Unwetter im Aargau
Ein Dorf im Ausnahmezustand – die Reportage aus Uerkheim

Mulde um Mulde füllt sich in Uerkheim mit zerstörtem Hab und Gut. Bei den Aufräumarbeiten steht das Regionale Führungsorgan Suhrental-Uerkental-Schöftland den erschöpften Betroffenen tatkräftig zur Seite. Da auch Bottenwil und Wiliberg betroffen sind, helfen weitere Aargauer Zivilschutzorganisationen aus.

Emiliana Salvisberg
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Uerkheim – ein Dorf im Ausnahmezustand
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Sichtlich müde und abgekämpft: Gabriel vor dem Gemeindehaus. Dieses ist wie vier weitere gemeindeeigene Liegenschaften vom Gewitter betroffen.
Elsbeth Byland und Hans Fritzenwallner stehen vor dem Nichts. Das Gewitter hat ihr Lebensmittellädeli total zerstört. Dennoch: Elsbeth Byland hat den Mumm zum Weitermachen.
Das Wasser und der Schlamm haben im Tattoo-Studio von Melanie Mista-Pohl und Tobias Pohl viel zerstört. Das Ehepaar weiss noch nicht genau, wann es sein Geschäft wieder eröffnen kann.
Yvo Laib, Chef RFO, und Verbandspräsident Daniel Zünd sind im Dauereinsatz.
Kommandant Ronald Rickenbacher ist mit 25 Zivilschützern aus Wettingen-Limmattal vor Ort.
Der Kölliker Richard Pierrehumbert half gestern freiwillig tatkräftig mit.
Beim Kommandant der Feuerwehr Uerkental, Thomas Räss, klingeln die Handys unentwegt.
Die Feuerwehr Uerkental ist nach dem Dauereinsatz mit Putzen und Verräumen beschäftigt.

Uerkheim – ein Dorf im Ausnahmezustand

Emiliana Salvisberg

Am dritten Tag nach dem Mega-Gewitter ist Uerkheim noch weit entfernt von einem geregelten Alltag. Erschöpft, abgekämpft, aber dennoch zuversichtlich beseitigen die Betroffenen den Schlamm, Unrat sowie eigenes zerstörtes Hab und Gut. Zur Seite stehen ihnen freiwillige Helfer wie Richard Pierrehumbert. Der Kölliker packt tatkräftig bei Martin Hättenschwiler an. «Bis zur Kellerdecke ist das Wasser eingedrungen. Die Wassermassen haben in unserem Garten sogar das massive Holzgartenhaus um einige Meter verschoben», sagt Hättenschwiler, dessen Einfamilienhaus an der Dorfstrasse direkt an der Uerke liegt. Wie lange seine Aufräumarbeiten andauern, kann er nicht sagen: «Heute habe ich freigenommen. Entscheiden tu ich von Tag zu Tag.»

Bottenwil, Uerkheim, Wiliberg

Auch Yvo Laib, Chef Regionales Führungsorgan (RFO) Suhrental-Uerkental-Schöftland, sieht das Ende der Aufräumarbeiten noch nicht genau vor sich. Laib rechnet, dass diese bis Ende der Woche, eventuell sogar die nächste Woche andauern. Täglich stehen 70 bis 80 Zivilschützer in Uerkheim, Bottenwil und Wiliberg im Einsatz. Am Dienstag waren 25 Zivilschützer aus Wettingen-Limmattal vor Ort. Ab heute kommen weitere Aargauer Zivilschutzorganisationen dazu. «Wir sind darauf angewiesen. Wir haben zu wenige eigene Leute. Alleine könnten wir nicht durchhalten», betont Laib in der Turnhalle. Das Erdgeschoss ist zum RFO-Stützpunkt umfunktioniert.

Auf portablen Stellwänden hängen Informationen, Pläne und Einsatzlisten. Die Helfer und ihre Einsatzorte sind genau eingeplant, denn auch in Bottenwil und Wiliberg sind die Einwohner auf Hilfe angewiesen. «Wir arbeiten uns Haus um Haus durch. Wir helfen Schlamm rausschaufeln, Material raustragen und sind für die Betroffenen da. Gespräche sind wichtig», sagt Yvo Laib. Seit Sonntagnachmittag ist auch das Care Team unterwegs. «Die Schäden sind ebenso gross wie die Ängste», betont Laib, macht eine kurze Pause und sagt dann: «Manche Gewerbler und Firmen stehen vor dem Nichts.»

Alles verloren hat Elsbeth Byland. Seit 45 Jahren hat sie mitten im Dorf ihr Lebensmittellädeli geführt. Die Wasserfluten haben sämtliche Ware und die komplette Einrichtung zerstört. «Unwiederbringlich sind die alten Möbel meiner Mutter», sagt Elsbeth Byland unter Tränen. Sorgen bereiten ihr die Formalitäten mit der Versicherung, denn alle Dokumente sind ebenfalls verloren. Nichtsdestotrotz möchte die 62-Jährige weitermachen. Das gilt auch für ihre Nachbarn Tobais Pohl und Melanie Mista-Pohl, die seit drei Jahren ein Tattoo-Studio führen. «Sobald das Mobiliar und alles andere da ist, machen wir auf», so das Ehepaar, das von der Hilfsbereitschaft der Nachbarn, aber auch Fremder begeistert ist.

Weitere Impressionen aus Uerkheim:

Der Eingangsbereich der sieben Reiheneinfamilienhäuser (rechts) an der Hinterhubel- strasse in Uerkheim wurde total überflutet. Das Auto von Rebecca Kaiser gegen das Vordach gedrückt. 1
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«So hoch stand das Wasser.» Rebecca Kaiser im Eingangsbereich des Hauses ihrer Eltern. Vor und neben ihr Habseligkeiten, die total durchnässt und verdreckt wurden. Fast alles muss weggeworfen werden.
Grosse Schäden in Uerkheim.
Mario Schaffner, der Freund der Nichte, hilft beim Aufräumen. Der Lebensmittelladen von Elsbeth Byland ist total überflutet worden. Praktisch alles muss entsorgt werden.
Haben eine Pause verdient: Andreas Moser (2. v. l.) und seine Helfer Fabian Moser, Fritz Roth, Beat Bolliger und Andreas Bolliger gestern Morgen beim Aufräumen. Links das an die Wand gedrückte Auto und Bleche der Garagen.
Grosse Schäden in Uerkheim.
Überschwemmung in Uerkheim
Überschwemmung in Uerkheim
Überschwemmung in Uerkheim
Überschwemmung in Uerkheim
Überschwemmung in Uerkheim
Überschwemmung in Uerkheim
Uerkheim nach der Überschwemmung am Samstagabend.

Der Eingangsbereich der sieben Reiheneinfamilienhäuser (rechts) an der Hinterhubel- strasse in Uerkheim wurde total überflutet. Das Auto von Rebecca Kaiser gegen das Vordach gedrückt. 1

ZVG

Fusion kein Thema für Zünd

Von der gigantischen Solidarität ist auch Daniel Zünd überwältigt. Der Safenwiler Gemeindeammann steht als Präsident dem Gemeindeverband Bevölkerungsschutz Region Suhrental-Uerkental vor. Diesem sind 16 Gemeinden angeschlossen. Auf die vom Kanton Aargau gewünschte Fusion mit der Zivilschutzorganisation Zofingen reagiert Zünd klar: «Das ist kein Thema mehr für uns.» Dieses Ereignis habe gezeigt, wie wichtig es sei, direkt vor Ort zu sein und vor allem die Betroffenen zu kennen.

«Das Dorf rückt zusammen. Hoffentlich bleibt es auch so», sagt Thomas Räss. Der Kommandant der Feuerwehr Uerkental stand mit seinen 60 Frauen und Männern bis Montagnacht im Dauereinsatz. «Die einzelnen Schicksale haben jeden von uns durchgeschüttelt, weil sich hier ja praktisch alle kennen.» Unverständlich für Räss sind die «Gaffer-Touristen», die in Scharen kamen und teilweise noch die Arbeiten behinderten. Absolut kein Verständnis hat er für gewisse Arbeitgeber, die nach dem langen Einsatz das Arbeitsverhältnis von Feuerwehrleuten infrage stellen. «Ich bin daran, die Situation rechtlich abzuklären.» An Zurücklehnen und Durchatmen kann Thomas Räss nicht denken. Seine beiden Handys klingeln ständig. Der nächste Einsatz ist gefragt. In der Reithalle in Uerkheim drohen Plastikballen voller Heu sich durch die Hitze selber zu entzünden. Um seine Mannschaft zu entlasten, die mit Aufräumarbeiten der Gerätschaften beschäftigt ist, fordert er Unterstützung an. Prompt fahren gegen 14 Uhr die Safenwiler vor.

Armee hilft bei Hangsicherung

Auch Verantwortliche der Schweizer Armee sind am Dienstag in Uerkheim vor Ort. «Wir haben die Armee um Hilfe gebeten und sie kommt, um die abgerutschten Hänge zu sichern.» Ein Lehrverband der Armee fährt im Verlauf der nächsten Wochen mit Spezialgeräten und -maschinen auf. Yvo Laib hofft indes auf gutes Wetter, damit sich das aufgeweichte Gelände verfestigt. «Als Sofortmassnahme haben wir die kritischen Gebiete schon am Montag mit Plastik abgedeckt, um sie bei weiterem Regen zu schützen.»

Ein viel und heiss diskutiertes Thema bleibt die Sicherung des Problembachs Uerke. Schon zwei Mal sprachen sich die Uerkner gegen eine Sanierung aus. «Bestimmt hätte es etwas gebracht», ist Markus Gabriel überzeugt. Der Gemeindeammann von Uerkheim hat mit seinen Ratskollegen beschlossen, das Hochwasserschutzprojekt wieder aufzunehmen. «Wir schreiben an den Regierungsrat. Es braucht ein redimensioniertes Projekt.» Denn vom Gewitter ist auch die Einwohnergemeinde Uerkheim direkt betroffen. Neben dem Gemeindehaus standen die Keller von vier weiteren gemeindeeigenen Gebäuden unter Wasser.