Fachhochschule Nordwestschweiz

Ein Master-Abschluss löst die Probleme der Primarlehrer nicht

Prof. Crispino Bergamaschi, (54), Direktions- präsident der Fachhochschule Nordwestschweiz und überzeugter Förderer des dualen Bildungssystems, im «Hauptquartier» der FHNW in Brugg-Windisch.

Prof. Crispino Bergamaschi, (54), Direktions- präsident der Fachhochschule Nordwestschweiz und überzeugter Förderer des dualen Bildungssystems, im «Hauptquartier» der FHNW in Brugg-Windisch.

Crispino Bergamaschi, Direktionspräsident der Fachhochschule Nordwestschweiz, ist leidenschaftlicher Verfechter des dualen Bildungssystems. Er spricht über die Herausforderungen der nächsten Jahre und erklärt, warum die Masterausbildung für Primalehrpersonen für ihn zurzeit kein Thema ist.

Crispino Bergamaschi leitet die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) seit sechseinhalb Jahren. Der 54-jährige Wohler hat fast schon idealtypisch alle Qualitäten und Chancen genutzt, die das duale Bildungssystem auszeichnen: Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, Berufslehre bei Sprecher & Schuh in Aarau; Ingenieurstudium an der damaligen HTL in Brugg-Windisch, Wechsel an die ETH, er promoviert, wird Professor. Heute ist er Direktionspräsident der Fachhochschule Nordwestschweiz mit den neun Hochschulen an sechs Standorten in vier Kantonen, die von rund 12 000 Studierenden besucht werden. Wir treffen uns zum Gespräch in seinem Büro im 4. Stock des Campus in Brugg-Windisch; dazu serviert er Tee, den ihm seine Tochter aus Russland mitgebracht hat.

Herr Bergamaschi, vor vielen Jahren, ganz am Anfang Ihrer Karriere, waren Sie Lehrling in einer grossen Werkhalle in Aarau. Ist diese Erfahrung hilfreich für den Chef der FHNW?

Crispino Bergamaschi: Natürlich hat mich diese Sozialisation geprägt. Ich denke, es ist gar nicht schlecht, wenn der Chef aus eigener Erfahrung weiss, wie Bohrwasser riecht. Andererseits darf man nicht vergessen, dass das bald 40 Jahre her ist – und die Lehrlingswelt ist eine andere geworden.

Was ist Ihnen speziell in Erinnerung geblieben?

Der Übergang von der Schule in die Arbeitswelt hat mich damals extrem irritiert: Ich war plötzlich nicht mehr mit meiner vertrauten Schulklasse zusammen, sondern stand in der grossen Werkhalle, zusammen mit Menschen zwischen 15 und 65 Jahren, mit ihren verschiedenen Geschichten, Werten und Haltungen. Diese plötzliche Konfrontation mit der Arbeitswelt war am Anfang gewöhnungsbedürftig – aber auch äusserst faszinierend. 

Heute ist aus dem Lehrling von damals der Leiter einer komplexen Organisation geworden; was fasziniert Sie heute an Ihrer Aufgabe?

Ich habe das Privileg, mit meiner Arbeit einen Beitrag für die duale Bildung in der Schweiz leisten zu können. Wir haben neun hervorragende Hochschulen mit starken Persönlichkeiten als Direktorinnen und Direktoren. Es ist auch ein Privileg, mit so vielen interessanten Menschen zusammenarbeiten zu können, täglich Neues zu lernen und die Entwicklung der FHNW zu gestalten.

Die FHNW wird allgemein gerühmt, die Finanzen stimmen, die Drittmittel fliessen, die Studierenden strömen. Wo sind denn da die Herausforderungen?

Es ist richtig, die FHNW funktioniert gut, wir sind eine «well oiled Machine» wie ein Kollege jeweils sagt, halten die Ziele des Leistungsauftrages ein. Aber trotzdem kann es nicht unser höchstes Ziel sein, die bestverwaltete Fachhochschule im Land zu sein. Mir geht es darum, die Zukunftsfähigkeit der FHNW zu sichern. Darüber denken wir nach, dafür versuche ich, Leute zu begeistern, dass sie Zeit und Lebensenergie investieren – aber die Entwicklung dieser Strategie 2025 kostet natürlich auch Geld.

Worum geht es in dieser Strategie?

Unser Problem ist – etwas plakativ ausgedrückt: Wir bilden mit unserem Wissen und unserer Erfahrung von gestern heute Leute für morgen aus. Das kann auf die Dauer nicht gut gehen.

Was bedeutet das konkret?

Ich nenne nur drei Trends, die uns besonders beschäftigen: digitaler Wandel, Alterung der Gesellschaft und Fachkräftemangel. Mit unserer Strategie 2025 versuchen wir, die Studierenden auf die Chancen und Risiken der globalen und nationalen Trends in einer sich dynamisch verändernden Welt vorzubereiten.

Dazu stellen wir uns Fragen, die wir in Expertengremien intensiv diskutieren: Was bedeutet der digitale Wandel für Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft? Was bedeutet er für den Unterricht?

Wie verändern sich die Arbeitsplätze? Welche neuen Kompetenzen sind gefragt? Und was folgt daraus für Unterricht und Ausbildung?

Wie werden sich Ausbildung und Inhalte verändern?

Da habe ich zwei Thesen: Dank der Digitalisierung werden wir die Ausbildung noch stärker individualisieren und personalisieren können. Wir möchten noch besser verstehen, wie unsere Studierenden lernen, wie wir sie am besten unterstützen können. Die volle Virtualität aber wird nicht funktionieren. Menschen brauchen andere Menschen. Aber welche Infrastruktur brauchen wir dazu? Kompetenzorientierung in der Ausbildung wird stärker gefördert, Normorientierung, wie zum Beispiel ein starres Notensystem, wird an Bedeutung verlieren.

Können Sie das erklären?

Als einfacher Ingenieur, der ich bin, versuche ich es mit einem Beispiel: Ein Brückenbauer kann eine Brücke bauen oder er kann es nicht. Wenn er sie einmal zu kurz und ein anders Mal zu lang baut, kann er nicht einfach den Durchschnitt nehmen.

Und wie lautet die zweite These, was die Veränderung von Ausbildung und Inhalten betrifft?

Ich bin überzeugt, dass gewisse Herausforderungen, die uns die Gesellschaft stellt, ich nenne da etwa die zunehmende Überalterung, nur noch multidisziplinär gelöst werden können. Und da sind wir als Fachhochschule Nordwestschweiz mit unseren neun verschiedenen Hochschulen gut aufgestellt. Also gilt es, die multidisziplinäre Kompetenz der Fachhochschule zu Analyse, Bearbeitung und Lösung zu nutzen, zu fördern und zu vermitteln.

Apropos Ausbildung. Die Rektoren der Pädagogischen Hochschulen verlangen, dass künftig auch Kindergärtnerinnen und Primarlehrer einen Masterabschluss brauchen. Was halten Sie von dieser Forderung?

Das ist in den nächsten Jahren überhaupt kein Thema an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Wir werden in dieser Sache nicht aktiv, werden auch keine
Pionierrolle übernehmen.

Das heisst, Sie sind gegen die Verlängerung der Studienzeit?

Von den Primarlehrpersonen wird extrem viel verlangt. Sie müssen einerseits mit der immer komplexer werdenden Heterogenität der Klassen umgehen können. Andrerseits ist breites fachspezifisches Wissen und Können gefragt. Offensichtlich ist auch, dass die dreijährige Ausbildung, angesichts der zusätzlichen Anforderungen wie Frühfremdsprachen und Informatik, an ihre Grenzen stösst. Also muss man sich fragen, wie die Ausbildung oder auch das Berufsprofil verändert werden müssen, damit die Probleme kleiner werden. Ich kann mir vorstellen, dass es bessere und zielführendere Lösungen gibt als die Verlängerung des Studiums mit Masterabschluss. Aber letztlich ist das der Entscheid der Erziehungsdirektorenkonferenz.

Die vier Kantone Aargau, Basel-Stadt, Basel-Landschaft und Solothurn sind die Träger der Fachhochschule Nordwestschweiz. Wie gut funktioniert der 2006 künstlich geschaffene Bildungsraum Nordwestschweiz? Im normalen Leben haben die Bewohner der vier Kantone ja wenig Verbindendes.

Das ist so. Ich nehme etwa zwischen den beiden Basel und dem Kanton Aargau immer wieder auch eine geografische, kulturelle oder mentale Barriere wahr. Von Sissach aus ist man mit dem Zug schneller in Aarau als in Basel – aber welcher Sissacher reist denn schon freiwillig nach Aarau? Der Bildungsraum Nordwestschweiz ist ein anspruchsvolles Konstrukt, aber heute funktioniert er gut, die Leute haben sich daran gewöhnt. Ich denke auch, dass die Wunden verheilt sind, die bei der Gründung entstanden sind, etwa als Muttenz sein Tech verlor oder der Aargau die Schule für Gestaltung abgeben musste. Trotzdem stelle ich immer wieder fest, dass auch im Aargau immer noch Informationsbedarf über das Wesen der Fachhochschule Nordwestschweiz besteht.

Woran merken Sie das?

Kürzlich sagte ein Aargauer Kulturschaffender an einer Sitzung zu mir, es sei doch jammerschade, dass der Aargau keine Kunsthochschule habe.

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe ihm erklärt, dass der Aargau sehr wohl eine Kunsthochschule hat. Sie sich einfach in Basel befindet. Und wir sie gemeinsam mit drei anderen Kantonen teilen. Dann habe ich ihn nach Basel eingeladen und ihm die Hochschule für Gestaltung und Kunst gezeigt. Das kam gut an.

Zum Schluss. Wie sehen Sie die ideale FHNW?

Sie ist die innovationsstärkste Fachhochschule in der Schweiz, sie ist konsequent praxisorientiert, sie ist gleichzeitig geerdet und dynamisch. Ich weiss, das ist anspruchsvoll in einem Umfeld, in dem die Finanzen dominieren. Aber wir arbeiten intensiv daran.

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