorm zu sehen, wie weit ich in der kurzen Zeit bereits gekommen bin.» Begonnen hat der Oftringer vor ungefähr einem Jahr, aufgrund verschiedener Verletzungen und Abwesenheit musste er aber beinahe ein halbes Jahr pausieren. «Jetzt trainiere ich wieder und gebe Vollgas», sagt er und lacht.

«Ich habe mein Auto von ihm beschriften lassen und ihn dann gleich ins Polefitness mitgenommen», erzählt die 29-Jährige, dank der David Ryffel zum Polefitness gekommen ist. Die Sportart habe Ryffel von Beginn an begeistert. «Es gibt nur dich und die Stange. Wenn etwas nicht funktioniert, kannst du es auf niemanden schieben – du kannst nur weiter an dir selber arbeiten.» Obwohl der Werbedesigner überaus perfektionistisch und ambitioniert veranlagt ist, habe er nicht vor, selber an einem Polefitness-Wettkampf teilzunehmen. «Für so etwas bin ich doch ein wenig zu alt», sagt David Ryffel und schmunzelt.

Hahn im Korb

Dass ein Mann Polefitness macht, ist für viele Leute irritierend – hält sich schliesslich hartnäckig das Klischee, dass sich die Sportart in Frauenhand befindet. «Dies entspricht keineswegs der Realität. Gerade im Wettkampfbereich sind die Männer dominierend, weshalb die Sportart nie nur einem Geschlecht zugeordnet wurde», klärt Vanessa Attinger auf, die selber seit vier Jahren Polefitness macht. Dennoch sei das Bild der Frau, die an der Stange tanzt, in den Köpfen der Menschen verankert. «Ich habe diesbezüglich auch viele Sprüche anhören müssen. Zum Beispiel wurde ich gefragt, ob ich im Training Strapse trage», erzählt David Ryffel. Seine Familie findet sein sportliches Hobby aber gut und auch seine Freunde unterstützen ihn. «Und das zählt für mich.»

Für ihn sei es auch kein Problem, im Studio alleine unter Frauen zu trainieren. «Es herrscht eine sehr familiäre Stimmung, ich wurde von Beginn an akzeptiert und wir helfen uns bei schwierigen Übungen gegenseitig.» Dennoch wäre ein grösseres Angebot für Männer wünschenswert. «Bei Frauen steht beim Polefitness eher die Ästhetik im Vordergrund, während Männer hauptsächlich im Bereich der Akrobatik arbeiten», erklärt Ryffel. Dies erfordere eine unterschiedliche Gangart und ebenso härtere Übungen. «Die Studios müssen den Männern entsprechende Angebote machen, sonst kommen sie nicht. Die Hemmschwelle müssen wir gemeinsam senken», so Vanessa Attinger. Dazu möchte auch David Ryffel beitragen. «Im Herbst werde ich Pump-Instruktor und ich will auf jeden Fall auch als Polefitness-Instruktor tätig werden, damit vielleicht einmal im Monat ein Mann das Training leitet.»

Kategorisierung ist ein Problem

Nach ihrem Polefitness-Auftritt an der Sportstars-Gala erhielt das Team um Vanessa Attinger für seine Leistung positive Rückmeldungen aus der Bevölkerung. Dies sei jedoch nicht immer so gewesen. «In Zofingen haben viele Leute den Kopf weggedreht, als wir vor drei Jahren das Studio eröffneten», erzählt Attinger. Sie wolle diesen aber zeigen, dass das Polefitness seine Wurzeln in der Akrobatik habe. «Im chinesischen Zirkus wurden schon sehr früh auch Übungen an der Stange vorgeführt.» Dass der Sportart aber noch heute die Verbindung mit dem Rotlichtmilieu anhaftet, weiss die Oftringerin aus eigener Erfahrung. «Einmal wollte ein Zuhälter eine Frau zum Training vorbeibringen. Da war ich ziemlich perplex.»

Aus diesem Grund würden sich auch viele, die den Sport ausüben, nicht trauen, ihrem Umfeld davon zu erzählen. Um den Leuten aber zu zeigen, was Polefitness wirklich ist, trage das Team an Aufführungen sportliche und keine aufreizende Kleidung. «Ebenso haben wir im Sommer die Fenster geöffnet, damit die Leute sehen können, was wir genau machen», erklärt Vanessa Attinger. «Bei uns haben auch schon eine Frau, die an Multipler Sklerose erkrankt ist, eine 64-jährige Dame oder auch Kinder mittrainiert. Polefitness kann wirklich jeder lernen.»

Für alle Polefitness-Interessierten öffnet das Coremotion-Studio am 30. Oktober in Zofingen seine Türen.

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