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Ein Endlager kann eine Region auch stärken

Fachleute sind mit Prognosen über die Auswirkungen eines Atommüll-Endlager auf die Immobilienpreise vorsichtig. Man kann nämlich in dieser Frage keine konkreten Erfahrungen als Beispiel heranziehen.

Toni Widmer
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Blick vom Suhrenkopf über die Region, welche als Standort für ein Endlager infrage kommt. AZ-Archiv/to

Blick vom Suhrenkopf über die Region, welche als Standort für ein Endlager infrage kommt. AZ-Archiv/to

Die Ankündigung der Nagra, im Aargau sieben mögliche Standorte für die Oberflächenanlagen eines künftigen Tiefenlagers näher zu evaluieren, hat nicht eben Freudengeheul ausgelöst. Während die ersten Reaktionen in den Gebieten Jura Ost und Nördlich Lägern noch moderat ausfielen, stiess die Ankündigung der Nagra in Kölliken und Suhr ebenso auf offene Ablehnung wie in den Solothurner Gemeinden Däniken und Gösgen im benachbarten Niederamt. Befürchtet wird unter anderem, die Regionen könnten schon bei der Ankündigung eines solches Projekts an Attraktivität verlieren und die Immobilienpreise fallen.

Zu früh für eine Prognose

Für die Aargauische Kantonalbank (AKB) lässt sich der allfällige Einfluss eines Endlagers oder der dafür erforderlichen Oberflächenanlagen heute noch nicht beurteilen: «Der Zeitpunkt für eine Prognose zur Entwicklung der Immobilienpreise in der Nähe von allfälligen Atommüll-Endlagern ist verfrüht. Der Entscheidungsprozess ist in vollem Gange und es stehen uns für die Schweiz keine vergleichbaren Daten zur Verfügung», schreibt Ursula Diebold, Leiterin Kommunikation der AKB. Als Hinweis, erklärt Diebold weiter, könne allenfalls dienen, dass die AKW-Standorte in den Kantonen Aargau und Solothurn sowie das Zwischenlager (Zwilag) in Würenlingen auf die Immobilienpreise keinen nennenswerten Einfluss hatten.

Ähnlich sieht man es bei der Neuen Aargauer Bank (NAB): «Wir gehen grundsätzlich davon aus, dass ein Endlager schon aus psychologischen Gründen einen gewissen negativen Effekt auf den Immobilien-Sektor haben könnte», sagt Mediensprecherin Cornelia König. Es gebe anderseits auch Beispiele, die das Gegenteil belegten: «Das Zwischenlager Würenlingen hat sich eher positiv auf das Bevölkerungswachstum ausgewirkt.» Grundsätzlich, sagte König, sei eine Beurteilung zum jetzigen Zeitpunkt schwierig und rein spekulativ.

Konkrete Erfahrungen fehlen

«Diese schwierige Frage wird immer wieder gestellt. Sie zu beantworten kann bloss spekulativen Charakter haben», sagt Martin Meili, Geschäftsführer vom Hauseigentümerverband Aargau. Man könne zu den Auswirkungen eines geplanten Endlagers auf die Entwicklung einer Region keine konkreten Erfahrungen als Beispiel heranziehen. «Beim Fluglärm geht das», erklärt er weiter. Hier habe man schon beobachtet, dass Immobilienpreise in Regionen gesunken seien, die aufgrund der Änderung von Anflugschneisen stärker belastet würden. Allerdings, sagt Meili, könne bei entsprechender Kompensation durchaus auch das Gegenteil eintreten: «Nehmen wir die Flughafengemeinden: Der Fluglärm hat stetig zugenommen. Das wird jedoch durch den vielfältigen Arbeitsmarkt, die gute Verkehrsanbindung und die Nähe zu Zürich kompensiert und die Gemeinden boomen.»

Ähnlich sieht es der Wynentaler Claudio Saputelli, Leiter Immobilien-Research der UBS: «In der Regel werden solche Auswirkungen stark überschätzt», erklärt er und bringt als Beispiel den Zürcher Pfannenstiel: «Als der Flughafen Zürich seine Anflugschneisen änderte, wurde wegen des zusätzlichen Lärms ein Einbruch der Immobilienpreise befürchtet. Passiert ist nichts. Das zeigt, dass die – oft auch in den Medien geschürten – Ängste zuvor oft grösser sind als die Auswirkungen in der Realität danach.» Saputelli weist ferner darauf hin, dass solche Anlagen sich durchaus positiv auf eine Region auswirken können: «Der Bau und Betrieb erfordert qualifizierte Spezialisten, die in der Region Wohnsitz nehmen und Steuern bezahlen. Dazu erhalten die Gemeinden Abgeltungen und können den Steuerfuss tief halten.»

Investoren allenfalls vorsichtiger

Peter Fischer, Geschäftsführer der Immobilienfirma RE/MAX in Aarau, betont das psychologische Element: «Im Gegensatz zum Lärm, den man hören und beurteilen kann, lässt sich die Strahlengefahr weniger konkret fassen. Es ist deshalb schwierig vorauszusehen, wie sich ein allfälliges Endlager auf den Immobiliensektor auswirkt.» Investoren, glaubt Fischer, würden im ersten Moment wohl etwas vorsichtiger sein und umfassendere Abklärungen treffen. Für Mieter anderseits spielten immer auch andere Standortfaktoren, wie beispielsweise die Nähe zum Arbeitsplatz, die Anbindung an den öV oder der Steuerfuss eine wichtige Rolle. Fischer verweist auf Fukushima: «Diese Katastrophe hat anfänglich sehr viel zu reden gegeben und die Leute gegenüber der Atomkraft sensibler werden lassen. Mittlerweile ist dieser Effekt aber bereits weitgehend verpufft.»