Vierfachmord Rupperswil
Ein Jahr danach: emotionale Gedenkfeier für Angehörige und Freunde

Vor einem Jahr wurden in Rupperswil vier Menschen getötet. Noch immer ist die Tat unfassbar, die Trauer in der Gemeinde gross. Angehörige, Freunde und jene, die beruflich mit der Tragödie konfrontiert waren, gedachten der Opfer in einer schlichten Feier.

Mario Fuchs
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Trauerfeier Mordfall Rupperswil Die Kirche Rupperswil, während der Trauerfeier zum Mordfall, welcher sich vor einem Jahr in der Gemeinde abspielte. Aufgenommen am 22. Dezember 2016. Im Bild: Pfarrer Christian Bühler, reformierten Kirchgemeinde Rupperswil.
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Gedenkfeier in Rupperswil
Impressionen zur Trauerfeier von Rupperswil.
Trauerfeier Mordfall Rupperswil Die Kirche Rupperswil, während der Trauerfeier zum Mordfall, welcher sich vor einem Jahr in der Gemeinde abspielte. Aufgenommen am 22. Dezember 2016. Im Bild: Pfarrer Christian Bühler, reformierten Kirchgemeinde Rupperswil.
Impressionen zur Trauerfeier von Rupperswil.

Trauerfeier Mordfall Rupperswil Die Kirche Rupperswil, während der Trauerfeier zum Mordfall, welcher sich vor einem Jahr in der Gemeinde abspielte. Aufgenommen am 22. Dezember 2016. Im Bild: Pfarrer Christian Bühler, reformierten Kirchgemeinde Rupperswil.

Wenn es da oben jemanden gibt, einen Gott oder wie man ihn auch nennen möge, dann zeigte er am Mittwochabend, dass er genau weiss, was in Rupperswil vor einem Jahr geschehen war. Denn er zeigte, so schien einem, wenn man wollte, sein Gemüt durch Petrus: Kalt wie die Trauer in den Herzen lag die Dezembernacht über dem Dorf. Schwer wie die Fragen in den Seelen hockte der Nebel auf dem Kirchturm.

«Wir fanden, es tut uns gut, wenn wir an diesem Tag gemeinsam unterwegs sein können», begrüsste Pfarrer Christian Bühler die rund 200 Gäste in der gut besetzten reformierten Kirche. Hell leuchtete ein erhabener Stern auf einem Stativ hoch über dem Chor. «Und siehe, ein Stern stand über dem Haus»: So hiess es in der Einladung zu dieser «Gedenkfeier anlässlich des Jahrestages der Tötungsdelikte von Rupperswil».

Bühler, sein Pfarrkollege Timothy Cook und Marc Nussbaumer von der evangelisch-methodistischen Kirche hatten Angehörige, Bekannte, Freunde, Nachbarn und alle eingeladen, die beruflich mit der Tragödie konfrontiert sind. So war auch die Presse explizit willkommen – und die Berichterstattung explizit zweitrangig. Wer teilnahm, nahm Anteil. Vielleicht kamen auch deshalb nur zwei Journalisten.

Wenns schüttelt

«Heute vor einem Jahr hat ein junger Mann unsere Leben für immer verändert», sagte Bühler – «wobei Verändern nicht das richtige Wort ist. Viele Leben hat er zerstört, kaputtgemacht.» Oft sei von Erschütterung gesprochen, geschrieben worden. «Doch was heisst erschüttert?» Bühler gab die Antwort selber: «Wenns schüttelt.» Wenn man zurück ins Leben will und plötzlich stehen bleibt, weil es einen wieder schüttelt. Wenn man über die Strasse will, sich aber nicht traut, weil man nicht weiss, ob man es hinüberschaffen wird, bevor es einen wieder schüttelt.

«Jetzt sind wir auf dem Weg zu Weihnachten, und auch die Weihnachtsgeschichte ist voller Unsicherheit», spann Bühler den Gedanken weiter. Maria und Josef seien schutzlos gewesen in ihrer zugigen Hütte, voller Angst und Zweifel. Schutzlos wie diese Familie vor einem Jahr.

«Manchmal wäre es schön, wir hätten eine Antwort. Aber wir können es nicht verstehen. Die Hütte bleibt offen, wir sind Trauer und Zweifel schutzlos ausgeliefert.» Doch Maria mit dem Jesus im Bauch trage auch ein Licht in sich, eine Hoffnung, eine Kraft, auf die sie vertraue. «Was bleibt uns anderes, als im Vertrauen unseren Weg zu gehen?»

Ein überraschendes Licht

«Weihnachten», fuhr Pfarrer Nussbaumer fort, «ist die Zeit, in der Gott Licht machte. Und er kam dafür zu uns, kam ins Dunkel der abgelegenen Hütte.» Die Hirten hätten sich geöffnet, zögernd und zweifelnd zwar, aber sie hätten sich aufgemacht, seien dem Licht gefolgt und hätten es in diesem Kind in der Krippe gefunden. «Manchmal passiert uns etwas, das wir nicht erklären können, das uns wie ein überraschendes Licht im Dunkel findet.» Eine Begegnung. Eine Umarmung. Ein guter Zuhörer. «Vielleicht ist es gerade das, was uns hilft. Vielleicht zeigt sich hier Gott, ganz unscheinbar, in dem er zu uns ins Dunkel kommt.»

In der Rupperswiler Kirche waren es gestern von Klavier begleitete Taizé-Lieder, die die Trauer langsam umarmten und jene, die mochten, zum Anzünden einer Kerze für die Opfer begleiteten. Timothy Cook, der sein Amt als Dorfpfarrer am 1. Dezember dieses Jahres aufgenommen hatte, erzählte aus der Bibel von David, dessen Sohn gestorben und dessen bester Freund verunglückt war. Und der danach (noch immer) sagte: «Der Herr ist mein Licht und mein Heil». «David sagt damit nicht, dass wir auf jede Frage eine Antwort erhalten. Aber er glaubt, Gott hört unsere Fragen und Bitten. Und er wird uns irgendwann Antwort geben.»

Als die Gemeinde nach dem Segen auszog, brachten Kerzen ein wenig Wärme in die kalte Nacht. Und vier aufsteigende Himmelslaternen leuchteten wie Sterne durch den Nebel.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute
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Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute 21. Dezember 2015: An diesem Tag kommt es in diesem Haus zum Vierfachmord.
Kurz vor Mittag geht bei der Feuerwehr Rupperswil-Auenstein ein Notruf über einen Brand in diesem Einfamilienhaus in Rupperswil ein.
Beim Einsatz finden Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen im Haus.
Schnell ist klar: Es handelt sich um ein Verbrechen. Die Opfer waren gefesselt und wiesen Stich- und Schnittverletzungen auf.
Eine Forensikerin auf dem Weg zum Tatort im Rupperswiler Spitzbirrli-Quartier.
Die Ermittler sichern Spuren im und um das Haus.
Kapo-Medienchef Roland Pfister informiert die Medien über die vier gefundenen Leichen im Wohnhaus.
23. Dezember 2015: Zwei Tage nach der Bluttat sind die Opfer identifiziert: Es handelt sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) sowie dessen Freundin Simona (†21).
Mit Flugblättern sucht die Polizei bald in Rupperswil nach Personen, die Auskunft zur Bluttat mit den vier Personen machen können.
Auf dem Flugblatt ist auch das Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, wie sie am Tag wenige Stunden vor ihrem Tod an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro abhebt.
Später taucht auch dieses Bild einer Überwachungskamera auf: Carla Schauer hebt knapp 20 Minuten nach dem Bancomat-Bezug weiteres Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind zirka 9000 Franken.
Trauerbekundungen beim Haus im Rupperswiler Spitzbirrli-Quartier, wo die vier getöteten Personen gefunden wurden.
Die Ermittlungsarbeiten zum Tötungsdelikt in Rupperswil reissen auch über die Feiertage nicht ab.
Für die Ermittler bedeutet der Fall Knochenarbeit: Ein Polizist leuchtet in einen Schacht.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnten dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs mussten rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
Der Schock über die schreckliche Tat sitzt tief: Trauernde geben sich Halt
21. Januar 2016: Die Aargauer Staatsanwaltschaft gelangt an die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst". Im April wird der Mordfall von Rupperswil in München aufgezeichnet.
18. Februar 2016: Polizei und Staatsanwaltschaft informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Aus der Bevölkerung gehen hunderte Hinweise ein – keiner führt die Polizei auf die richtige Spur. Um den Vierfachmord von Rupperswil aufzuklären, haben die Aargauer Untersuchungsbehörden einen Aufwand betrieben wie noch nie zuvor.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: Der Täter ist gefasst! Es handelt sich um einen 33-Jährigen aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist.
Der mutmassliche Mörder von Rupperswil: Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren.
Seine Fussballkollegen beschreiben ihn als Einzelgänger und guten Trainer.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N.
Diesen Rucksack mit Tatutensilien für den nächsten Mord hat die Polizei im Haus von Thomas N. sichergestellt.
Die Haustür des Gebäudes wurde von der Polizei – nach einer Hausdurchsuchung – amtlich versiegelt.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird den Mörder von Rupperswil vor Gericht vertreten.
Ein Jahr nach der Tat gab es in Rupperswil keine Gedenkfeier. Ammann Ruedi Hediger: «Die Wunden «sind am Verheilen.»

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute

Fotos: HO und Sandra Ardizzone / Montage: az

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