Sondereinheit

Ein Leben auf Abruf: Der ehemalige «Argus»-Chef geht nach 43 Jahren in Pension

Zur Pensionierung blickt der ehemalige Chef der Sondereinheit Argus, André Zumsteg, auf seine Zeit bei der Polizei zurück. Seine Karriere sei nur dank der Unterstützung seiner Familie, allen voran seiner Frau, möglich gewesen, sagt er.

43 Jahre lang war André Zumsteg immer erreichbar und deutlich mehr im Dienst als zu Hause, wie er an einem seiner letzten Arbeitstage bei einem Kaffee erzählt. Pünktlich zu seinem 65. Geburtstag hat er per Ende Juli das Polizeikommando in Aarau verlassen. Hier leitete er zuletzt die Abteilung Führung und Einsatz, der unter anderem die Kantonale Notrufzentrale und die Sondereinheit «Argus» unterstellt sind.

Zumsteg ist kein Mann der vielen Worte. Trotzdem hat er viel zu erzählen. Während mehr als vier Jahrzehnten hat er Erfahrungen und Erinnerungen angesammelt, die zwischendurch klingen wie aus einem Film. Dieser beginnt 1976 mit einem Klassenfoto der Polizeischüler vor dem Grossratsgebäude in Aarau. Ein Jahr später wurde Zumsteg auf dem Schloss Lenzburg als junger Polizist im Stahlhelm mit 23 Jahren vereidigt.

Er träumte als Kind davon, Polizist zu werden, machte aber eine Lehre als Maurer. «Es war die Zeit der Baukrise», erzählt er. Es war aber auch die Zeit des «roten Terrors» in Europa. Zumsteg, der seinen Dienst auf dem Posten in Laufenburg antrat und dort vier Jahre blieb, hatte als Militärleutnant Vorkenntnisse in Sachen Führung und Ausbildung. Bald wurde er in den damals neu gegründeten Grenadierzug – die heutige Sondereinheit «Argus» – berufen. «Ich hatte als Offizier der Schweizer Armee vielleicht schon ein wenig Bonus. Aber ich musste meine Sache trotzdem leisten.»

Besser ausgebildet und ausgerüstet als normaler Polizist

Die Bildung der Sondereinheit in den 70er-Jahren war eine Reaktion auf die damalige Bedrohungslage: «Die Rote Armee Fraktion RAF wütete damals besonders. In Deutschland töteten sie diverse Leute aus Politik und Wirtschaft», sagt Zumsteg. Ausserdem hätten sie Dependancen und Verbindungen in die Schweiz gehabt. Die Sondereinheit habe es damals auch für Verbarrikadierungen gebraucht: «Man hat erkannt, dass der Polizeikommandant ein Element brauchte, das besser ausgebildet und ausgerüstet ist und andere Möglichkeiten hat als der normale Polizist.»

«Früher ist bei der Polizei alles ganz anders gewesen», erinnert sich Zumsteg. Die jeweiligen Polizeiposten in den Bezirken seien autonom gewesen. «Laufenburg war weit weg, auf der anderen Seite des Juras. Den Kommandanten sah man nur, wenn etwas nicht gut war.» Wenn man abends nach Hause ging, schaltete man das Postentelefon auf das Heimtelefon um. «Dann wurde auch erwartet, dass die Frau zu Hause das Telefon abnimmt», erinnert er sich.

Doppelmord an Heiligabend 1980 war sein schlimmster Fall

André Zumsteg erwähnt seine Frau während des Gesprächs immer wieder. Gemeinsam haben sie einen Sohn. «Ohne sie hätte das alles nicht funktioniert. Die Familie war der Ausgleich. Das machte es aus, dass ich heute in einem relativ guten Zustand bin», sagt er lachend. Nachdem seine Frau während der letzten 33 Jahre als Nachtschwester im Altersheim Golatti in Aarau gearbeitet hat, gingen sie fast zeitgleich in Pension.

Auch an Heiligabend 1980, als Zumsteg den schlimmsten Fall seiner Karriere erlebte, hatte er das Verständnis seiner Familie. «Wir wollten zu meinen Schwiegereltern nach Herznach, um gemeinsam Weihnachten zu feiern.» Kaum dort angekommen, informierte ihn seine Schwiegermutter darüber, dass alle Polizisten über Radio aufgefordert wurden, auszurücken. Ein Neonazi hatte im Raum Koblenz einen Grenzwächter und einen Kantonspolizisten erschossen und war noch auf der Flucht. «Ich musste als Angehöriger der Sondereinheit sofort auf den Bezirksposten Laufenburg einrücken und wurde anschliessend am Tatort in die engste Fahndung einbezogen. Das ganze Polizeikorps war im Einsatz», erinnert sich Zumsteg. «Es hiess, man solle vorrücken in Richtung Schloss Böttstein, dort wurde das letzte Mal geschossen.» Als Zumsteg den Täter gemeinsam mit einem Hundeführer fand, hatte dieser sich bereits selber gerichtet. «Das war ein tragischer Fall.»

Trotz mehrerer Postenwechsel – von Laufenburg nach Merenschwand, weiter nach Aarau ins Kommando, nach Brugg, Buchs und zurück ins Kommando nach Aarau – war Zumsteg mit der Sondereinheit «Argus» immer an der Front. «Ich war nie länger als fünf Jahre am selben Ort oder in derselben Funktion. Ich habe mein Büro oft gezügelt und war in meiner Karriere als Abteilungschef für vier verschiedene Abteilungen verantwortlich», sagt er.

Als Mitglied und später Chef der Sondereinheit habe er viel Spannendes erlebt – auch im Personenschutz: «Ich war dreissig Jahre im Schutzdetachement Bundesrat. Auch bei der Palästinakonferenz, als Arafat nach Genf kam, war ich im Aktivdienst.»

Die schönste Zeit hätten er und seine Frau zwischen 1981 und 1985 in Merenschwand erlebt, als André Zumsteg auf dem Einzelposten war. «Wir waren im Dorf eingebettet. Als Polizist war man damals eine Respektsperson, wie der Pfarrer und der Lehrer.» Noch heute erkennen sie die Leute, wenn Zumstegs gemeinsam nach Merenschwand kommen.

Seither habe sich in der Polizei viel verändert, sagt Zumsteg. Man stehe viel schneller in der Kritik der Öffentlichkeit. Auch «Argus» geriet in die Kritik. 2009 stürmte die Sondereinheit eine Wohnung in Wohlen. Ein «Argus»-Mitglied gab zwei Schüsse auf einen betrunkenen und bewaffneten Mann ab. Später wurde der Polizist vor Gericht verurteilt. Zehn Jahre liegt der Fall Wohlen nun zurück. Da er selber damals nicht vor Ort war, möchte André Zumsteg zum Einsatz und dessen juristischen Folgen nichts mehr hinzufügen. Auch aus Respekt vor den beteiligten Personen.

Klar ist für ihn: Es braucht die Sondereinheit «Argus» nach wie vor, sei es wegen der Terrorbedrohung sowie Amoklagen im nahen Ausland, für den Personenschutz oder eben bei Verbarrikadierungen sowie Sonderlagen: «Wenn jemand bewaffnet ist, Frau und Kinder bedroht und zum Fenster rausschiesst, wie holt man den heraus? Da ist der normale Polizist einfach überfordert», so Zumsteg. Trotzdem sei die Sondereinheit, vernetzt mit anderen Diensten, fast das letzte Mittel des Polizeikorps.

Die mentale Stärke ist der Schlüssel für alles

Nervös sei er nie gewesen, als die Einheit «Argus» aufgeboten worden sei, aber er habe immer den Respekt vor jedem Einsatz behalten: «Natürlich ist man angespannt. Aber man ist auch besser ausgebildet und ausgerüstet und man hat einen besseren Rucksack. Man hat eine bessere Bewaffnung. Das gibt einem Sicherheit.» Der Einsatz fange im Kopf an: «Man muss mentale Ausdauer haben.»

Diese mentale Stärke sei sowieso der Schlüssel für alles im Leben, sagt Zumsteg. Die 43 Jahre im Dienst hätten ihn vieles gelehrt. Vor allem, dass es immer weitergeht. Auch jetzt, als er nach so vielen Jahren das Polizeikommando verlässt. «Ich war von Anfang an immer erreichbar. Früher auch ohne Handy. Jetzt bin ich ein Stück weit auch froh, dass ich nicht jederzeit aufs Handy schauen muss.»

Gemütlich ein Buch lesen, reisen und wieder Marathon laufen

Zum Abschied holte André Zumsteg mit seiner Sondereinheit am internationalen Vergleichswettkampf für Sondereinheiten «Combat Team Conference» in Deutschland den ersten Platz. «Das war die Krönung. Ein Stück weit die Bestätigung von all dem, was ich ein Stück weit mitgeprägt habe.» Mehr als 40 Eliteeinheiten aus der ganzen Welt haben am Wettkampf teilgenommen. «Argus ist unter den Besten der Besten.» Er wolle sich aber nicht in der Vordergrund stellen, sagt Zumsteg – er wirkt dabei wehmütig, aber dankbar.

André Zumsteg hat noch nicht alles gesehen. Das habe man nie. «Die Polizeiarbeit ist nie fertig.» Er werde nun nicht zurücklehnen, aber vielleicht einmal tagsüber ein Buch lesen. Und fitter werden: «Dass ich vielleicht doch wieder einen Marathon laufen kann.» Ausserdem habe er auf der ganzen Welt Polizeikollegen, die er besuchen könnte. «Oder unsere Verwandte in Amerika. Und eben nicht nur für zwei Wochen.»

Hauptmann Peter Kaltenrieder hat am 1. August die Nachfolge von André Zumsteg angetreten.

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