Aargauer Gewerkschafter

Ein Kanton, acht 1.-Mai-Feiern – wieso eigentlich?

1.-Mai-Feier in Baden. (Archiv)

1.-Mai-Feier in Baden. (Archiv)

Im Aargau gibt es unterdurchschnittlich wenig Gewerkschafter – der Aufmarsch am Tag der Arbeit ist an den Feiern eher bescheiden.

Heute werden sie sich wieder versammeln, Ansprachen halten, rote Fahnen schwenken. Die Gewerkschafter treffen sich traditionell am Tag der Arbeit. Im Aargau ist der Aufmarsch am 1. Mai verglichen mit Städten wie Zürich bescheidener. 1500 Teilnehmer insgesamt – verteilt auf acht Standorte.

«Die Folge eines überspitzten Regionalismus», sagt Gewerkschaftssekretär Kurt Emmenegger. Von Zeit zu Zeit komme die Frage auf, die Veranstaltung an einem Ort durchzuführen. Jedes Mal wird die Idee wieder verworfen. Die Befürchtung: Der Fricktaler will nicht nach Aarau, die Freiämterin nicht nach Baden. Das Risiko eines Einbruchs bei den Publikumszahlen scheint zu gross.

Dabei haben die Gewerkschaften schon gegen ein anderes Phänomen zu kämpfen: Mitgliederschwund. Auf dem Höhepunkt der Bewegung in der Schweiz zählten die Arbeitnehmerorganisationen 905 000 Mitglieder. Das war 1976.

Heute sind es rund 740 000 – fast ein Fünftel weniger. Von einem dramatischen Rückgang spricht George Sheldon, Arbeitsmarktökonom an der Uni Basel. «Gemessen am Anteil der Gewerkschaftsmitglieder unter der erwerbstätigen Bevölkerung ist der Mitgliederbestand innert 40 Jahren um die Hälfte eingebrochen – von 30 auf 15 Prozent.» Seine Prognose: Der Mitgliederschwund wird sich fortsetzen.

Gründe dafür gibt es mehrere: Wegen der fortschreitenden De-Industrialisierung verschwindet zunehmend die klassische Klientel der Arbeitnehmerorganisationen, die aufkommenden neuen Branchen im Dienstleistungsbereich sind deutlich weniger organisiert.

Dazu kommt: «Je höher der Bildungsgrad, desto tiefer der gewerkschaftliche Organisationsgrad», sagt Sheldon. Der Arbeitsmarktökonom bezweifelt, dass die wirtschaftliche Krise daran etwas ändern wird: «Wer um seinen Job fürchtet, schult sich eher um, als einer Gewerkschaft beizutreten.»

Der Höhepunkt in der Krise

Historiker Bernard Degen sagt, es habe in der Geschichte immer wieder Beispiele von Krisen gegeben, in denen die Gewerkschaften einen Aufschwung erlebten – «der absolute Höhepunkt 1976 für den Schweizerischen Gewerkschaftsbund war mitten in der Krise».

Allerdings sei auch schon die gegenteilige Entwicklung zu beobachten gewesen. Der grosse Abstieg in den 1990er-Jahren hänge auch mit dem Anstieg der Arbeitslosenzahl aufgrund der Wirtschaftskrise zusammen. Zwei Phänomene hätten dazu beigetragen, dass der Abwärtstrend seit 2000 abgebremst werden konnte: Der Anteil der Frauen und der Ausländer ist stark gewachsen.

Das bestätigt auch Kurt Emmenegger. Bei der Unia liegt der Frauenanteil etwa im Dienstleistungssektor bei 55 Prozent, die Zahl Mitglieder mit ausländischem Pass bei über 50 Prozent. Emmenegger spricht von einer positiven Entwicklung in den letzten Jahren: «Wir konnten den Mitgliederschwund stoppen.»

Das gelte genauso für den Aargau, auch wenn hier die Mitgliederzahl gemessen an der Bevölkerung unter dem Durchschnitt liege. 10 000 sind es bei der Unia, rund 19 000 Mitglieder zählen alle Verbände des Aargauischen Gewerkschaftsbundes. Emmenegger zeigt sich optimistisch: «Wir gehen davon aus, dass wir in Zukunft weiter wachsen werden.»

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