Die Kopie einer Tazkira, wie die Identitätskarte in Afghanistan heisst, landete per Post in der Schweiz. Sie sollte die Richtigkeit jenes Geburtsdatums beweisen, das ein Afghane angab, als er im September 2016 ein Asylgesuch stellte: den 1. Dezember 1999. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) zweifelt an dieser Version und geht davon aus, dass er bereits zum damaligen Zeitpunkt volljährig war. Der Beweis fällt allerdings auf beiden Seiten schwer, wie ein jüngst veröffentlichtes Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zeigt.

Das Geburtsdatum ist zentral, weil minderjährigen Asylsuchenden besonderer Schutz gewährt wird, beispielsweise in Bezug auf Betreuung und Unterbringung. Doch das Alter lässt sich oft nicht eindeutig feststellen, zum Beispiel wenn offizielle Dokumente fehlen. Im Fall des im Aargau untergebrachten Asylsuchenden, dessen Gesuch abgelehnt worden ist, liegt mindestens eine Kopie der Identitätskarte mit Übersetzung vor, zugeschickt aus Afghanistan.

Unterschiedliche Zeitrechnung als Problem

Erschwert wird die Bestimmung des Datums aufgrund der unterschiedlichen Zeitrechnung der beiden Länder. «Gemäss Archiv (4) jährig im Jahr 1382», heisst es in der Übersetzung. Das Jahr 1382 im afghanischen Kalender entspricht dem Zeitraum vom 21. März 2003 bis zum 19. März 2004 im gregorianischen Kalender. Dazu ist vermerkt: «1/12/1999» – also der Geburtstag, den der junge Mann in seinem Asylgesuch nannte.

Dem Staatssekretariat für Migration reichen die Dokumente nicht als Beweis. Die afghanische Identitätskarte weise keine Sicherheitsmerkmale auf, das eingetragene Alter sei nur eine Schätzung, argumentierten die Verantwortlichen und stützen sich stattdessen auf eine Handknochenanalyse. Dabei werden Röntgenaufnahmen gemacht, die Hinweise auf Wachstumsphase und Alter geben sollen und mit Daten anderer Jugendlicher verglichen werden. Beim afghanischen Asylsuchenden ergab die Analyse ein wahrscheinliches Knochenalter von 19 Jahren oder mehr. Daraufhin korrigierte das SEM das angegebene Geburtsdatum – und machte ihn damit zum Volljährigen.

Wie zuverlässig ist die Handknochenanalyse?

Die Handknochenaltersanalyse ist allerdings umstritten. Kritik an dieser Methode kommt auch von Medizinern. «Unbrauchbar», urteilten Experten bereits 2016 in der Schweizerischen Ärztezeitung – unter anderem deshalb, weil Abweichungen von über zwei Jahren möglich sind.

Das Bundesverwaltungsgericht scheint sich der Problematik bewusst zu sein, wie aus dem aktuellen Entscheid hervorgeht. Da zwischen dem genannten Geburtsdatum und dem aufgrund der Röntgenaufnahmen angenommenen Zeitpunkt weniger als drei Jahre liegen, halten die beiden Richterinnen und der Richter die Ergebnisse der Analyse für zu wenig aussagekräf- tig: «Die Handknochenanalyse kann als einziges Beweismittel der Vorinstanz aufgrund ihres geringen Beweiswertes den Beweis des Alters des Beschwerdeführers nicht erbringen.» Auch die Version des Asylsuchenden erachtet das Bundesverwaltungsgericht nicht als erwiesen. Eine afghanische Identitätskarte enthalte kein genaues Geburtsdatum und sei leicht zu fälschen, heisst es im Urteil. Dass nur eine Kopie vorliege, vermindere den Beweiswert weiter. Es handle sich daher um «ein sehr schwaches Indiz für dessen Alter».

Zu wenig Indizien für einen Entscheid

Das Gericht kommt deshalb zum Schluss, dass weder dem Staatssekretariat für Migration noch dem Asylsuchenden der Beweis des jeweils behaupteten Alters gelingt. Für beide Standpunkte lägen «nur sehr wenige beweiskräftige Indizien vor». Auf dieser Basis lasse sich nicht beurteilen, welches der Geburtsdaten wahrscheinlicher ist. Das Bundesverwaltungsgericht heisst deshalb die Beschwerde des Mannes gut und weist den Fall zurück ans Staatssekretariat für Migration, das zusätzliche Abklärungen vornehmen muss. Insbesondere eine Schlüsselbein- respektive Skelettaltersanalyse oder eine zahnärztliche Untersuchung könnte laut dem Gericht für mehr Klarheit sorgen.

Vor einem Jahr forderte SVP-Grossrat Daniel Aebi im Aargau, junge Flüchtlinge müssten auf ihr biologisches Alter untersucht werden. Durchführen solle das die forensische Abteilung am Kantonsspital Aarau. Die Regierung lehnte den Vorstoss jedoch ab und hielt fest, die Altersbestimmung von Asylsuchenden sei Sache des Bundes.

Bundesverwaltungsgerichtsurteil A-6821/2018 vom 4. Juli