Camping
Ein Leben auf dem Campingplatz: «Schaffen wir es, mit ganz wenig zu leben?»

Es gibt sechs Menschen, die das ganze Jahr über auf dem Campingplatz Frick leben. Was sind das für Leute? Ein Besuch bei Künstler Sven Unold (49) und Rockerin Peli Senn (44).

Aline Wüst
Drucken
Teilen
Gekocht wird draussen auch, wenn es regnet: Sven Unold lebt seit sieben Jahren hier.
9 Bilder
Wenig Platz und eine schwere Maschine vor der Tür: Peli Senn lebt seit sechs Jahren hier.
Bescheidenes Leben auf dem Campingplatz in Frick
Camping in Frick
Das Schweizer Fähnchen weht auch auf dem Campingplatz in Frick

Gekocht wird draussen auch, wenn es regnet: Sven Unold lebt seit sieben Jahren hier.

Emanuel Freudiger

Auf dem Campingplatz lebt Mensch an Mensch. Wie im Block, nur unmittelbarer. Nachts das Schnarchen des Nachbars. Morgens der Duft von Nachbars Kaffee. Für manche ein Graus. Für andere Freiheit. Für wenige Alltag.

Sven Unold (49) ist einer von ihnen. Er lebt auf dem Campingplatz Frick. Seit sieben Jahren. Zusammen mit seiner Frau. Himmelblau angestrichen hat er sein Reich.

Streiten könne man hier nicht, sagt Unold. «Probleme muss man sofort lösen.» Für Streit sei es zu eng. Im Durchschnitt lebt jeder Schweizer auf 45 Quadratmetern Wohnfläche.

Dauer-Camping: Die Nachfrage ist da

Auf dem Campingplatz zu leben ist im Aargau nicht überall möglich. Auf den Campingplätzen in Möhlin und Waldesruh in Wil bei Etzgen winkt man ab. Die Betreiber sagen, sie seien ein Sommercampingplatz, bei ihnen könne niemand dauerhaft leben. Hansjörg Kohler vom Campingplatz in Sulz sagt: «Die Nachfrage ist da.» Es gebe viele Schweizer, die gern bescheidener und günstiger leben möchten. Auf seinem Campingplatz kann aber niemand wohnen. Auch weil er sich in der Landwirtschaftszone befindet. Kohler fürchtete sich aber auch davor, dass es viele Aussteigertypen anzöge und sich der Charakter seines Platzes verändern würde. Auf dem Campingplatz Frick ist die Anzahl Leute mit festem Wohnsitz begrenzt. Damit der Campingplatz Frick ein Ferienplatz bleibe, wie Betreiberin Annelies Mösch erklärt. Die Dauercamper können sich auf der Gemeinde anmelden. Im Aargau gibt es insgesamt neun Campingplätze. Die meisten sind nach einer Winterpause ab Anfang April wieder offen. (wua)

Unold und seine Frau haben je 12,5 Quadratmeter. Und trotzdem fühlt man sich nicht eingeengt. Alles hat seinen Platz. Jedes Schublädchen ist angeschrieben. «Gutzi/Apéro» steht auf einem. «Es ist meine Freiheit, nicht viel zu haben», sagt Unold. An seinem Leben gefallen ihm die einfachen Dinge - der Sternenhimmel über seinem Wohnwagen zum Beispiel.

Der Umzug auf den Campingplatz sei ein Experiment gewesen - «schaffen wir es, mit ganz wenig zu leben?»

Speziell gewohnt hat das Ehepaar schon immer. Sie sind seit 15 Jahren verheiratet, lebten aber nicht immer am selben Ort. Das Paar liess sich Raum. Er hat die Kunst. Lässt sich immer wieder schöpferisch auf neue Themen ein. Versinkt darin und erschafft Wundersames. Seine Frau liebt den Sport und arbeitet in Basel.

Zuletzt wohnte das Ehepaar in einer Überbauung in Möhlin. Die sollte komplett renoviert werden. Darauf hatten die beiden keine Lust. Sie sagte darum zu ihm: «Hast du Lust, einen Sommer auf den Campingplatz zu leben?» Hatte er. Es war ein guter Sommer. Unold entschied, zu bleiben. Seine Frau mietete für den Winter in der Nähe ein Studio. Der erste Winter war ein harter.

Unold fror fürchterlich. Im Frühling baute er einen richtigen Anbau. Nun ist es wärmer im Winter und trotzdem manchmal kalt. Seine Frau kam zurück. Unold sagt: «Ich will hier vorläufig nicht weg. Ich müsste zu viel aufgeben.»

3500 Franken kostet der Platz pro Jahr. Letztes Jahr konnten die beiden dafür für vier Monate die Welt bereisen - Tasmanien, Mongolei, Island. Auf einer kleinen Weltkarte sind noch weitere Länder markiert.

Sechs Dauermieter

Es sind sechs Menschen, die in Frick das ganze Jahr über auf dem Campingplatz leben. Sie treffen sich auf dem WC. Duschen nebeneinander.

Staunen, wenn der erste Schnee fällt - und ziehen dann gleich noch einen Wollpullover über den Pulli. Im Sommer fallen die sechs unter den anderen Campern kaum auf.

Die Bewohner des Campingplatzes sind keine eingeschworene Gemeinschaft. Es ist wie im Block. Gut befreundet sind Sven Unold und seine Frau nur mit Peli Senn. Die drei essen hin und wieder gemeinsam. Nicht Ravioli. Ein Viergänger war es das letzte Mal.

Peli Senn (44) ist eine, die man nicht vergisst - Nietenarmband, schwarz gekleidet, ein Teil des langen Haars abrasiert. Unterwegs ist sie mit einem schweren Töff.

Ihr Wohnwagen steht gleich neben dem Eingang und es vergehen keine fünf Minuten, da drückt sie den Besuchern eine Bibel in die Hand. Senn hat viel Schwieriges erlebt. Sie sei daran manchmal fast verzweifelt.

Auf den Campingplatz ist sie vor sechs Jahren aus einer Notsituation heraus gezogen. Sie ist geblieben. Und sagte heute: «Ich bin glücklich, ich habe alles, was ich brauche.»

Peli Senn ist Schlagzeugerin in einer Band und Streetworkerin von Beruf. Sie ist von niemandem angestellt. Sagt, sie lebe von Gottes Gnaden. «Ich habe ein Herz für Menschen, die ausgegrenzt werden.» Sie spricht von Menschen, die mit Süchten kämpfen oder psychische Probleme haben. Menschen, die abgerutscht sind, die an Bahnhöfen und vor den Filialen der Grossverteiler rumstehen.

«Viele Schweizer richten so gnadenlos über solche Leute», dabei hätten sie keine Ahnung. «Viele hat das Leben wirklich sehr hart getroffen, da wunderst du dich nicht, dass sie in die Drogen gerutscht sind.»

Senn sagt, dass sie helfe, wo sie könne - ein Formular ausfüllt, die Leute in die Psychiatrie begleitet, mithilft Wohnungen gemütlicher zu machen oder aber sie schenkt ihnen einfach ihre Freundschaft.

Und Senn erzählt allen, die sie trifft, von Jesus. «Er gibt Hoffnung, heilt die gebrochenen Herzen und wendet alles zum Guten.» Daran glaubt Senn. Sie sagt aber auch:» Gewisse Leute finden, dass ich einen Knall habe.»

Die Rockerin sitzt in der Sonne, an dem Plätzchen, das geschützt ist vor dem Wind. Sie sei immer barfuss unterwegs. Ausser auf dem Töff. Hergeben würde sie ihr Leben auf dem Campingplatz nicht mehr.

Obwohl es vor allem im Winter manchmal hart sei. Es gebe Tage, da müsse sie zuerst Schnee schaufeln, bevor sie aufs WC könne. Und kommt sie abends von ihren Einsätzen zurück, ist es in ihrem Wohnwagen oft kaum zehn Grad warm. Dann legt Peli Senn ihr Kirschsteinkissen in die Mikrowelle und schlüpft damit ins Bett. Trotz allem: Eine Wohnung will sie nicht mehr. «Das wäre mir zu eng.»

Während der Wintermonate wird das Wasser abgedreht - also bis April. Das bedeutet ständiges Wasserschleppen.

Nun fliesst das Wasser bereits seit ein paar Tagen wieder, weil es so warm ist. Unverhofftes Glück. Einfach so.

Aktuelle Nachrichten