Vor 50 Jahren

Ein Dokumentarfilm der AZ: So kam der Aargau zu seinem Kulturgesetz – und dem bis heute umstrittenen Kuratorium

So kam der Aargau zu seinem Kulturgesetz – und dem bis heute umstrittenen Kuratorium

Was war Aarau für eine Stadt Ende der 1960er-Jahre und wie wurde über ein Gesetz für die Kulturförderung diskutiert? Drei Zeitzeugen, die alle selbst irgendwann Mitglieder des Kuratoriums waren, erzählen.

Am 28. Oktober 1969 – heute vor 50 Jahren – tagte das Aargauer Kuratorium zum ersten Mal. Neu gab es ein Gremium, das über Anträge von Kunstschaffenden entscheiden konnte – und somit auch über Geld, das vom Kanton dafür budgetiert wurde. In welchem Umfeld entstand dieses staatlich gewählte, aber unabhängige Kuratorium? Der neue Film des Projekts «Zeitgeschichte Aargau» blickt zurück auf das kulturelle Leben in der Stadt Aarau um 1970.

Verwaltung, Kantonsschule, Militär: So ist Aarau Mitte der 1960er-Jahre geprägt. Auch in kultureller Hinsicht. Aber nicht nur. In der Rathausgasse im Keller einer Papeterie und Buchbinderei ein neues Kellertheater, das erste eigene Stadttheater. «Hier musste man sich nicht herausputzen», sagt Dorette Kaufmann, die als junge Frau die «Innerstadtbühne» häufig besuchte.

Im Saalbau, wo die Theatergemeinde Aarau Gastspiele ermöglichte, war beste Kleidung gefragt. Im neuen Kellertheater sah man neues Schauspiel auf engstem Raum. Hier wurde mit Masken, Inhalten, Sprache etwas gewagt.

Einer, der hier inszenierte, war der Wiener Schauspieler und Regisseur Peter Schweiger. Er kam via Zürich in den Kanton Aargau, war zuerst in der Badener «Claque» tätig und bald schon in Aarau. 1974 leitete er das Zofinger Kunst- und Kulturereignis «zofiscope 74». Im selben Jahr übernahm er als künstlerischer Leiter das Ensemble in der «Innerstadtbühe», dem mit der «Tuchlaube» ab 1975 ein grösseres Theater zur Verfügung stand.

Im Film erzählt Peter Schweiger von seinen künstlerischen Anfängen in Aarau, warum er die Stadt mochte und welche Experimente hier möglich waren. Das war erst der Anfang einer Theaterkarriere, die 2001 mit dem Hans Reinhart-Ring ausgezeichnet wurde, dem höchsten Theaterpreis in der Schweiz.

Aarau erstaunte Zürcher Galeristen

Neues wagte auch Max Matter. Der Künstler wuchs in Aarau auf und wohnt und wirkt auch heute in der Stadt. Zusammen mit anderen jungen Männern, die sich an Kunstschulen in Basel und Zürich ausgebildet hatten, mietete er sich 1967 in einem alten Fabrikgebäude am Aarauer Ziegelrain ein. Acht Jahre lang – mit einem Umzug – hatte die Gemeinschaft bestand. Jeder machte seine eigene Kunst, aber alle debattierten miteinander die Themen der Zeit.

Der «Ziegelrain» wurde Treffpunkt für künstlerisch Interessierte und solche, die selber Kunst machten. Auch Kunsthausdirektor Heiny Widmer war öfter hier anzutreffen. So kamen auch die Zürcher Galeristen André Wiesner und Frant Kohlbrenner in die alte Fabrik – und waren bass erstaunt über die neue Kunst, die in Aarau entstand. Hier wurde Schweizer Pop Art geschaffen, hier wurden neue Blicke gewagt. 1968 fand in der «Palette» Zürich eine Ausstellung statt. Die «Ziegelrainer» waren nun etablierte Künstler.

In den 1960er-Jahren gab es im Aargau eine grosse Zahl an künstlerischen Initiativen – Laien, aber auch bestens ausgebildete Musiker, Malerinnen oder Schauspieler prägten die Kulturlandschaft. Die meisten Künstlerinnen und Künstler finanzierten sich durch Unterricht, erhielten Beiträgen von Stiftungen, zum Beispiel der Pro Argovia, aber auch vom Lotteriefonds.

Hero-Direktor war der erste Präsident

Bereits seit den 1950er-Jahren diskutierten Parlamentarier, wie ein Aargauer Kulturgesetz aussehen könnte. 1968 liegt es zur Abstimmung vor. Generell ist die Zustimmung gross. Im «Ziegelrain» regt sich allerdings Widerstand. «Für uns funktionierte es auch ohne Gesetz», sagt Max Matter im Film.

Das Gesetz wird mit 53 Prozent angenommen. Speziell an der Aargauer Variante eines Kulturgesetzes ist das Aargauer Kuratorium. Das elfköpfige Gremium wird zu einem Teil vom Grossen Rat, zum anderen Teil vom Regierungsrat gewählt und kann abschliessend über Anträge von Kunstschaffenden bestimmen.

Maximal ein Prozent der Steuereinnahmen konnten bis vor der Revision des Gesetzes im Jahr 2009 durch Regierung und Grossen Rat für die Kultur budgetiert werden. Damit musste auch die Denkmalpflege finanziert werden – auch der Kulturgüterschutz war nun, Ende der 1960er-Jahre, gesetzlich verankert.

Am 28. Oktober 1969 tagte das Gremium Kuratorium zum ersten Mal. Sein Präsident: Markus Roth aus Lenzburg, Direktor der Hero-Fabrik. Unter anderem waren auch die Leiter der Badener und Aargauer Kellertheater, Anton Keller und Anton Krättli, aber auch der Rheinfelder Künstler Erwin Rehmann Teil des Gremiums. Obwohl Frauen das Stimm- und Wahlrecht noch nicht hatten, konnten sie dennoch Mitglied des Kuratoriums sein. Die promovierte Romanistin Elisabeth Suter-Korrodi aus Boswil war die erste Frau im Kuratorium.

Zuerst mussten Schulden abgestottert werden

Die erste Sitzung des Kuratoriums war durch Formalia geprägt. Für das Jahr 1969 gab es nicht mehr viel Geld zu verteilen. Die Denkmalpflege hatte nämlich 2,1 Millionen Franken Schulden, die über drei Jahre hinweg amortisiert werden sollten.

Ganz knapp erhielten einige Anträger – darunter auch die «Innerstadtbühne» für 1969 noch einen kleinen Beitrag. Sie hatten nämlich sehnlichst auf diese erste Sitzung gewartet, da sie beim Lotteriefonds nun an das Kuratorium verwiesen worden waren. Ausserdem hatten die ersten elf Mitglieder zu definieren, was denn genau die Funktion des Kuratoriums sei. Soll man sich eigene Aufgaben geben? Oder lediglich über Gesuche befinden?

Das Kuratorium – bis heute einzigartig und umstritten

Obwohl auch in anderen Kantonen in jener Zeit ähnliche Gesetze entstanden, ist das Kuratorium in seiner Art bis heute einzigartig. Langfristig prägt es den Kanton Aargau. Ist er deshalb ein Kulturkanton? Dorette Kaufmann, Peter Schweiger und Max Matter nehmen im Film dazu Stellung. Alle drei waren Mitglied des Kuratoriums, Dorette Kaufmann präsidierte das Gremium von 1997 bis 2003.

In regelmässigen Abständen ist das Kuratorium und die Zusammensetzung seiner Mitglieder umstritten. Auch in jüngster Zeit wieder. Nach dem Vorwurf der Vetternwirtschaft trat Stephan Diethelm, Vorsitzende des Fachbereichs «Jazz & Rock/Pop», am 21. Oktober 2019 zurück.

Lesen Sie unsere Berichterstattung über die jüngsten Entwicklungen sowie die Feier zum 50-Jahre-Jubiläum des Kuratoriums in unserem Dossier.

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